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Psychiatrie und Psychotherapie 14. November 2007

Bezaubernde Heilkunst (Narrenturm 120)

Geheimnisvoll und archaisch wie der Narrenturm selbst sind die Objekte der ethno-medizinischen Afrika-Sammlung im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum. Die letzten Geheimnisse dieser meist rätselhaften Artefakte sind für einen Uneingeweihten kaum jemals wirklich begreifbar. Die geradezu brutale Einfachheit der künstlerischen Gestaltung macht die Kraft dieser Objekte aber geradezu fühlbar. Plötzlich ahnt auch der wissenschaftlich denkende, der akademischen Medizin nahe stehende Europäer, warum diese magisch-kultischen, manchmal sogar unheimlichen und dämonischen Objekte von traditionellen afrikanischen Heilern gegen Krankheit bringende Hexerei und Magie oft mit Erfolg eingesetzt wurden und noch immer werden.

 Nkondi
Nkondi. Ein Nagelmann-Fetisch aus dem Kongo. Eine mit zauberkräftigen rostigen Nägeln gespickte Holzfigur, die wie ein Spinnennetz das Schlechte einfangen und neutralisieren soll.

Foto: Nanut/Regal

Für fast alle Ethnien Afrikas sind zum Ausbruch einer Krankheit zwei gleichzeitig vorhandene Ursachen nötig: eine „natürliche“, wie etwa Verletzung, Unfall oder auch Infektion, und eine „übernatürliche“, wie Hexerei, Schadenszauber oder schwarze Magie. Die natürliche Ursache wird üblicherweise mit Kräutern, Physiotherapie, Massagen, Wasseranwendungen oder Ableiten der Krankheitsstoffe durch Aderlässe und Skarifikationen behandelt. Gegen Hexerei und Magie helfen nur andere Mittel.

Für medizinische Fragen kontaktieren Sie bitte Ihren „Nganga“

Mit Tanzseancen, Orakelbefragungen, magischen Handlungen wie Räucherungen, Handauflegen, Beten und Besprechen versucht der „nganga“ – Heiler, traditioneller Arzt, Tradipraktiker, Fetischzauberer und ohne herabsetzenden Beigeschmack in Afrika auch Scharlatan genannt – den an der Krankheit schuldigen Hexer oder Magier zu identifizieren und zur Lösung des Konflikts zu zwingen.
Schädigende Hexerei und Magie wird oft als Strafe für soziales Fehlverhalten des Patienten oder eines seiner Familienmitglieder gesehen. Die erzürnten Geister können da oft nur durch langwierige exorzismusähnliche Rituale beruhigt werden. Der „nganga“ ist Krankenheiler, Wahrsager, Orakelsteller und Spezialist in der Bekämpfung böser Hexen, Geister und Magier. Das Wort selbst, es stammt aus einer Bantu-Sprache, bedeutet, dass es sich um eine Persönlichkeit handelt, die Macht über etwas hat, und wird heute praktisch überall in Afrika für einen traditionellen Heiler verwendet. Der „nganga“ kann die Verbindung zu Geistern und anderen übermenschlichen Mächten herstellen, stellt Schutz- und Heilmittel her und aktiviert Fetische oder lädt sie nach Nachlassen ihrer Leistung mit magischen Kräften auf.
Medizin wird vom „nganga“ aus vielfältigen Dingen menschlicher und tierischer Herkunft hergestellt. Blut, Haare, Hörner, Knochen, Gräser und Blätter sind hier neben Heilpflanzen von besonderer Bedeutung. Weit wirksamer wird die Medizin, wenn sie auf Objekte übertragen und diese dann gleichsam zum Leben erweckt und ihre unheimlichen magischen Kräfte aktiviert werden. Zauberfiguren, Fetische, Masken, Trommeln und andere Musikinstrumente werden dadurch zu lebenden Wesen, zu lebender, höchst wirksamer Medizin.

Lebendiges Wesen Fetisch

Vom Fetisch erwarten sich Afrikaner nicht nur medizinische Hilfe. Er ist beileibe kein totes Objekt, sondern für die Meisten ein lebendiges Wesen. Er kann sprechen, fordert Opfer, und da er klüger ist als sein Besitzer, warnt, hilft und beschützt er ihn in allen Lebenslagen. Die Feinde seines Besitzers kann der Fetisch verfolgen, krank machen und im schlimmsten Fall sogar töten. Jede Ethnie Afrikas besitzt eine Unzahl von Fetischen, die vom Fetischpriester mit Opferungen, geheimen Zeremonien und Ritualen mit übernatürlichen Kräften aufgeladen werden. Mit dieser Zaubermedizin schützt man sich gegen Unglück und alle Arten von feindlichen Angriffen. Besonders gegen die brandgefährlichen Totenseelen sind Fetische unerlässlich.

Ein Nagel für das Böse

Ein interessantes Objekt der Sammlung im Narrenturm ist ein sogenannter „nkondi“, ein Nagelmann-Fetisch aus dem Kongo. Eine mit zauberkräftigen rostigen Nägeln gespickte Holzfigur, sie soll wie ein Spinnennetz das Schlechte einfangen und neutralisieren. Nach dem Weiheritual und dem „Wecken“ durch den Medizinmann dürfen niemals Nägel aus dem Fetisch entfernt werden, da sonst ein Loch im Schutznetz entsteht und der ganze Zauber verloren ist.
Trotz der Konkurrenz durch die westliche Medizin steht die traditionelle Heilkunde in Afrika noch immer hoch im Kurs. Wenn sie die Möglichkeit haben, unterscheiden die Patienten genau, bei welchen Beschwerden sie wo Hilfe suchen. Heute betreiben traditionelle Heiler Ordinationen oder sogar kleine Krankenhäuser, manchmal in unmittelbarer Nähe eines westlichen Spitals. Sie sind stolz auf ihren Heilpflanzen-Schatz, verwenden aber auch westliche Medikamente. Ihr Erfolg liegt durchaus nicht nur in der – tatsächlich bestehenden – schlechten Versorgung mit Krankenhäusern. Afrikanische Patienten suchen den „nganga“ auf, nicht weil Ärzte fehlen, sondern – auch wenn viele es nicht wahrhaben wollen – weil er manches tatsächlich heilt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 46/2007

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