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Zu wenig Burn-out-Prävention für Ärzte

Seelische Belastungen über längere Zeit, Frustrationen und das Nichterreichen von Zielen können krank machen – das gilt für alle Berufsgruppen und gerade für Mediziner. Mehr als ein Drittel der niederösterreichischen Ärzte sieht sich laut einer Umfrage der Ärztekammer der Gefahr ausgesetzt, an Burn-out zu erkranken.

Doz. Dr. Klaus Ratheiser ist Intensivmediziner und ehemaliger Stationsleiter am Wiener AKH und arbeitet heute als „Psychologe für Ärzte“. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE erläutert er, welche Bedeutung, Anerkennung und Wertschätzung Ärzte im Arbeits­alltag haben und weshalb Spitäler seiner Meinung nach „krankmachende Organisationen“ sein können. Ratheiser fordert die strukturelle Umsetzung von Strategien, mit denen Mediziner die oft sehr starke emotionelle Belastung bei ihrer Tätigkeit besser verarbeiten können.

Ihr aktuelles Buch „Der missachtete Mensch“ trägt den Untertitel „Vom Leben in krankmachenden Organisationen“. Sind Österreichs Spitäler solche Organisationen?
Ratheiser: Aus meiner Sicht können sie das sehr wohl sein. In Krankenhäusern arbeiten viele Menschen, die große Verantwortung tragen. Von den Mitarbeitern wird im Umgang mit Schwerkranken, Sterbenden und deren Angehörigen emotionell sehr viel gefordert, und dem steht oft wenig oder gar keine Unterstützung bei der Verarbeitung dieser emotionellen Belastungen gegenüber, es werden keine Bewältigungsstrategien angeboten. Seelische Belastung über längere Zeit hinweg ohne Entlastung macht psychisch und körperlich krank. Was man nicht äußert, wird zum Symptom.

Laut einer Online-Umfrage der nieder­österreichischen Ärztekammer unter 1.300 Medizinern in Niederösterreich (siehe Kasten) sehen 36 Prozent der Befragten eine mehr als 51-prozentige Gefahr, am Burn-out-Syndrom zu erkranken. Was kann Ihrer Meinung nach unternommen werden, um zu vermeiden, dass immer mehr Mediziner vom Burn-out-Syndrom betroffen werden?
Ratheiser: Es gibt noch zu wenige fundierte Studiendaten über Burn-out bei Ärzten. Aber von meinen persönlichen Erfahrungen aus 20 Jahren klinischer Arbeit ausgehend glaube ich, dass Ärzte von diesem Beschwerdebild besonders stark betroffen sind. Burn-out kann unter anderem durch permanente Überlastung, ständige Frustration, das Nichterreichen von Zielen und zu hohe persönliche Erwartungen entstehen. Zu den körperlichen Symptomen können Rückenschmerzen oder Verdauungsprobleme zählen. Weitere Beschwerden in Folge von Burn-out können Konzentrations- und Schlafstörungen sowie Stimmungsschwankungen bis hin zu Depressionen sein. Das Burn-out-Syndrom hat nicht immer einen typischen Verlauf, das heißt, es entwickelt sich nicht immer streng nach den von Freudenberger und North beschriebenen zwölf Stufen des „Burn-out-Zyklus“. Als Präventivmaßnahme wäre es notwendig, die seit Jahrzehnten bekannten und erfolgreichen psychologischen Entlastungsmethoden auch an Krankenhäusern in strukturierter Form einzusetzen. Spitalsmitarbeiter sollten die Möglichkeit haben, sich in einem geschützten Rahmen in einem reflektierenden Gespräch zu ihren emotionellen Belastungen zu äußern, zum Beispiel im Rahmen von Supervision, Mentoren-Runden, Balint-Gruppen, Einzel- oder Team-Coaching.

