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Allgemeinmedizin 30. Oktober 2007

Das Stilett gegen den Scheintod (Narrenturm 118)

Nach der Beerdigung im Sarg zu erwachen ist eine tiefe menschliche Urangst. Tachophobie nennt die Psychiatrie diese krankhafte – heute eher selten gewordene – Angst.

 Herzstichset
Das Herzstichstilett war Bestandteil jeder ordentlich gepackten Arzttasche.

Foto: Nanut/Regal

Im 18. und 19. Jahrhundert war die Grabesfurcht geradezu ein Massenphänomen. Viele fürchteten sich demzufolge auch vor dem Scheintod. Ein Begriff, der aus dem modernen medizinischen Vokabular verschwunden ist. Extrem auf Sparflamme brennendes Leben wird heute „vita reducta“ oder „vita minima“ genannt.

Eine begründete Angst?

Die Wahrscheinlichkeit, tatsächlich lebend begraben zu werden, war eigentlich immer ausgesprochen gering. Die Angst davor war aber oft gar nicht so unbegründet. Zum einen war die ärztliche Begutachtung eines Verstorbenen gesetzlich oft gar nicht vorgeschrieben, zum anderen musste sich auch der Arzt bei der Feststellung des Todes nur auf Auge, Ohr, Tast- und Wärmesinn verlassen. Dazu kam noch, dass die oft durch die Krankheit an sich schon extrem geschwächten Körper mit Aderlässen, Einläufen, Blutegel und Schwitzkuren gehörig malträtiert waren und Zustände einer totenähnlichen „vita minima“ möglicherweise viel häufiger auftraten als heute. In chaotischen Epidemie- und Seuchenzeiten mit Massen von frisch Verstorbenen waren die Ärzte bei der Feststellung des Todes auch hoffnungslos überlastet. So konnte es schon vorkommen, dass nicht alle Leichen sorgfältig untersucht wurden und – wie in der Legende vom „lieben Augustin“ in Wien oder der vom betrunkenen Dudelsackspieler in England – als vermeintliche Leichen in Massengräbern landeten, aus denen sie am nächsten Tag ausgenüchtert und fröhlich wieder herauskrabbelten.
Aber auch unter normalen Umständen waren die Todeszeichen, auf die sich Ärzte am Beginn des 18. Jahrhunderts verlassen mussten, oft recht trügerisch. Mehr als Pulskontrolle, später auch Abhören des Herzschlages und Beobachtung der Atmung stand den Medizinern damals nicht zur Verfügung. Als „Hülfsmittel“ verwendeten sie den berühmten Spiegel, der dem Toten vor dem Mund gehalten wurde, um zu sehen, ob er sich durch den Atem beschlägt, Federn vor Mund und Nase, Kerzen oder ein Wasserglas auf der Brust, um an der Wasserbewegung minimale Thoraxexkursionen zu erkennen. Letztendlich galt aber nur die Verwesung als sicheres Zeichen des Todes.
Im Zweifelsfall kamen als Wiederbelebungsmaßnahmen zur Anwendung: das Reizen der Nasenlöcher mit Pfeffer, Niespulver, Knoblauchsaft, einem Federkiel oder einem spitzen Bleistift, die Anregung der Gedärme mit brennend scharfen Einläufen, das Ritzen der Fußsohlen mit dem Rasiermesser oder deren Behandlung mit glühendem Eisen, siedendes Kerzenwachs auf die Stirn, lange Nadeln unter die Zehennägel und als ultima Ratio einen rotglühenden Schürhaken in den Anus der beklagenswerten Leiche.

Gruselgeschichten und die rohe Feststellung des Todes

Ein auf diese Art Wiederbelebter wird möglicherweise nicht allzu viel Freude nach dem Erwachen gehabt haben. Ver­glichen damit waren die Foltern der heiligen Inquisition das reinste Vergnügen.
Zahllose spektakuläre Berichte in Zeitungen, aber auch in der medizinischen Fachpresse, von grausigen Begebenheiten und Funden in den Gräbern, schürten vom 17. bis ins 19. Jahrhundert in Europa die Angst, lebendig begraben zu werden: Stöhnen aus dem Sarg, Skelette in schrecklich verzerrten Stellungen in ihren Särgen, Kratzer an der Innenseite des Sargdeckels, Holzsplitter vom Sarg unter den Fingernägeln der Leichen, in Panik und Verzweiflung im Todeskampf abgenagte Hände. Wenn auch die wissenschaftliche Gerichtsmedizin fast alle diese Phänomene mit natürlichen Ursachen – Zersetzung, Tierfraß, etc. – erklären konnte, blieb die Angst, lebendig begraben zu werden, bestehen. Das Vertrauen in die Kunst der Ärzte war anscheinend auch nicht besonders groß. Sarkastisch formulierte der bekannte Satiriker und Schauspieler Johann Nepomuk Nestroy: „...die medizinische Wissenschaft ist leider noch in einem Stadium, dass die Doktoren, selbst wenn sie einen umgebracht haben, nicht einmal gewiss wissen, ob er tot ist, der Patient.“ Um dem grausamen Schicksal des lebendig Begrabenwerdens zu entgehen, verfügte Nestroy – wie viele andere damals – testamentarisch, dass seiner Leiche ein Dolch ins Herz gestoßen werde. Der Herzstich – oder das Öffnen der Pulsadern – war in Österreich-Ungarn bis an den Beginn des 20. Jahrhundert eine übliche Methode der „Tötung durch den Arzt“.
Nach Feststellung des Todes durch den behandelnden Arzt und den amtlichen Totenbeschauarzt vollzog ein dritter Arzt gegen Honorar den Herzstich. Scheintot war man danach sicher nicht mehr. Ein Herzstichstilett war einst Bestandteil jeder Arzttasche. Ein leicht gebogenes Stilett im eleganten Lederetui kann in der Sammlung des Narrenturms bewundert werden.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 44/2007

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