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Ist Schizophrenie ansteckend?

Lange Zeit vermutete man die Hintergründe der Schizophrenie allein in einem Missverhältnis von Neurotransmittern. In den letzten Jahren häuften sich allerdings Hinweise auf mögliche Ursachen im immunologischen Bereich. Demnach beeinflussen Viren das T-Zell-System und stoßen in weiterer Folge neurodegenerative Prozesse an.

Die Schizophrenie zeichnet sich als komplexe, psychiatrische Erkrankung mit unbekannter Pathogenese, inhomogenem Krankheitsverlauf und inkonsistentem Behandlungserfolg aus. Als mögliche Entstehungsursache werden Dysbalancen im zentralnervösen Neurotransmittersystem diskutiert, wobei neben dem serotoninergen vor allem dem dopaminergen und dem glutamatergen System eine tragende Rolle zugeschrieben wird.
Gängige Antipsychotika entfalten ihre Wirksamkeit vor allem auf der Ebene der Dopaminrezeptor-Blockade. Da eine derartige nicht automatisch den gewünschten Behandlungserfolg bringt, kann allein das Neurotransmitter-Ungleichgewicht nicht für die Krankheitsentstehung verantwortlich sein.
Neue Forschungsergebnisse bestätigen die Ähnlichkeit schizophrener und autoimmunologischer Erkrankungen, was Experten annehmen lässt, dass auch autoimmunologische Prozesse ursächlich an der Entstehung von Psychosen beteiligt sind.

Junge Forschungsstrategie Psychoneuroimmunologie

Der menschliche Organismus besteht aus einer Reihe von Funktionssystemen, welche die Medizin meist isoliert betrachtet. Forschungsergebnisse der Psychoneuroimmunologie (PNI) weisen nun allerdings darauf hin, dass neuroendokrines System, zentrales Nervensystem und Immunsystem keineswegs autonom wirken, sondern ein ineinander greifendes Netzwerk verkörpern.
Stimulierende T-Helferzellen und T-Suppressorzellen bzw. eine Sekretion von Zytokinen mit ähnlichen Eigenschaften triggern massiv auch die Entstehung von nicht direkt immunassoziierten Krankheiten – das zumindest zeigen zahlreiche Studien.
Die psychoneuroimmunologische Forschung beleuchtet daher die Zusammenhänge zwischen psychiatrischen Erkrankungen und immunologischen Vorgängen auf zellulärer und humoraler ­Ebene.
So könnte dieser interdiszi­plinäre Ansatz die Entstehung sowie die Mechanismen von psychischen Krankheiten neu erklären und Therapieparadigmen verändern. Die Psychoneuroimmunologie begründet die Entstehung der Schizophrenie etwa mit der Th2-Shift-Hypothese: Aufgrund genetischer und umweltbedingter Faktoren führt demnach eine verminderte Aktivität der zellulären Immunität (Th1) bei einem relativen Überwiegen der antikörpervermittelten Immunantwort (Th2) zum Ausbruch der Schizophrenie.

Viren als Auslöser

Die Bedeutung von Umweltfaktoren bei der Entstehung von Psychosen wurde bereits anhand diverser epidemiologischer Untersuchungen nachgewiesen. Bislang gelang es jedoch nicht, die Einzelfaktoren ausreichend zu identifizieren. Tierexperimentelle Studien zeigten, dass Infektionen Autoimmunvorgänge auslösen, die ihrerseits eine akute oder chronische Inflammation im zentralen Nervensystem verursachen. In weiterer Folge werden neurodegenerative Prozesse angestoßen.
Die Medizingeschichte zeigt, dass die Fiebertherapie beachtliche Erfolge bei schizophrenen Patienten erzielen konnte. Rezente Arbeiten bestätigen einen Anstieg von Autoantikörpern in Serum und Plasma von schizophrenen Patienten, aber auch eine hohe Anzahl an viralen Infektionen. Borna-, Herpes- und Influenza-Viren, aber auch Infektionen mit Toxoplasma gondii werden verdächtigt, Entzündungen im zentralen Nervensystem zu triggern, welche letztendlich die Psychose verursachen. Erhöhte Entzündungsparameter und Antikörper können dabei sowohl im Plasma als auch lokal im zentralen Nervensystem nachgewiesen werden.

