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Zu Tode betrübt

Doppelt so viele Selbstmorde wie Todesfälle nach Verkehrsunfällen gibt es in Österreich. Als Freitod kann man diese Art, aus dem Leben zu scheiden, sicher nicht bezeichnen.

 Trauer
Depressive und Menschen mit traumatischen Erlebnissen sind besonders gefährdet.

Foto: Buenos Dias/photos.com

Die Bedeutung psychischer Erkrankungen für die Gesellschaft wird in Österreich offenbar noch immer drastisch unterschätzt: Obwohl es pro Jahr doppelt so viele Selbstmorde wie Verkehrstote gibt, sorgt das kaum für Diskussionen. „Suizidalität ist keine Erkrankung an sich. Aber 80 Prozent der Suizide lassen sich auf psychische Erkrankungen zurückführen. Sie sind bei jeder psychischen Erkrankung möglich“, warnte Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos von der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien vergangene Woche bei den Österreichischen Ärztetagen in Grado.
In Österreich werden jährlich 18 Suizide pro 100.000 Einwohner registriert. 2006 gab es 727 Verkehrstote. Rechnet man die Häufigkeit von Selbstmorden auf die Bewohner um, kommt man auf rund 1.440 Opfer. Die Psychiaterin: „In Österreich nahm der Suizid in den vergangenen Jahren ab. Führend sind international noch immer die skandinavischen Länder oder Ungarn.“ Doch nach wie vor gibt es in Österreich mehr ­Suizide als in vielen anderen Staaten der Welt.
Dabei gäbe es oft Möglichkeiten zur Verhinderung der Tragödien. Die Expertin: „Zwölf bis 35 Prozent der Patienten mit einem Suizidversuch begehen in den ersten zwei Jahren einen erneuten Versuch.“ Der Anteil derjenigen, die Selbstmord begehen und vorher schon den Versuch dazu gemacht haben, liegt zwischen 20 und 50 Prozent. Frauen begehen drei Mal mehr Suizidversuche als Männer. Die Männer sterben aber daran drei Mal häufiger.

Wahl der Waffen

Die Psychiaterin: „Der Grund dafür ist die Wahl der Methoden. Männer verüben Suizid durch Erschießen, Erhängen oder Springen von großen Höhen.“ Frauen hingegen schlucken oft eine Überdosis an Medikamenten – und die modernen Arzneimittel, auch jene zur Behandlung psychischer Erkrankungen, sind ausgesprochen sicher.
Die romantisch literarische Mär‘ vom „Freitod“ ist völlig falsch. Nur 20 Prozent der Suizid-Opfer sind psychisch gesund. Karin Gutierrez-Lobos: „Da gibt‘s nicht viel ‚Freiwilligkeit‘.“ Jüngere Menschen, hoch Betagte, körperlich chronisch Kranke, unter den Menschen mit psychischen Leiden vor allem Depressive, Personen nach psychischen Traumen (Vergewaltigung, Unfälle etc.) und Personen mit Alkohol- oder Drogenabhängigkeit sind klassische Risikogruppen. Zu ihnen gehören aber auch manche Berufe. Die Psychiaterin: „Wir Ärzte sind selbst eine absolute Risikogruppe, vor allem Anästhesisten, Notfallmediziner, Unfallchirurgen etc.“ Wo die akute Krise zum Alltag gehört, steigt die Gefahr. Verbessern lässt sich die Situation nur durch mehr Angebote an psychiatrischer Versorgung und an mehr Bewusstseinsbildung bei jedem Einzelnen. Kommt der Verdacht auf eine Gefährdung auf, sollte er auch angesprochen werden.
Angst vor der an eine Risikoperson gerichtete Frage „Hast du schon einmal an Selbstmord gedacht?“ sollte niemand haben. Die Psychiaterin: „Mit so einer Frage bringt man niemanden dazu, dass er sich wirklich umbringt.“ Aber dafür kann die Antwort des Betroffenen zur klaren Erkenntnis führen, dass sofort etwas unternommen werden muss.

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