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And the Oscar goes to …Sigmund Freud!

Kinofilme können durchaus auch therapeutische Hilfsmittel sein.

Der Film ist im vergangenen Jahrhundert zu einem der einflussreichsten Medien geworden. Die Möglichkeit, den Zuseher auf unterschiedlichen Ebenen anzusprechen, führt zu einer Aufmerksamkeitskonzentration, die vielfach die Außenwelt in ihrer Bedeutung verdrängt. Impulse wirken aber auch über das unmittelbare Erleben hinaus und führen zu bewussten oder unbewussten Reaktionen, die man gerade auch in der Psychotherapie nützen kann.

 

Die Psychologie des Films steht schon länger im Mittelpunkt der Medienforschung, Alfred Hitchcock hat sich der Methoden und Effekte der Psychologie meisterlich bedient, und immer wieder widmen sich Ausstellungen und Symposien den unterschiedlichen Aspekte von Filmwirkung. In den vergangenen Jahren haben – vor allem in den USA – Psychotherapeuten damit begonnen, Film als therapeutisches Mittel in der Behandlung ihrer Patienten als zusätzliches Instrument einzusetzen. Als „Begründer“ der Film- oder Cinetherapie gilt der deutsche Psychotherapeut Dr. Herbert Mück. Doch schon die Griechen der Antike kreierten Tragödien, um die emotionalen Wunden, die durch Kriegstraumata und andere psychologische Krankheiten entstanden waren, durch Katharsis zu heilen.

Filme bieten sich als Katalysator für den psychotherapeutischen Prozess an, der mithilfe einer systematischen Methodologie möglich wird. Im Wesentlichen habe ich die Filmerfahrung mit traditionellen therapeutischen Methoden kombiniert. Solche Kombinationen können in vielen verschiedenen Variationen kreativ durchgeführt werden. Sie können selbst ihre eigene Form entwickeln. Ich empfehle den Einsatz von Filmtherapie in Kombination mit traditionellen therapeutischen Methoden wie Tiefenpsychologie, Arbeit mit Persönlichkeitsteilen, Paartherapie und Gruppentherapie, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Ihr therapeutischer Erfolg hängt von der Effizienz der Hauptmethode ab. Der Einsatz von Filmen in der Therapie kann höchst komplex sein. Außerdem hängt die Komplexität dieses Ansatzes von der Komplexität der traditionellen Hauptmethode ab, da die Filmerfahrung des Klienten mit traditionellen therapeutischen Methoden kombiniert wird.

Emotionale Betroffenheit

Die Auswahl des Films ist sehr individuell und es existieren viele Filme, die inspirierend und nützlich für Filmtherapie sind. Ob ein Film von guter oder schlechter Qualität ist, ist oft Geschmackssache, wie das in Bezug auf viele Kunstformen der Fall ist. Für Filmtherapie ist die Tatsache, dass ein Film den Betrachter emotional berührt, viel wichtiger als seine künstlerische Qualität. Natürlich muss der Therapeut eine gründliche klinische Begutachtung des Klienten vornehmen, bevor er deprimierende oder gewalttätige Filme empfiehlt. Um die richtige Filmentscheidung zu treffen, sollte der Therapeut den Klienten fragen, wie er oder sie auf bestimmte Filme in der Vergangenheit reagiert hat.

Neuere wissenschaftliche Forschung hat ergeben, dass Gewalt in Filmen häufig den Effekt hat, Teile des Gehirns, die normalerweise aggressives Verhalten unterdrücken, weniger aktiv zu machen. Frühere Forschung hatte dies auch schon für Personen herausgefunden, die sowieso zu Gewalttätigkeiten neigten. Es gibt allerdings auch Personen, die ihre aggressiven Tendenzen oder aufgestaute Wut durch Filme, in denen Gewalt gezeigt wird, abreagieren können. Gewalt in Filmen kann traumatisierend sein, wenn ein früheres psychologisches Trauma dadurch reaktiviert wird. Daher muss ein Therapeut vorsichtig mit Filmen mit Gewaltszenen sein, wenn er mit einem Klienten arbeitet, der unter den Auswirkungen von Trauma leidet. Ich habe allerdings auch mit einer Klientin gearbeitet, die Opfer von verschieden Formen von Gewalt war und absichtlich sehr gerne Gewalt in Filmen sieht, wenn die dargestellten guten Charaktere die Übeltäter oder Bösen am Ende verprügeln oder einsperren. Solche Filme helfen ihr, ihre eigenen Traumata durchzuarbeiten und ihre Opferhaltung zu überwinden.

