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Psychiatrie und Psychotherapie 20. September 2007

Ungewöhnliche Initiative

Dank der ärztlichen Leiterin Dr. Irina Taschler haben die Klienten des psychosozialen Dienstes Waldviertel regelmäßig Gelegenheit, sich sportlich zu betätigen. Jeden Mittwoch können sie die Geräte und anderen Trainingsmöglichkeiten eines Fitnessstudios in Zwettl nutzen.

„Juhuuu, jetzt gelingt mir die Übung endlich!“ Freudenschreie wie dieser sind am Mittwoch um die Mittagszeit im Studio Top Fitness nicht selten zu hören. Zu diesem Termin ist die ärztliche Leiterin des psycho­sozialen Dienstes (PSD) Waldviertel, Dr. Irina Taschler, mit zehn bis 15 ihrer Klienten regelmäßig in dem Zwettler Freizeitunternehmen anzutreffen – beim Training auf Laufbändern und Fahrradergometern, an den Kraftgeräten oder beim Stretching. „Etliche Patienten haben mir schon berichtet, dass sie von den Fitnessübungen sehr profitieren“, freut sich Taschler.
Die Idee für die ungewöhnliche Initiative kam der Fachärztin für Psychiatrie, als sie selbst nach einem Bandscheibenvorfall erstmals mit körperlichem Training begonnen hatte. „Davor habe ich nicht unbedingt zu den ,Fitness-Fanatikern’ gezählt. Aber nachdem ich einmal mit Gesundheitssport begonnen hatte, habe ich dessen Vorteile erkannt“, erinnert sich Taschler.

1.200 Euro gesammelt

Da sie aus Einzelberatungen beim PSD Waldviertel auch gewusst habe, dass zahlreiche ihrer Klienten auch Gewichtsprobleme hatten und an anderen körperlichen Beeinträchtigungen litten, sei sie auf die Idee gekommen, ihnen ein Sportprogramm anzubieten.
Als Frau der Tat hat Taschler ihren Einfall rasch in die Praxis umgesetzt. Bei ihrer Geburtstagsfeier bat sie ihre Gäste, für den guten Zweck zu spenden, und lukrierte insgesamt 1.200 Euro. Genug, um vor einigen Monaten das Projekt zu starten, zumal sie auch Reinhard Ris dafür gewinnen konnte. Der Zwettler Fitnessstudio-Besitzer stellt seine Räume kurz vor und während der offiziellen Mittagspause für nur zwei Euro pro Person zur Verfügung.
„Bei unseren Klienten handelt es sich um Menschen, die ambulant behandelt werden. Sie leiden an schweren chronischen psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie oder Depressionen oder an Persönlichkeitsstörungen wie dem Borderline-Syndrom. Zu Beginn war es nicht einfach, sie für das Training zu begeistern, aber ich habe einfach nicht locker gelassen. Aktuell gibt es zehn bis 15 Patienten, die am Mittwoch regelmäßig zum Training kommen“, sagt Taschler.

Die Psychiaterin als Vorturnerin

Die Fachärztin ist meistens auch selbst anwesend, und bei Bedarf zeigt sie Trainingsneulingen die eine oder andere Übung vor oder stellt ein Gerät der Körpergröße entsprechend ein. Das Team des Zwettler Fitnessstudios steuert ebenfalls sein Know-how bei. Besitzer Ris hat für jeden Patienten einen persönlichen Trainingsplan erstellt, seine Assistentin ist für das Stretching-Programm und andere gymnastische Übungen zuständig.

Das Training in der Gruppe motiviert

„Durch das Training in der Gruppe motivieren sich unsere Klienten gegenseitig. Manche sind recht ehrgeizig und konnten ihre körperlichen Leistungen in vergleichsweise kurzer Zeit steigern“, so Taschler. Die ärztliche Leiterin des PSD Waldviertel sieht ihr Projekt auch als Ergänzung zum Club Aktiv, einem Angebot, das die Caritas der Erzdiözese St. Pölten für die psychosozialen Dienste in den westlichen Bezirken Niederösterreichs etabliert hat. Bei dieser Initiative, die von Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern betreut wird, wird Menschen mit psychischen Erkrankungen täglich für vier Stunden die Möglichkeit zu gemeinsamen Aktivitäten und zum Erfahrungsaustausch geboten. Dazu gehört auch, dass in den meisten Clubs einmal pro Woche gemeinsam gekocht wird. „Gesunde Ernährung sollte aber nach Möglichkeit mit ausreichender Bewegung kombiniert werden. Dazu trägt das Training im Fitnessstudio bei“, betont Taschler.

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 38/2007

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