zur Navigation zum Inhalt
 

Der Weg in ein sinnvolles Leben

Jeder vierte Österreicher erleidet im Verlauf seines Lebens eine psychische Erkrankung, Tendenz stark steigend, Alter sinkend. Bereits 16 bis 18 Prozent der Jugendlichen sind psychisch auffällig, etwa vier Prozent psychisch erkrankt. Im Therapiezentrum Knappenhof möchte man die Betroffenen in ein stressfreies und erholsames Ambiente anonym einbetten.

Der Niederösterreichische Sanitätsrat hat vor kurzem eine wesentliche gesetzliche Voraussetzung geschaffen, um psychisch Kranken den Weg in ein normales, sinnvolles Leben zu erleichtern, sei es als Nachbehandlung im Anschluss an einen Anstaltsaufenthalt oder als Prävention. Im Zentrum des Konzepts steht das Therapiezentrum Knappenhof bei Reichenau, am Fuße der Rax, mit dem Status einer Psychosomatischen Ambulanz. Geführt wird das Therapiezentrum im Rahmen des geschichtsträchtigen Hotels Knappenhof, in dessen charmanten Umgebung schon Sigmund Freud und Viktor Frankl Kraft und Inspiration fanden. Für den Hotelaufenthalt zahlt der Therapiegast den Hotelpreis, der übliche Ambulanzsatz wird von den Kassen vergütet, Privatversicherungen können für Beitragsleistungen herangezogen werden.

Anonym, keine Ausgrenzung

Hotel- oder Therapiegast, man erkennt keinen Unterschied. Hier ist man anonym, es gibt keine Ausgrenzung, keine Schwellenangst, zur Therapie zu kommen. „Das ist die Philosophie dieses erstmals in Österreich verwirklich­ten Pilotprojektes. Wir vermeiden jede Krankenhausatmosphäre, wir haben kein Therapieghetto“, erklärt dazu Jugendpsychiater Prof. Dr. Max Friedrich, der die fachlichen Gutachten dafür erstellt hat und als Konsulent mit seinen Mitarbeitern an der Wiener Universitätsklinik das Konzept wissenschaftlich begleitet. „Es soll die Lücke geschlossen werden zwischen akuter psychiatrischer Behandlung und ungenügend kontrollierter, individueller Ambulanzbehandlung“, unterstreicht Friedrich ein wesentliches Therapieziel. Vor allem für Menschen mit Erlebnis- und Belastungssyndromen, mit Burn out-Syndrom, die Anonymität suchen, sei der Aufenthalt besonders geeignet.

Mehr Gast als Patient

„Wir führen hier ein normales Hotel, unseren Therapiegästen wird eine medizinische Betreuung in familiärer Umgebung rund um die Uhr geboten“, betont Dr. Brigitte Klenner-Kaindl, die zusammen mit Dr. Thomas Legl, dem langjährigen, mittlerweile emeritierten Leiter des Vereins Grüner Kreis, das Projekt gründete und jetzt führt. Für die zwölf bis 15 Therapiegäste, die ein durchschnittliches Alter zwischen 20 und 45 Jahren haben, stehen vier Psychotherapeuten zur Verfügung. Die Betreuer erstellen individuelle Therapiekonzepte: Es wird ein Kurzzeitprogramm, zehn Tage bis drei Monate, und ein Langzeitaufenthalt, drei bis 18 Monate, angeboten. Enger Kontakt besteht mit den psychiatrischen Einrichtungen des Landes, ein betreuender Facharzt ist ständig erreichbar. „Höchster Grundsatz ist, dass weder eine Selbst- noch eine Fremdgefährdung vorliegen. Noch vor der Aufnahme kann ein Psychiater ein Gutachten erstellen, dabei sollte er den Patienten beraten und Empfehlungen geben. Wichtig ist aber, dass der Patient freiwillig den Entschluss für eine Therapie gefasst hat“, betont Friedrich.

Interaktion in der Gruppe

Neben der individuellen Einzelbehandlung fällt der Gemeinschaftstherapie eine besondere Rolle zu: Interaktion in der Gruppe, gegenseitiges Lernen, Übernahme von sozialer Verantwortung, Stärkung der Beziehungsfähigkeit – das sind nur einige Schlagwörter hierfür.

„Die Natur ist ein wirksames Medikament“

„Patienten mit Essstörungen lernen beispielsweise in der Gemeinschaft, wieder normal zu essen. Alkoholabhängige müssen so viel Eigenverantwortung aufbringen, dass sie trotz eines Glases Wein am Nebentisch nicht rückfällig werden“, erklärt Dr. Thomas Legl, Psychologe und Therapeutischer Leiter des Knappenhofes. Viel zum Erfolg der Gemeinschaftstherapie, wie sie am Knappenhof praktiziert wird, trägt das intensive Sportprogramm bei. „Wir arbeiten hier mit der Idee, dass auch die Natur ein Medikament ist, und organisieren gemeinschaftliche Skitouren oder Bergwanderungen“, sagt Legl. Das Programm an der freien Luft soll besonders für Menschen mit Stressbelastung im Sinne einer Reizentflutung heilsam sein. Meist sind Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen schulmedizinisch überbetreut. Eine sinnvolle weiterführende Behandlung wird deshalb durch alternativmedizinische Verfahren und einem ganzheitlichen Konzept ergänzt. Dazu zählen kreative Tätigkeiten, Gartenarbeit, Ausbildungskurse sowie Hilfe bei der Vollendung einer abgebrochenen Schulbildung. Die alternativen Methoden, die individuell ausgewählt werden, werden durch Yoga, Tier- und Theatertherapie, Meditationen sowie Energieübungen vervollständigt.

Rückfallprophylaxe

Rückfälle zählen zum Ablauf jeder Krankheit, insbesondere bei Suchterkrankungen. Die Abhängigkeit, ob stofflich oder nicht, muss immer als Symptom einer dahinter liegenden Problematik wahrgenommen werden. „Der Rückfall sollte zwar ernst genommen, aber nicht als Katastrophe überbewertet werden“, warnt Legl. „Dem Betroffenen gegenüber muss Toleranz gezeigt und nach entsprechender Situationsanalyse ein Unterstützungsumfeld aufgebaut werden.“ Ein schnell eingeleiteter, kurzer stationärer Aufenthalt bereits im Vorfeld einer massiven Gefährdung ist das Mittel der Wahl. „Wichtig ist dabei vor allem die Compliance, die der Patient erlernt, ebenso wie der ständige Kontakt zu seinem Therapeuten“, darin sieht Friedrich den Weg aus der Krise in ein normales, sinnvolles Leben.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben