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Generika in der Psychiatrie

Medikamentenumstellung kann Compliance und Therapieerfolg gefährden.

Das Credo der Experten lautet: Beim Einsatz von Generika in der Psychiatrie müssen ganz besondere Maßstäbe angelegt werden. Die Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Neuropharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) stellten am 24. Oktober 2008 bei einer Pressekonferenz in Wien erste Ergebnisse aus dem Konsensusbericht „Generika und Originalsubstanzen in der Psychiatrie“ vor.

 

Bei psychiatrischen Patienten handelt es sich um eine Hochrisikogruppe von chronisch kranken Menschen. Aufgrund besonderer Krankheitsmerkmale dieser Patienten wie mangelnde Einsicht in die Erkrankung, persönliche Schuldzuweisungen, psychosoziale Schwierigkeiten, fehlende Integration sowie Differenzierungsfähigkeit, Paranoia, Misstrauen etc. führt erst eine genaue Diagnose zu einer individuell maßgeschneiderten Therapie. „Die Diagnostik stellt einen wesentlichen Bestandteil für Erfolg und Misserfolg einer Therapie dar, sie entscheidet über Wohl und Weh unserer Patienten“, betont Dr. Susanne Lentner, Anton-Proksch-Institut, Wien-Kalksburg.

Von einer ökonomisch begründeten Umstellung auf ein Generikum muss bei bereits gut eingestellten psychiatrischen Patienten abgeraten werden, so die Experten. Grund dafür ist, dass eine Umstellung erfahrungsgemäß zu einer Verunsicherung der Patienten führt, die die Compliance und damit auch den Therapieerfolg gefährdet. Persönliche psychosoziale Nachteile sowie weitreichende Konsequenzen für das soziale Umfeld des Betroffenen können die Folgen sein, wie beispielsweise der Verlust des Führerscheins oder des Arbeitsplatzes. Außerdem sind Rückfälle oder neuerliche Anfälle oft mit zusätzlichen Spitalsaufenthalten verbunden und führen dadurch zu Folgekosten, die ein Vielfaches der ersparten Medikamentkosten ausmachen können.

Patienten sind oft verunsichert

„Man muss mit Generika umgehen können. Namens- oder sogar Farbänderungen können beim Patienten große Verwirrungen auslösen. Außerdem ist eine Umstellung auf ein Generikum immer eine Neueinstellung und erfordert die dreifache Zeit“, gibt Prof. Dr. Harald Schubert, Psychiatrisches Krankenhaus des Landes Tirol, Hall, zu bedenken und meint weiter: „Bei psychiatrischen Patienten, deren Compliance aufgrund der Grunderkrankung und ihrer psychopathologischen Merkmale oft eingeschränkt ist, baut die Therapie auf eine vertrauensvolle Arzt-Patienten-Beziehung auf. Diese kann durch eine Medikamentenumstellung stark gefährdet werden.“

Bei einer Neueinstellung auf Generika muss gewährleistet sein, dass Generika auch tatsächlich die gleiche therapeutische Wirksamkeit aufweisen wie das Originalpräparat. Die momentane Praxis, die Bioäquivalenz mit der therapeutischen Äquivalenz gleichzusetzen, wird im Konsensusbericht kritisch hinterfragt. Für die Zukunft empfehlen die Experten, für die Zulassung von generischen Psychopharmaka weitere, über eine Bioäquivalenzstudie des Mutterwirkstoffes hinausgehende Studien durchzuführen. Nur so kann die gleiche therapeutische Wirksamkeit eines Generikums eindeutig überprüft werden.

Prof. DDr. Siegfried Kasper, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, ist oft mit der kritischen Einstellung der Patienten gegenüber Generika konfrontiert: „Die Unsicherheit und auch das Misstrauen bei den Patienten ist groß, die Hauptfrage lautet: ,Ist das wirklich das gleiche Medikament?“

Laut den Experten ist zu berücksichtigen, dass die Vor- und Nachteile in der Therapie mit Generika in der Psychiatrie sensibel abzuwägen sind, denn: „Ein ungünstiger Krankheitsverlauf bewirkt nicht nur die Gefahr von erhöhten Belastungen für die Angehörigen und das Betreuungspersonal, sondern auch erhöhte Suizidraten und soziale Desintegration für die Betroffenen“, so Lentner.

 

Der gesamte Konsensusbericht wird im Rahmen der 10. Tagung der ÖGPB (21. bis 22. November 2008, Wien) präsentiert.

Von Dr. Ulrike Schöflinger, Ärzte Woche

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