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No Body is perfect

In Italien sollen gesetzliche Maßnahmen den medial provozierten Schlankheitswahn und die damit verbundenen Essstörungen reduzieren, hierzulande setzt man noch auf die Vernunft der Meinungsbildner. Ende Februar fand im Wiener Rathaus bereits zum vierten Mal die „Wiener Essstörungsenquete“ statt. Sie ist mittlerweile die größte wissenschaftliche Tagung zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum.

Rund 200.000 Österreicher erkranken zumindest einmal an Anorexie oder Bulimie. „Essstörungen sind die häufigsten und gefährlichsten psychischen Erkrankungen bei Mädchen“, erklärte Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger, Wiener Programm für Frauengesundheit, auf der „Vierten Wiener Essstörungsenquete“, Ende Februar, im Wiener Rathaus. So liegt die Prävalenz der Anorexie hierzulande bei 0,3 bis 0,7 Prozent, die Bulimie rangiert zwischen 1,0 und 4,2 Prozent. Über neun von zehn Betroffenen sind Mädchen und junge Frauen. Zwar gelten, nach einer Erkrankungsdauer von mehr als zehn Jahren, fast drei Viertel der Anorexiepatienten als geheilt, die Mortalität liegt allerdings bei fast zehn Prozent. „Zwar ist die Prävalenz der Essstörungen in den vergangenen Jahren nicht angestiegen, doch die Prognose der Anorexie hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kaum verbessert, trotz aller unserer Bemühungen“, umriss Prof. Dr. Martina de Zwaan, Abteilung für Psychosomatik der Universität Erlangen, die Problematik. Daher kommt gerade der Prävention auch auf gesellschaftspolitischer Ebene eine große Bedeutung zu. Eine rezente empirische Untersuchung an 656 Wienerinnen zeigte, dass acht von zehn Frauen mit ihrem Gewicht unzufrieden sind und das ihr Selbstwertgefühl beeinflusst. 82 Prozent sehen ihr Idealgewicht, trotz normaler Körpermaße, unter ihrem derzeitigen Gewicht. Nach einer US-amerikanischen Untersuchung (Garner et al, 1997), bei der 3.452 Frauen über ihre medialen Konsumgewohnheiten befragt wurden, gab ein Viertel der Probandinnen an, dass Models die Selbstzufriedenheit mit dem eigenen Körper stark beeinflussen. Wimmer-Puchinger: „Dies gilt als empirische Evidenz für die Internalisierung eines von den Medien geprägten Beautystandards. Genau hier liegt der Schlüssel für eine effektive Präventionsarbeit. Wir wollen dem internationalen Trend gegen den Schlankheitswahn folgen und ihn auf gesellschaftspolitischer Ebene bekämpfen.“ Dabei versucht man in Österreich nicht den Weg über Verbote zu gehen, sondern an die Selbstverantwortung zu appellieren. Mit dem „Manifest gegen ungesunde Schlankheitsideale zur Prävention von Essstörungen“ möchten die Initiatoren durch die Zusammenarbeit von Medien, Werbung, Wirtschaft, Mode und Industrie im Verbund mit Gesundheitsexperten unrealistische und somit gesundheitsschädigende Frauenbilder wieder ins rechte Licht rücken. Als Träger der Initiative fungiert neben dem Österreichischen Werberat unter anderem auch die größte heimische Agentur „Wiener Models“. Auch dem Allgemeinmediziner kommt hier eine wichtige präventive Rolle zu. Da Essstörungen innerhalb der Familien stark tabuisiert werden, sei hier entsprechende Sensibilität angezeigt, Hinweise für eine beginnende oder manifeste Magersucht zu aufzuspüren. Gerade der Früherkennung und rechtzeitigen therapeutischen Interventionen an Spezialzentren wird ein besonderes Potenzial eingeräumt. Die Behandlung der Wahl sei, so de Zwaan, die Psychotherapie. „Medikamentöse Unterstützung gibt es nur bei Bulimikern, nicht bei Anoretikern. Man kann bestimmte Antidepressiva geben, die den Essanfällen entgegenwirken, aber nur als Zusatztherapie.“ Die Essstörungsambulanz bemüht sich, Therapeuten zu vermitteln. Eine stationäre Anlaufstelle ist die Klinik Bad Aussee für Psychosomatik und Psychotherapie der Medizinischen Universität Graz. Als Therapieziele gelten Strukturierung des Essverhaltens, Gewichtsnormalisierung, Stärkung des Selbstwertgefühls sowie die Verbesserung der sozialen Kompetenzen und des emotionalen Ausdrucks. Motto: „In jedem Fall müssen wir die Problematik der Essstörungen interdisziplinär angehen und auch strukturell auf mehreren Ebenen arbeiten.“ So wurde die „Essstörungs-Hotline“ ins Leben gerufen, die sich direkt an betroffene Mädchen richtet. Diese Anlaufstelle, bei der Psychotherapeuten mit Rat und Tat zur Seite stehen, ist, so Wimmer-Puchinger, durch einen niederschwelligen Zugang für Menschen mit Essstörungen gekennzeichnet. Die zweite Ebene richtet sich an Multiplikatoren, wie Lehrpersonal oder Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind, und dient der Weitergabe fachlicher Informationen. Letztlich soll über die Initiative „S-O-Ess“ (www.s-o-ess.at) die gesellschaftliche Komponente abgedeckt werden. Statt Gesetze ein Appell an den gesunden Menschenverstand.

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