Was müsste noch verändert werden, um den Arbeitsalltag in Krankenhäusern gesünder zu gestalten?
Ratheiser: Aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass sich „Mentorenkonferenzen“ für junge Kollegen sehr positiv auswirken können. Dabei werden Turnusärzte regelmäßig von Medizinern mit längerer Berufspraxis beraten. Weiters spielt auch der Führungsstil für die Gesundheit der Mitarbeiterinnen eine wesentliche Rolle. Deshalb ist es auf dem Weg zu einer möglichst gesunden Organisation auf jeden Fall auch notwendig, dass Führungskräfte sich mit ihrem Führungsverhalten auseinandersetzen und sich ihre Schwächen eingestehen. Dafür muss bei den leitenden Ärzten auch der Mut vorhanden sein, sich den eigenen Problemzonen zuzuwenden. Besonders wichtig ist auch, dass Führungskräfte ihren Mitarbeitern in ausreichendem Maß Anerkennung zeigen. Wertschätzung ist meiner Meinung nach elementar für die Gesundheit einer Organisation, sie ist gewissermaßen deren „Brennstoff“ – so wie es Sauerstoff für den Körper ist.

Ist in einem Krankenhaus nicht oft der Zeitdruck zu groß, um dem Team die angesprochene Anerkennung und Wertschätzung zu spenden?
Ratheiser: Es nicht notwendig, ein einstündiges Gespräch mit einem Mitarbeiter zu führen oder theoretisches Wissen aus verschiedenen Managementkursen umzusetzen. Wenige Augenblicke können schon ausreichen, um enorm viele positive Zeichen zu setzen, sofern die Mitarbeiter spüren, dass die Führungskraft den jeweiligen Arbeitsbereich wirklich kennt und die Anerkennung authentisch ist.

Sie waren mit 37 Jahren Leiter einer internistischen Intensivstation und bezeichnen sich heute als „Psychologen für Mediziner“. Weshalb haben Sie Ihren vorgezeichneten Karriereweg verlassen?
Ratheiser: Der Auslöser war eine ISO-9000-Zertifizierung für Qualitätsmanagement. Für mich bedeutete das, von außen Leute hereinzuholen, um gegen die eigene Betriebsblindheit zu arbeiten. Dabei habe ich auch begonnen, intensiv über die Bedeutung des Schlagwortes „humane Ressourcen“ im Klinikalltag nachzudenken. Ich erkannte, dass damit im Kern die restliche Lebenszeit jedes einzelnen Mitarbeiters gemeint ist und somit auch meine eigene – und dass es nicht egal ist, wie diese Lebenszeit verfließt.

Was haben Sie in der Folge verändert?
Ratheiser: Ich habe 2001 bis 2003 neben meiner Tätigkeit am Wiener AKH einen Lehrgang für „Soziale Kompetenz, Mediation und Konfliktmanagement“ an der Universität in Klagenfurt absolviert. Gleichzeitig habe ich auch mit dem literarischen Schreiben begonnen. 2003 kam mein erstes Buch „Die Schärfe des Augenblicks – ein Intensivmediziner erzählt von seinen Erfahrungen“ beim Seifert-Verlag heraus. Von Oktober 2003 bis Oktober 2005 war ich dann in unbezahltem Urlaub, davon drei Monate in Andalusien, wo ich ein sehr einfaches, aber zufriedenes Leben führte. Heute kann ich auf eine fast zweijährige Praxis als Psychologe und Coach für Mediziner zurückblicken, vorwiegend in der Schweiz. Seit Kurzem bin ich auch für die Wiener Medizinuniversität tätig, für die ich im Auftrag der Personalentwicklungsabteilung ein fünftägiges Seminar zum Thema „Soziale Kompetenz und Burnout-Prävention“, aber auch Einzelberatungen anbiete. Außerdem halte ich an der Medizinuniversität Vorlesungen zum Thema „Selbst-bewusst-Sein und emotionale Kompetenz“.

Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?
Ratheiser: Einerseits möchte ich weiter literarisch schreiben, andererseits präventiv für Ärzte tätig sein und sie dabei unterstützen, ihre psychische Gesundheit zu stärken – im Sinne einer Salutogenese für Mediziner, ein Ansatz, der im Gesundheitswesen bislang noch kaum eine Rolle spielt. Nach meiner Erfahrung ist es für mich in meiner neuen Funktion als Psychologe und Coach für Spitalsärzte von Vorteil, dass ich den Berufs­alltag im Krankenhaus aus langjähriger Erfahrung kenne. Spitalsärzte sehen mich als einen der ihren an und erkennen, dass ich auch das verstehen kann, was sie zwischen den Worten sagen. Sie sind deshalb auch viel eher bereit, sich zu öffnen, weil sie spüren: Das ist einer, der weiß, wovon er redet.

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Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 19/2007

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