Pränatale Infektion

Die Hypothese, dass Infektionen und entzündliche Prozesse Auslöser einer Schizophrenie sein können, wird desgleichen durch Tierexperimente bestätigt: Dort erhöhten virale und bakterielle Infektionen während bestimmter Schwangerschaftsperioden das Risiko der Nachkommen, als Erwachsene an einer Psychose zu erkranken. Zudem existiert eine Korrelation zwischen Infektionsrate und saisonaler Häufung von sogenannten „schizophrenen Geburten“. Finnische und brasilianische Untersuchungen bestätigen, dass sich das Psychoserisiko von Patienten, die in der Kindheit eine ZNS-Infektion durchgemacht hatten, verfünffachte. Möglicherweise spielt dabei eine Störung der Gehirnentwicklung infolge der Infektionen eine tragende Rolle.
Des Weiteren wurde bestätigt, dass bestimmte pränatale, virale Infektionen für eine frühe Sensibilisierung des Immunsystems verantwortlich sind, wobei es zu einem Missverhältnis zwischen Typ 1- und Typ 2-Immunantwort kommt. Durch Hemmung des Enzyms Indoleamin-Dioxygenase, das den Abbau von Tryptophan zu Kynurenin reguliert, erfolgt im zentralen Nervensystem eine Aktivierung von Mikroglia und Astrozyten. Die Anhäufung von Kynurensäure führt zu kognitiven Ausfällen im Vorfeld der manifesten Psychose.

Metaanalyse ließ aufhorchen

Warum dies so ist, könnte eine Metaanalyse von genetischen, neurochemischen und pharmakologischen Studien erklären: Sie offenbarte, dass das dopaminerge System unter Modulation des ­Glutamatsystems bei der Entstehung der Schizophrenie ausschlaggebend mitspielt. Durch Antagonismus am NMDA-Rezeptor kommt es zur Unterfunktion des Glutamatsystems. Bislang ist Kynureninsäure der einzige nachgewiesene NMDA-Rezeptor-Antagonist und blockiert bereits in geringen Mengen den nikotinergen Acetylcholinrezeptor, welcher die kognitiven Funktionen entscheidend beeinflusst.

Reduzierte Typ-1-Immunantwort bei Schizophrenie

Weitere immunvermittelte Mechanismen bei Entzündungsreaktionen tragen zur Pathogenese der Schizophrenie bei. So gilt mittlerweile als bewiesen, dass bei der psychischen Erkrankung die humorale Immunabwehr aktiviert und die zelluläre Immunabwehr unterdrückt wird. In vitro verringert sich die Produktion von IL-2 sowie INF-Gamma, welche Komponenten der Typ1-Immunantwort sind. Der genaue immunologische Mechanismus konnte bislang jedoch nicht aufgeklärt werden.
IL-6, ein Produkt aktivierter Monozyten und Teil der Typ 2-Immunantwort, steigt hingegen deutlich an. Bei Schizophrenie-Patienten mit ungünstigem Krankheitsverlauf erhöht sich die Monozytenzahl.
Diese Befundkonstellation zeigt jedoch leider keine Konstanz: Medikation, Stress, Rauchen, Schlaf, Alter und Krankheitsdauer werden für die Befundvarianz verantwortlich gemacht. Die Immunantwort im ZNS wird hingegen durch Astrozyten und Mikrogliazellen repräsentiert. Aufgrund der Polarisierung der Typ 1- und Typ 2-Immunantwort konnte tatsächlich eine verstärkte Aktivierung von Astrozyten bei gleichzeitiger Hemmung der Mikroglia-Funktion nachgewiesen werden.

COX-2-Hemmer bei Schizophrenie

In einer Studie an Patienten, die erstmalig an einer Schizophrenie erkrankt waren, erhielten diese neben Risperidon als Add-on-Therapie den COX-2-Inhibitor Celecoxib. Den Teilnehmern aus dem Vergleichsarm wurde Placebo verabreicht. Dabei konnte ein signifikant besserer Therapieerfolg in der Celecoxib-Gruppe verzeichnet werden (Müller N et al., 2002 und 2006).
Antiinflammatorische Medikamente wirken als Add-on-Therapie bei Schizophrenien mit erst kurzem Krankheitsverlauf. Aufgrund ethischer Bedenken wurde begleitend immer auch eine anti­psychotische Therapie durchgeführt. Somit stehen harte Beweise für die alleinige Wirksamkeit von COX-2-Hemmern bei Schizophrenien im Anfangsstadium noch aus.
Trotzdem werfen die Erkenntnisse, dass entzündliche Prozesse eine Schizophrenie (mit) auslösen können, ein neues Licht auf die Pathogenese der Erkrankung und in weiterer Folge auch auf die Behandlungsmöglichkeiten. Befunde nicht ausgewerteter Studien stehen noch aus, jedoch geben die bisherigen Ergebnisse allen Anlass zur Hoffnung auf neue Therapien bei der Behandlung von Schizophrenien.

Maierhofer, Ärzte Woche 24/2007

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