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Bipolare Störungen: Unbekanntes Land

Ein Buch sowohl für Betroffene als auch für Therapeuten zu schreiben, ist eine große Herausforderung. Der bekannte niederösterreichische Psychiater Prof. Dr. Christian Simhandl hat sich der Aufgabe gestellt.

Bipolar Erkrankte gelten als schwierige Patienten. In einer manischen Phase kann dem Betroffenen die Krankheitseinsicht völlig fehlen, während einer Depression jedoch ist derselbe Patient hoffnungslos und entbehrt jeglicher Tatkraft, ein therapeutisches Angebot anzunehmen. Nach der akuten Episode glauben manche Betroffene, die Gefahr wäre gebannt, und lehnen weitere Psycho- oder Pharmakotherapie ab. Das wiederum frustriert Therapeuten. Prof. Dr. Christian Simhandl, Leiter der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses Neunkirchen, arbeitet seit über 20 Jahren mit „Manisch-Depressiven“. Mit dieser Erfahrung im Hintergrund hat er sein neues Buch für Therapeuten wie Patienten geschrieben und mit der ÄRZTE WOCHE darüber gesprochen.

Was ist der Grundgedanke Ihres neuen Buches?
Simhandl: Jene, die sich jahrzehntelang mit psychischen Erkrankungen auseinandersetzen, habenzwar das Wissen über den weiteren Verlauf der Erkrankung. Die Betroffenen jedoch realisieren den Ernst ihres Leidens manchmal gar nicht. Sie interpretieren ihre Erkrankung nach der gegenwärtigen Situation am Arbeitsplatz und in der Familie, nehmen ihre Medikamente nicht ein – auch wenn sich der Therapeut sehr bemüht, den Verlauf der Erkrankung zu erklären. Das ist oftmals sehr frustrierend für den Behandelnden. Auch ich als erfahrener Arzt und Therapeut kann nicht innerhalb von einer Stunde all das Wissen vermitteln, welches ein Mensch mit bipolarer Störung benötigt, um damit gut umgehen zu können. Um diese Lücke zu schließen, habe ich dieses Buch geschrieben.

Der informierte Patient hat eine höhere Compliance. Aber das Buch ist auch für Therapeuten geschrieben, Ärzte aus anderen Fachbereichen zum Beispiel.
Simhandl: Das Buch ist für Betroffene und Laien verständlich geschrieben, jedoch mindestens ebenso geeignet für Ärzte und Therapeuten, die sich nicht wie ich die letzten 25 Jahre andauernd mit bipolarer Erkrankung auseinandergesetzt haben. In der Psychotherapieausbildung lernt man ja sehr wenig über bipolare Erkrankungen. In diesem Buch erfährt der Therapeut, wie er sein Vorgehen auf diese Problematik einstellen und anpassen kann.

Sehen Sie im diesem Bereich Weiterbildungsbedarf in der Ärzteschaft?
Simhandl: Der Ausdruck „bipolare Erkrankung“ wird ja erst seit kurzem verwendet. Jeder weiß, was Manie oder Depression ist, was da aber im Einzelnen zu berücksichtigen ist, das wissen sehr wenige. Der Kenntnisstand hat sich in den letzten zehn Jahren stark verändert. Zu lebenslangem Lernen sind wir ja alle angehalten und gezwungen. Nicht nur die medikamentöse Therapie ändert sich, auch psychotherapeutische Techniken sind im Wandel begriffen.

Die alte Standardtherapie war ja Lithium.
Simhandl: Diese Substanz ist in den letzten Jahren vernachlässigt worden, erlebt heute aber international eine Renaissance. Lithium ist die bestuntersuchte Substanz, keines der neuen Präparate kann mehr als fünf Jahrzehnte Forschungs- und Anwendungserfahrung aufweisen. Lithium alleine wirkt bei 60 bis 70 Prozent der Betroffenen sehr gut. Die übrigen benötigen Kombinationen mit anderen Medikamenten. Die Dosierung der einzelnen Präparate kann dadurch häufig verringert werden, was die Verträglichkeit verbessert.

Welches sind die modernen psychotherapeutischen Zugänge?
Simhandl: Die kognitive Verhaltenstherapie ist am besten untersucht. Weiters fokale Therapien aus dem tiefenpsychologischen Bereich. Aus der Familientherapie gibt es ebenfalls Arbeiten. Egal welche Psychotherapieschule: Sie muss auf die bipolare Erkrankung zugeschnitten sein – denn immer wieder brechen Patienten die Therapie ab, weil ja „alles in Ordnung“ ist, dann kommt jedoch die nächste Phase. Die Patienten sind dann von der Psychotherapie wie von den Medikamenten enttäuscht.

Man darf sich also nicht in Sicherheit wiegen?
Simhandl: Bei vorangegangenen Episoden und klarer Diagnose ist die Wahrscheinlichkeit eines neuen Schubes ohne Medikation sehr hoch – bei 80 Prozent. Die Pharmaka können erneute Anfälle nur hinauszögern, aber nicht verhindern.

Geht es darum, den Verlauf der Erkrankung zu optimieren?
Simhandl: Heilung bedeutet in diesem speziellen Fall, mit der Krankheit so zu leben, dass sie den Alltag nicht beeinflusst und der Patient mitsteuern und mitgestalten kann. Eine der wesentlichsten psychotherapeutischen Formen ist die Psychoedukation. Das ist eine spezielle Technik, bei der in kleinen Gruppen binnen acht Sitzungen alles durchbesprochen wird, was rund um die Erkrankung wichtig ist.

Weisen bipolar Erkrankte vermehrt Angststörungen, substanzgebundene Süchte oder Ähnliches auf?
Simhandl: Das ist das Wesentliche an der neuen Sichtweise der bipolaren Erkrankung. Nicht nur die schweren Formen, die im Spital landen, werden berücksichtigt, sondern man sollte viel früher diagnostizieren und eingreifen. Leichte Formen sind sehr verbreitet, manche Untersuchungen gehen von bis zu 20 Prozent der Bevölkerung aus. Die sind nicht dramatisch in der Ausprägung, aber in der Qualität stehen sie der bipolaren Erkrankung sehr nahe. Diese Menschen neigen gehäuft zu Alkohol- und Substanzmissbrauch, Suizidhandlungen und Nikotinsucht. Auch soziale Probleme bis hin zur Kriminalisierung treten in diesen Gruppen vermehrt auf. Hier könnte man Menschen frühzeitig helfen und den gesamten Verlauf deutlich positiv beeinflussen.

Behandlungsbedarf besteht, sobald Leidensdruck besteht und der Patient die Erkrankung nicht mehr mitsteuern kann. Durch Psychoedukation und Information ist der Patient also in der Lage, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen?
Simhandl: Ich kenne viele Menschen, die durch kompetente Behandlung trotz dieser Diagnose und entsprechender Medikation sehr gut leben, erfolgreich im Familien- und Berufsleben sind.

Dr. Rainer Schröckenfuchs, Ärzte Woche 21/2007

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