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Qualität psychiatrischer Notfallshilfe in Gefahr

Über elf Jahre lief der psychiatrische Notdienst in Kärnten völlig klaglos. Durch eine Überführung in die Organisation des Spitalsträgers KABEG wird ein Einbruch in der Qualität bei diesem wichtigen Instrument befürchtet.

Geht es um psychische Gesundheit, wird immer wieder die Wichtigkeit von möglichst niederschwelligen und dezentralen Angeboten betont. Ähnlich wie in Oberösterreich hat sich auch in Kärnten der „Psychiatrische Not- und Krisendienst“ von pro mente Kärnten einen auch internationalen Namen gemacht. 2003 wurden zusätzlich zur Zentrale in Klagenfurt Einsatzstellen in drei Regionen aufgebaut. Multiprofessionelle Teams haben sowohl eine Rund-um-die-Uhr-Telefonberatung als auch mobile Einsätze angeboten. „Eine wesentliche Funktion des Krisendienstes ist, zu einer sehr raschen Deeskalation beizutragen“, betont Dr. Thomas Platz, Vorstand am Zentrum für Seelische Gesundheit des LKH Klagenfurt und Obmann von pro mente Kärnten. Sehr rasch eingebunden werden konnte zudem das unmittelbare Umfeld des Betroffenen.

Die Dauer von Spitals­aufenthalten verkürzt

Eine wichtige Aufgabe des Notdienstes war bislang die Reaktivierung oder die neue Initialisierung lokaler sozialer Netze. Dies bringt eine deutliche Entlastung von niedergelassenen Ärzten – besonders auch von Hausärzten, die oft erste Anlaufstelle für psychische Krisen sind –, vermeidet in vielen Fällen zwangsweise Einweisungen in psychiatrische Abteilungen bzw. reduziert die Dauer von Spitalsaufenthalten und trägt auch zur Verringerung von Verzweiflungstaten bei. „Eine Besonderheit dieses Angebots ist, dass es von Menschen mit psychischen Krankheiten, von Angehörigen, von Ärzten, Pflegepersonal und psychosozialen Experten gemeinsam entwickelt wurde“, betont Platz. All diese Personen wurden allerdings nicht gefragt, als die Sozialabteilung der Kärntner Landesregierung beschloss, dass der „Psychiatrische Not- und Krisendienst“ ab 1. Jänner von der Kärntner Krankenhauserrichtungsgesellschaft (KABEG) durchzuführen ist. „Eigentlich war es eine kalte Enteignung, durch die die Qualität dieses wertvollen und anerkannten Dienstes ohne wirklich fundierte Gründe gefährdet wird“, kritisiert Platz. Nun geht der Dienst von Spitalsabteilungen aus und wird vor allem durch Ärzte und Pflegepersonal umgesetzt. „Das bringt zwar den positiven Effekt, dass diese Sozialpsychiatrie hautnah miterleben und mitgestalten und so wertvolle Erfahrungen sammeln können. Organisiert werden auch spezielle Fortbildungen. Allerdings ist die Hemmschwelle zur Nutzung eines Dienstes, der an einem Krankenhaus angebunden ist, sicher höher.“ Platz kritisiert zudem, dass von Seiten der KABEG Probleme dadurch gemacht werden könnten, dass keine diensthabenden Ärzte teilnehmen dürfen – „dadurch wird es organisatorisch sehr schwierig.“

Gründliche Analyse

Die Frequenz der Ausfahrten des Krisendienstes ist jedenfalls seit Jänner sehr stark zurückgegangen – „wir werden auf eine sehr gründliche Analyse der laufenden Evaluation drängen“, so Platz. Auch Dr. Othmar Haas, Präsident der Kärntner Ärztekammer, ist von den Vorgängen wenig begeistert: „Der psychiatrische Not- und Krisendienst hat sich jahrelang bewährt und jetzt wird dieser, obwohl er ein extramurales Angebot ist, einfach in das Spitalwesen eingegliedert – ein mobiler Krisendienst gehört aber nicht zu den Aufgaben eines Krankenhauses.“ Die Frage ist für ihn auch, ob die derzeit in den Dienst involvierten Personen – nur ein Drittel der bisherigen Belegschaft hat sich zum Weitermachen entschlossen – tatsächlich über die nötige Erfahrung für diese sensible Aufgabe verfügen. Eine psychosoziale Grundausbildung und elf Jahre Erfahrung könnten nicht von einem Tag auf den anderen wettgemacht werden. Haas fordert eine Rückführung des Dienstes in den extramuralen Bereich – „dabei geht es uns nicht nur um standes- oder gesundheitspolitische Überlegungen, sondern vor allem auch um die Qualität dieses wichtigen Angebotes“.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 17/2007

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