Unterdrückte Gefühle ins Bewusstsein rücken

Generell würde ich sagen: Filme, die Gefühle wie Angst, Wut oder Traurigkeit auslösen, können Klienten im Rahmen der Therapie helfen, sich ursprünglich unterdrückter Gefühle mehr bewusst zu werden. Das gilt auch für die Traumatherapie. Viele Behandlungsmethoden helfen Klienten, Traumata innerhalb des sogenannten „therapeutic window“, dem therapeutischen Fenster oder Spielraum, zu verarbeiten. Interventionen gelten als innerhalb dieses Spielraums als durchgeführt, wenn sie eine ausreichende therapeutische Herausforderung darstellen, aber gleichzeitig keine überwältigenden Gefühle hervorrufen. Diese Gefühle können zu einer Vermeidungsreaktion führen, wie zum Beispiel Dissoziation.

So habe ich „Affliction – Der Gejagte“, einen Film über Alkoholismus, Kindesmissbrauch, und dessen ernste Konsequenzen auf das Leben der Opfer für Traumaarbeit verwendet. Nachdem er diesen Film angesehen hatte, war einer meiner Klienten in der Lage, die Auswirkung, die der Alkoholismus und der körperliche Missbrauch seines Vaters auf seine emotionale Entwicklung hatte, zum ersten Mal zu erkennen. In Verbindung mit klientenzentrierter therapeutischer Arbeit brachte dieser Film ihm diesen Zusammenhang zum ersten Mal zu Bewusstsein. Dadurch war er nun fähig, sich für die therapeutische Behandlung seiner Traumata zu öffnen. Andere Klienten sagten mir, dass einschüchternde Situationen in Filmen ihnen halfen, sich auf ähnliche Situationen in ihrem eigenen Leben vorzubereiten, weil sie ihnen halfen, sich adäquate Lösungen für diese Situationen zu überlegen.

Nicht alles eignet sich

Wenn ein Klient sehr deprimiert ist, würde ich natürlich vorsichtig sein, einen Film wie „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ zu empfehlen, in dem viele Charaktere depressiv sind und einer Selbstmord begeht. Andererseits können solche Filme, ähnlich wie eine Therapie-Gruppe, dazu dienen, dass sich der Klient nicht mehr so isoliert und allein mit seinen Gefühlen erlebt.

Die meisten Leute wollen von Spielfilmen unterhalten werden. Sie wollen sich nicht den Spaß verderben lassen, indem sie die Filme „analysieren”. Ich fordere meine Klienten jedoch zunächst einmal nicht auf, Filme zu „analysieren”, sondern sie mit „conscious awareness”, mit bewusster Wahrnehmung, anzusehen. Außerdem erwarten Leute, die zur Psychotherapie kommen, therapeutische Interventionen. Sie sehen die Filmerfahrung als eine der angenehmeren Interventionen an.

Unser Gedächtnis funktioniert am besten unter zwei Umständen: Schmerz und Vergnügen. Wir lernen auch besser, wenn wir entspannt sind. Da Unterhaltung Vergnügen und Entspannung ermöglicht, kann ein Film mit hohem Unterhaltungswert auch einen hohen therapeutischen Wert haben, wenn er therapeutisch relevante Themen vermittelt.

Drei Wege der Cinema Alchemy

Ich verwende Filmtherapie in drei verschiedenen Formen und nenne diese „Cinema Alchemy: The Evocative Way, The Prescriptive Way and The Cathartic Way.“ Diese drei Formen können auch miteinander kombiniert werden.

Dieser Ansatz funktioniert ähnlich wie die Traumarbeit in der Tiefenpsychologie. Ein Zweig des evokativen Weges benutzt einige Methoden der Traumarbeit. Die emotionalen Reaktionen eines Klienten zu einem Film, einer Filmszene oder einem im Film dargestellten Charakter kann als sogenanntes „Fenster zur Seele” dienen. In einer ähnlichen Weise wie in der Arbeit mit Träumen kann den Klienten durch die Arbeit mit ihren emotionalen Reaktionen zu Filmen ihre unbewusste innere Welt bewusst werden. Wenn Klienten diese Reaktionen verstehen, können sie sich selbst in einer Weise kennenlernen, die ihnen vorher nicht bewusst war.

Doppelbewusstsein

Die Methode „Filme mit bewusster Wahrnehmung ansehen” kann einen Zustand des Doppelbewusstseins erreichen. In vielen therapeutischen Ansätzen wie zum Beispiel Focusing oder Sensorimotor Sequencing und auch in spirituellen Praktiken wie etwa im mindfulness”-Ansatz der Buddhisten wird dieses Bewusstsein angestrebt. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass das Doppelbewusstsein hilft, vorher unverarbeitetes psychologisches Material zu verarbeiten.

