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Gemeinsame Vorgehensweise gefragt

Wie viele Menschen tatsächlich von chronischen Schmerzen betroffen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Bei manchen geht das Leiden von selbst wieder zurück, und in jedem Fall ist einer Chronifizierung vorzubeugen.

Wie viele Menschen tatsächlich von chronischen Schmerzen betroffen sind, darüber gehen die Meinungen auseinander. „Aktuelle Studien meinen, dass 85 Prozent der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens von Rückenschmerzen betroffen sind“, berichtet Prof. Dr. Michael Bach, Leiter der Abteilung für Psychiatrie, LKH Steyr. „Allerdings vergehen Rückenschmerzen im Normalfall innerhalb von acht Wochen. Bei etwa 15 Prozent der Erkrankten ist das jedoch nicht der Fall.“ Wichtigstes Ziel wäre, diese Chronifizierung rechtzeitig zu erkennen und darauf zu reagieren. „Ein Problem ist die oft fehlende interdisziplinäre Vorgangsweise“, kritisiert Bach, der ab Juni die Präsidentschaft der Österreichischen Schmerzgesellschaft übernehmen wird. Es bringe nichts, als spezifische Fachgruppe den Schmerz für sich pachten zu wollen und anderen die Kompetenz abzusprechen. „Schon im Studium und im Turnus sollte die Bedeutung und konkrete Praxis der Zusammenarbeit von Ärzten mit Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden, Psychologen, Psychotherapeuten gelebt werden.“ Gerade Schmerz hat oft verschiedene Hintergründe. Der Teufelskreis der Chronifizierung ist eng mit der Situation am Arbeitsplatz und Privatleben verknüpft und hat auch mit dem Lebensstil zu tun. Diese multidisziplinäre Vorgangsweise müsse von Anfang an umgesetzt werden, fordert der Facharzt für Psychiatrie und Neurologie. Etwas, das auf vielen Schmerzambulanzen bereits vorgelebt werde. Allerdings seien diese eher die letzte Station einer langen Patientenkarriere – die wichtige Basisarbeit geschehe indes anderswo.

Spezifische Schwerpunkte

Unterstützung für die Umsetzung konkreter Kooperation erhofft sich Bach durch die im Österreichischen Strukturplan Gesundheit vorgesehene integrierte Leistungsplanung: „Es geht auch darum, wer mit wem wie zusammenarbeitet, um die vorhandenen finanziellen, strukturellen und personellen Ressourcen optimal einzusetzen. Gerade bei chronischen Schmerzen bedeutet das eine Kooperation mit spezifischen Schwerpunkten, abhängig davon, in welchen Körperregionen sich die Schmerzen ausbreiten.“ Sicher verbesserungswürdig ist aus Bachs Sicht der Zugang zu Psychotherapeuten: „Während es in Wien ein Überangebot gibt, sind manche Regionen weiße Flecken.“ Eine Knacknuss bei der Versorgung chronischer Schmerzpatienten ist die unterschiedliche Vorgangsweise bei der Refundierung der Kosten durch die Sozialversicherungen. In manchen Ambulanzen werden Patienten aus verschiedenen Bundesländern behandelt. Ärzte müssen genau prüfen, welche Mittel verschrieben werden, die dann auch vom niedergelassenen Arzt aufgrund der jeweiligen regionalen Refundierungspolitik weiter eingesetzt werden dürfen. Bach: „Einerseits könnte das Vorhaben von Gesundheitsministerin Kdolksy, die Leistungen der Gebietskrankenkassen zu harmonisieren, hier einige Probleme entschärfen, andererseits gibt es eben Unterschiede, wie die Gesundheitsversorgung in den verschiedenen Regionen organisiert ist.“ Bach wünscht sich eine aktivere Auseinandersetzung mit diesem Problem seitens der Gesundheitspolitik. Dabei müsse es auch darum gehen, welche Maßnahmen wirklich maßgeblich sind. „Es ist keine Frage, dass für manche Patienten der Einsatz einer Schmerzpumpe außerordentlich wichtig scheint.“ Andererseits handelt es sich hier um eine sehr kostenintensive Maßnahme. „Aber wofür werden Mittel bereitgestellt?“, fragt der Experte, „für Physio- und Ergotherapie, für Zugang zu psychosomatischer und psychotherapeutischer Betreuung – oder liegt der Schwerpunkt etwa bei High-Tech-Maßnahmen?“ Die höchsten Kosten verursachen jedenfalls jene Patienten, die gar nicht behandelt werden, betont Bach. So rechnen sich volkswirtschaftlich gesehen auch aufwendige Operationen und intensive Therapien innerhalb von einem Jahr. Entsprechend langfristig müsste auch die Gesundheitsplanung ausgelegt werden.

Das „Schmerz-Diplom“

Ein wesentlicher Faktor für Qualität in der Versorgung ist für Bach die Fortbildung: „Gerade zum Thema Schmerz entwickeln sich das Wissen und damit auch die daraus resultierenden Therapiekon­zepte sehr rasch weiter. Umso wichtiger ist es für alle Mediziner, sich in diesem Bereich regelmäßig weiterzubilden.“ Ein wichtiger Beitrag ist für ihn ein neues „Schmerz-Diplom“ der Österreichischen Ärztekammer. An dessen Curriculum wird gerade gearbeitet. Es soll noch heuer präsentiert werden. „Zumindest gewisse Grundmodule daraus sollten alle Ärzte absolvieren“, wünscht sich Bach.

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