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Depression entmystifizieren

Die medikamentöse Behandlung der depressiven Störung steht heute gleichwertig zwischen sozialpsychiatrischen Maßnahmen und Psychotherapie. Diagnostiziert wird die Erkrankung allerdings nach wie vor häufig erst nach langer Leidenszeit.

Eine Aktualisierung des Konsensus-Statements „Depression und medikamentöse Therapie“ war dringend notwendig, stammt der letzte Konsens zu diesem Thema immerhin aus dem Jahr 2000. Vorgestellt wurde das neue Papier anlässlich einer Pressekonferenz Anfang März 2007 in Wien.

Medikamentenvielfalt notwendig

„Die Depression ist sehr häufig, aber man kann sie gut behandeln“, eröffnete der Leiter der Abteilung für Allgemeinpsychiatrie am AKH Wien, Prof. Dr. Dr. h.c. Siegfried Kasper seine Präsentation mit einer guten Nachricht. „Wir haben heute eine Vielfalt von Medikamenten, und die brauchen wir auch“, so Kasper weiter. Schließlich manifestieren sich Depressionen auf höchst unterschiedliche Weise, zudem verträgt nicht jeder Patient jede Substanz gleich gut.
„Wir müssen die medikamentöse Behandlung nach dem Schweregrad der Erkrankung ebenso wie nach den Nebenwirkungen auswählen“, erklärte Kasper. Etwa 17 Prozent der Bevölkerung leiden zumindest einmal in ihrem Leben an einer depressiven Erkrankung. Sie rückte mittlerweile an die erste Stelle jener Erkrankungen, die zur Arbeitsunfähigkeit führen, wie die Weltbank in einer Studie festgestellte. Die Lebensqualität eines Menschen mit Depression ist ähnlich schlecht wie die von Herzkrankheit, Diabetes mellitus oder Arthritis Geplagten. Bei rund 70 Prozent der Patienten heilt die Erkrankung wieder vollständig aus, 30 Prozent müssen allerdings damit rechnen, mit einer chronischen Erkrankung weiterzuleben: „Je eher diese Erkrankung suffizient behandelt wird, desto günstiger ist auch der Verlauf“, hält der Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie an der medizinischen Universität Graz, Prof. DDr. Hans-Peter Kapfhammer anschließend fest.

Schwierige Rahmenbedingungen

Etwa fünf Prozent der Österreicher leiden aktuell an Depressionen. In Behandlung sind davon allerdings nur 60 bis 70 Prozent und lediglich 35 Prozent entsprechend diagnostiziert. Nur sechs bis neun Prozent werden demnach mit Antidepressiva behandelt. Letztendlich bleiben nur vier Prozent, die tatsächlich suffizient therapiert werden.
Etwa 60 Prozent aller Betroffenen suchen Hilfe, wenn sie an einer depressiven Episode leiden. Der überwiegende Anteil, rund 70 Prozent der Hilfesuchenden, holen Rat bei ihrem Hausarzt. Nur 20 Prozent gehen direkt zum Psychiater. „Leider ist zwischen diesen beiden Sparten nur ein geringer Austausch da“, beklagte Kapfhammer, „dazu kommt, dass mehr als 50 Prozent der Betroffenen sich mit somatischen Problemen präsentieren. In Summe wird die Hälfte aller depressiven Patienten nicht als depressiv erkannt, was letztendlich dazu führt, dass keine korrekte antidepressive Medikation angewendet wird.“

Somatische Beschwerden

Die somatischen Beschwerden depressiver PatientInnen reichen von Müdigkeit und Schmerzen bis hin zu Schlaflosigkeit, Appetitstörungen, Übelkeit und Schwindel. „Das Problem ist, dass diese körperlichen Symptome unspezifisch sind, das trägt zur Schwierigkeit einer korrekten Diagnose bei“, so Kapfhammer.
Zwischen zehn und 30 Prozent aller Menschen mit Depressionen leiden zudem tatsächlich auch an einer somatischen Erkrankung wie Hypertonie, Diabetes mellitus oder COPD. „Es muss uns klar sein, dass Depressionen in hohem Ausmaß mit diesen chronischen Erkrankungen vergesellschaftet sind.“ Damit nicht genug: Daneben melden viele PatientInnen somatische Beschwerden, ohne eine tatsächlich zugrunde liegende somatische Erkrankung. Einfache Screening-Methoden können dem Allgemeinmediziner dabei helfen, eine larvierte Depression zu erkennen (siehe Kasten). Zudem zu bedenken ist, dass nicht nur Frauen, sondern auch Männer, ja sogar Kinder an Depressionen erkranken. Bei unspezifischen Symptomen, wie den oben beschriebenen, sollte jedenfalls immer auch an eine Depression gedacht werden.

Problem Langzeitbehandlung

Wird die Depression korrekt erkannt, stellt vor allem die Akutbehandlung das geringste Problem dar: Eine akute Episode ist relativ leicht behandelbar. Schwierig wird es in der Langzeittherapie. „Viele Patienten setzen ihre Medikation viel zu rasch wieder ab“, hielt Kasper fest. „Grund dafür ist das mangelnde Verständnis der Patienten für die Chronizität ihrer Erkrankung.“ Nur sehr selten heilt eine Depression nach einer Episode wieder vollständig ab. Viel häufiger kommt es über viele Jahre immer wieder zu depressiven Episoden, die auch behandelt werden müssen.

Die richtige Auswahl

Die Auswahl des richtigen Antidepressivums hängt daher nicht nur von seiner Wirksamkeit, sondern vor allem auch von seinem Nebenwirkungsprofil ab. Ein Medikament, das über einen längeren Zeitraum eingenommen werden muss, sollte nebenwirkungsarm seien, um die Therapieadhärenz zu gewährleisten. „Schon deshalb ist es wichtig, aus vielen verschiedenen Präparaten auswählen zu können“, meinte Kasper. Engmaschige Kontrollen sind dabei vor allem in den ersten Wochen nach der Einstellung auf ein antidepressives Medikament wichtig. Die Fragen, die sich dabei stellen sind: Wirkt das Medikament? Welche Nebenwirkungen weist es auf? Etc.
Verteilt wird das aktualisierte Konsensus-Papier an alle niedergelassenen ÄrztInnen in Österreich. In Abgrenzung zum Konsensus-Papier des Hauptverbandes, das ebenfalls kürzlich präsentiert wurde, enthält das vorliegende Papier viele Checklisten, Daten und Fakten zur Depression, die einen Handlungsleitfaden für den Arzt/für die Ärztin im Alltag bieten soll.

 Screening anhand der Goldberg-Depressionsskala
Hier gibts die Testauswertung.

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