Wenn Klienten ihre negativen Reaktionen zu einem Film in der Therapie erforschen, können sie abgespaltene oder verdrängte Schattenteile (nach Carl Gustav Jung) entdecken. Wie andere Formen der therapeutischen Schattenarbeit kann dies zu Bewusstseinserweiterung führen. Der evokative Weg (The Evocative Way) kann auch in Kombination mit Gestalt-Arbeit, Psychosynthese, Voice Dialog Therapie oder Arbeit mit Persönlichkeitsteilen (oder Teile-Arbeit) während interaktiver Hypnotherapie eingesetzt werden.

Wenn Filmcharaktere bestimmten Persönlichkeitsteilen zugeordnet werden, können diese Teile klar identifiziert und voneinander unterschieden werden. Klienten lernen abgespaltene oder verdrängte Teile zu akzeptieren. Klienten lernen auch Beziehungen zwischen diesen Persönlichkeitsteilen herzustellen, mit diesen Beziehungen zu arbeiten und innere Konflikte zu lösen.

The Prescriptive Way – der Weg der Empfehlung

Filme werden als „geleitete oder geführte Visualisierungen” verwendet; die meisten Betrachter fallen beim Anschauen in eine leichte Trance. Filme werden als Lehrgeschichten verwendet, um Verhalten zu demonstrieren, das Problemlösungen anstrebt, oder sie helfen Klienten, ihr Potenzial zu entwickeln. Sie können in Filmen sehen, welche negativen Konsequenzen schlechte Kommunikation haben kann. Filme werden hier als abschreckendes Beispiel verwendet.

Viele unserer negativen Kognitionen bilden wir über uns selbst und über andere Leute in der Kindheit. Später im Leben stellen diese Ansichten meist keine korrekten Reflexionen unserer erwachsenen Wirklichkeit mehr dar.

Diese kognitiven Verzerrungen können uns an der Entwicklung einer gesunden Selbstachtung und an der Verwirklichung unserer Ziele im Leben hindern. Wir spielen einen „alten inneren Film auf einem inneren Bildschirm” in unseren Köpfen ab, statt die Wirklichkeit direkt zu erleben oder zu beobachten. Mit Hilfe dieser Metapher fangen die Klienten an zu verstehen, wie das Infragestellen ihrer negativen Vorstellungen zu Wachstum und das zu Heilung führen kann.

 

Dr. Birgit Wolz ist Psycho- und Filmtherapeutin in Oakland, Kalifornien. Sie entwickelte das Konzept der „Film-Alchemy“.

 

 Internettipp:

www.cinematherapy.com

Wann ist Filmtherapie nicht angebracht? • Filmtherapie ist nicht effektiv, wenn ein Klient nicht fähig ist, Einsichten von Metaphern abzuleiten. • Wenn Klienten unter schwereren psychiatrischen Krankheiten leiden und in einer privaten Praxis behandelt werden, sollten sie nicht aufgefordert werden, Filme zu Hause anzusehen. Im Krankenhaus wäre das eher möglich. • Wenn die Gefahr besteht, dass Gewalt im Hause von Klienten vorgekommen ist, sollten sie nicht aufgefordert werden, Filme zu Hause anzusehen. • Wenn Klienten ein Trauma erlebt haben, das jenem eines Charakters in einem Film ähnlich ist, sollten sie normalerweise nicht aufgefordert werden, diesen Film anzusehen. Obwohl dies in manchen Fällen hilft, das Trauma durchzuarbeiten, kann es in anderen Fällen zu einer Retraumatisierung führen. • Wenn Klienten dem Therapeuten falsche Motive unterstellen könnten, sollten sie nicht aufgefordert werden, Filme zu Hause anzusehen. • Wenn Klienten Filme nicht mögen, sollten sie nicht aufgefordert werden, Filme anzusehen. Generelle Leitlinien für die Arbeit mit Filmempfehlungen • Filmtherapie ist nicht für jeden. • Es ist zu empfehlen, Filme in der Therapie erst anzuwenden, wenn eine stabile Beziehung zwischen Therapeut und Klient etabliert ist. • Der Therapeut sollte auf Filmvorschläge der Klienten eingehen. • Der Therapeut sollte einen Film im Hinblick auf das Behandlungsziel auswählen. • Der Therapeut sollte eine Liste von Filmen erstellen, die er einsetzen kann.

Von Dr. Birgit Wolz, Ärzte Woche

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