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Sich der Trauer stellen

Ein geliebter Mensch ist gestorben. Für Angehörige und Freunde bedeutet das Trauer und Schmerz – die ganz normale Reaktion des Organismus. Dieser Schmerz kann allerdings Krankheitscharakter annehmen, wenn versucht wird, ihm auszuweichen und ihn zu verdrängen.

 

Früher war der Tod im Alltag präsent. Die Menschen starben oft sehr viel jünger als heute, schon einfache Infektionskrankheiten konnten der Grund dafür sein. Es war üblich, die Toten zu Hause aufzubahren. So konnten Angehörige, Freunde und Nachbarn in Ruhe Abschied nehmen, auch Kinder wurden dadurch schon früh mit dem Tod vertraut gemacht. Heute ereignet sich der Tod hinter Mauern, in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Er ist kaum noch Teil des gewöhnlichen Lebens. Heute muss ein Mensch in der Regel vierzig oder fünfzig Jahre alt werden, bis er zum ersten Mal mit dem Tod eines Angehörigen konfrontiert wird und einen Leichnam zu Gesicht bekommt – sofern er sich überhaupt darauf einlässt. Den Schmerz nur nicht an sich herankommen lassen! Keine Gefühle zulassen, die einen überwältigen könnten! So schnell wie möglich zur Tagesordnung übergehen! Diese Haltung ist heute weit verbreitet. Trauer hat in einer Gesellschaft der Jugendlichkeit, der Freizeit und des Konsums wenig Platz. Symptomatisch für diese Entwicklung ist nicht zuletzt, dass die Zahl der anonymen Bestattungen zunimmt. Den Leichnam nur so schnell wie möglich entsorgen!

Bewältigen, nicht verdrängen

Wer den Schmerz nicht zulässt, überwindet ihn auch nicht, warnen Psychotherapeuten. Verdrängen bedeutet wegschieben, aber nicht bewältigen. Und mehr noch: Nicht aufgearbeiteter Schmerz kann sich auf körperlicher Ebene in funktionellen oder somatischen Störungen manifestieren. Der Tod eines geliebten Menschen bedeutet Verlust. Ein gemeinsames Leben wird es nicht mehr geben. Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Ein Einschnitt im Leben des Hinterbliebenen, der besonders tiefgreifend ist, wenn die Beziehung zu dem Verstorbenen sehr intensiv war oder der Tod sich ganz unerwartet ereignet hat. Besonders schmerzlich ist für Eltern der Tod eines Kindes. Der Trauernde reagiert mit Niedergeschlagenheit, Wut, Antriebslosigkeit, Depression – jeder Tod ist anders, jeder Mensch empfindet den Schmerz anders und reagiert dementsprechend unterschiedlich. Immer aber kommt es zu einer Zäsur im Leben, was sich auf somatischer und psychischer Ebene äußert. Trauer ist eine natürliche Reaktion des Organismus und kein Krankheitszeichen. Schmerz gehört zum Leben dazu, wie auch Krankheit und Tod. Einen wesentlichen Schritt zur Bewältigung der Trauer sehen Therapeuten wie auch Theologen darin, sich ihr zu stellen. Konkret: Bewusst Abschied zu nehmen. Den Schmerz zuzulassen. Das innere Chaos zu akzeptieren. Früher gingen Psychologen von verschiedenen Phasen des Trauerprozesses aus, die es nacheinander zu bewältigen gelte. Inzwischen ist man von diesem linearen Modell abgewichen: Es gibt kein striktes Nacheinander; Trauerphasen können sich überlappen und wiederholen. Es gibt auch keine enge Zeitbegrenzung, nach der sich die Trauer richten muss. Gerade beim Tod eines Kindes kann es sein, dass die Eltern ein Leben lang Schmerz empfinden. Was nicht bedeutet, dass sie ununterbrochen weinen. Sondern vielmehr, dass sie sich in einem fortwährenden Prozess der Bewältigung dieses Schmerzes befinden.

Mit dem Schmerz aussöhnen

Das ist auch das Wichtige: Wege und Mittel zu finden, um sich mit dem Schmerz zu arrangieren. Welche Umwege oder einzelnen Stationen dabei genommen werden, ist individuell verschieden, doch die Richtung ist vorgegeben: Am Anfang ist das Chaos, das Durcheinander der Gefühle – die Zeit der Trennung vom Bisherigen. Daran schließt sich die Phase des Übergangs an – die Suche nach neuen Möglichkeiten des Weiterlebens. Den letzten und entscheidenden Schritt kann man als Wiedereingliederung beschreiben. Man sucht nach einer neuen Position im Leben, nach Heilung und Ganzwerdung. Die alte Identität ist zugunsten einer neuen aufzugeben. Um den Kreislauf der depressiven Lähmung zu durchbrechen, werden Impulse aus dem Denken in Handlungen umgesetzt. Ein Prozess, der gewöhnlich auch viel mit Kreativität und schöpferischem Gestalten zu tun hat – in jedem Fall aber nicht mit einfachem Wegschauen.

Mag. Wenzel Müller, Ärzte Woche

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