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Allgemeinmedizin 20. Juni 2007

Patient in Trance

Immer noch weckt das Wort Hypnose die Assoziation mit dem Varieté, mit Menschen in Trance, die sich lächerlich benehmen. Schon allein deshalb lehnen es manche Patienten ab, sich einer Hypnosebehandlung zu unterziehen: aus Angst, die Kontrolle über sich zu verlieren und unwiederbringlich Suggestionen unterworfen zu sein. Trotzdem etabliert sich die Entspannungsmethode nach und nach auf verschiedenen Gebieten der Medizin.

 Hypnose
Hypnosesitzungen können Menschen mit Suchtproblemen, Angstzuständen oder Stressbelastung helfen.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Der schmerzfreie Besuch beim Zahnarzt sollte nicht mehr länger Utopie sein. Mit der nebenwirkungsarmen Methode der Hypnosebehandlung kann man Patienten eine Lokalinjektion ersparen und ihnen damit auch die Angst vor zukünftigen Zahnarztbesuchen nehmen. Die Hypnose vermag aber weit mehr, als nur Schmerzen bei der Zahnbehandlung zu verhindern.
Mit Hypnose wird ein Verfahren zum Erreichen einer hypnotischen Trance beschrieben, bei welcher die Aufmerksamkeit der Person temporär verändert wird. „Hypnose ist letztendlich eine Technik zur Entspannung“, erklärt Dr. Ali Zoghlami, Facharzt für Psychiatrie im Anton Proksch Institut, Wien, und außerdem Hypnosetherapeut. „Dabei wird der Bezug zur Gegenwart milder und der Bezug zu sich selbst besser. In diesem Zustand gelingt es besser, die inneren Kräfte zu mobilisieren, um zum Beispiel Angstzustände zu überwinden.“

Ständiger verbaler Kontakt

Während der Hypnose steht der Hypnotiseur in ständigem verbalen Kontakt zum Hypnotisanden. Nach Beenden der Trance wird die Person sofort wieder in den ursprünglichen Bewusstseinszustand, ohne Nachschlafphase wie zum Beispiel bei einer Narkose, zurückgeführt. Die Einleitung einer Hypnose wird fachgerecht Induktion, die Ausleitung als Exduktion bezeichnet. Die Wirksamkeit der Hypnosetherapie ist wissenschaftlich belegt; hirnorganische Korrelate können mittels Kernspinresonanztomographie (MRT) und Elektroenzephalographie (EEG) nachgewiesen werden.
Die Hypnosetherapie findet in vielen Bereichen der Medizin und der Psychologie Verwendung. So werden Depression, Sucht, Schlaf- und Angststörungen behandelt. Gute Erfolge verzeichnet die Methode auch bei Personen, die unter Dauerstress leiden, und bei Menschen mit vermindertem Selbstwertgefühl. In der zahnärztlichen Praxis wird die Hypnose zur Schmerzkontrolle eingesetzt und auch im geburtshilflichen Bereich findet die Behandlungsmethode aufgrund ihrer Nebenwirkungsfreiheit Anwendung. Die Tiefenpsychologie und die Psychoanalyse instrumentieren die Hypnose mit Erfolg, da in Trance der Widerstand gegen eine Erkenntnis reduziert wird. Als erste Hilfe bei Verletzungen, wenn Schmerzmittel nicht eingesetzt werden können, nimmt die Hypnosetherapie ebenfalls eine Ausnahmestellung ein, denn Verunfallte sind sehr empfänglich für Suggestion, wodurch eine Dissoziation zur Situation und zum Schmerz erreicht werden kann.

Unrealistische Vorstellungen

Ist der Therapeut erfahren und ausreichend geschult, sind die meisten Menschen ohne Gefahr hypnotisierbar. Der Unterschied besteht lediglich im Erreichen der Trancetiefe. Allerdings müssen unrealistische Vorstellungen von Patientenseite bereits im Erstgespräch ausgeräumt werden. In der Literatur heißt es, dass zehn Prozent der Personen sehr leicht hypnotisierbar sind, alle übrigen leicht und lediglich fünf Prozent nicht hypnotisiert werden dürfen (siehe Kasten Kontraindikationen). Blinde oder gehörlose Personen sollten nicht hypnotisiert werden, da kein ausreichender Rapport zwischen Hypnotiseur und Hypnotisand stattfinden kann.
Nur in Ausnahmefällen werden die Kosten von der gesetzlichen Krankenkasse getragen. Privatkassen rückerstatten manchmal einen Teil der Kosten. Eine psychotherapeutische Hypnosehandlung kostet zwischen 80 und 120 Euro pro 50 Minuten. Die zahnärztliche Hypnosebehandlung rechnet sich mit 80 bis 150 Euro. Wie viele Sitzungen für einen Therapieerfolg notwendig sind, richtet sich naturgemäß einerseits nach Indikation und andererseits nach dem Andauern der Störung. Beim Zahnarzt genügt oft nur eine einzige Sitzung. Der Therapieerfolg, der durch das Therapieziel anfangs zwischen Therapeuten und Patienten vereinbart wurde, sollte nach fünf Sitzungen einer Zwischenbilanz unterzogen werden.
Hypnotiseure, die aus Showgründen Menschen in Hypnose versetzen, besitzen keinerlei therapeutische Ausbildung und schaden dem Berufsbild durch unseriöses Agieren auf der Showbühne. Medial wurde über Folgeschäden nach Showhypnosen berichtet, Depressionen oder gar Psychosen sollen aufgetreten sein, was die Hypnosetherapie in ein schlechtes Licht taucht. Dass therapeutische Hypnose nichts mit Showhypnose gemein hat, ist aber den wenigsten Patienten bewusst. Sie fürchten den Kontrollverlust, befürchten ein mehr oder weniger öffentliches Ausgeliefertsein und lehnen Hypnose generell ab. Die Effekthascherei auf der Bühne darf jedoch nicht mit der professionellen Hypnosetherapie, die einem Berufsehrenkodex unterliegt, in einen Topf geworfen werden.

Keinerlei Nachteile

Hypnose ist ein sehr gut wirksames Verfahren zur Behandlung von Schmerzen und Störungen unterschiedlicher Genese. Wie jede seriöse Therapie gehört sie in die Hände von verantwortungsvollen Professionisten. Hypnose ist kein Wundermittel, mit dem ohne Anstrengung sämtliche Problem und Krankheiten sofort gelöst und geheilt werden können. Die Wirksamkeit ist abhängig von der Einstellung des Patienten, der Schwere und Dauer der Symptomatik. Letztendlich natürlich auch vom Können des Hypnotiseurs. In Österreich können sich sowohl Ärzte als auch Psychotherapeuten in der Zusatzausbildung Hypnose qualifizieren. Die Ausbildung dauert im Schnitt zwei Jahre und schließt mit einer Prüfung ab. Die Hypnosetherapie ist hier zu Lande eine anerkannte Psychotherapierichtung auf tiefenpsychologischer Basis, die sich nach Milton Erickson orientiert. „Es handelt sich um eine medizinische Technik, und ich lege Wert auf das Wort Technik, die gut verwendet werden kann und keinerlei Nachteile bringt“, summiert der Experte aus dem Anton Proksch Institut.

 Der Ablauf

Links zum Thema:
Milton Erickson Gesellschaft für Klinische Hypnose (MEG) www.meg-hypnose.de
Österreichische Gesellschaft für angewandte Tiefenpsychologie und allgemeine Psychotherapie www.oegatap.at/

Maierhofer, Ärzte Woche 25/2007

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