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Höchste Zeit für eine neue Frauenbewegung

Zu Tode gehungerte Models, Frauen, die in der 36. Schwangerschaftswoche einen Kaiserschnitt wünschen, um nicht zu dick zu werden: Der Schlankheitswahn greift weiter um sich.

Am 11. Februar fand anlässlich der Londoner Fashion Week eine Demonstration in der englischen Hauptstadt statt, die an die Zeiten der Suffragetten erinnerte: Frauen trugen Transparente, auf denen sie ihr Recht einforderten – ihr Recht auf einen wohlgeformten Körper, auch wenn er nicht dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Allen voran geht Prof. Dr. Susie Orbach von der London School of Economics mit dem Schlankheitswahn scharf ins Gericht. „Der weltweit ausgerufene Krieg gegen das Übergewicht fordert enorm viele Opfer. Immer mehr Menschen hassen ihren Körper“, so die Psychotherapeutin anlässlich der 4. Wiener Essstörungsenquete Ende Februar. Es sei verantwortungslos, dass öffentlich unterstützte Kampagnen und die medizinische Community den Diätwahn auch noch förderten, sagte Orbach, die unter anderem als Essstörungs-Therapeutin von Lady Di international bekannt wurde: „Diäten sind nicht nur völlig sinnlos, weil sie einschlägigen Untersuchungen zufolge bei 97 Prozent der Abnehmwilligen zu neuerlichen Gewichtszunahmen und neuerlichen frustrierenden Diätversuchen führen. Sie sind auch die Eintrittskarte zu Essstörungen unterschiedlichster Art.“

Fidschi-Insulanerinnen werden bulimisch

Bis zu zwei Prozent der Frauen zwischen 15 und 35 Jahren in ­Europa und Nordamerika leiden an klinisch ausgeprägter Anorexie, bis zu 15 Prozent dieser Gruppe zeigen Symptome von Vorstadien der Magersucht oder Bulimie. Zunehmend häufig wird auch die Binge-Eating-Disorder (BED) beobachtet. Während bei Anorexie und Bulimie auf neun betroffene Frauen ein Mann kommt, liegt dieses Verhältnis bei der BED bei 1,5 zu 1. Wie sehr vor allem medial transportierte Schönheitsideale, die extreme Schlankheit zum Nonplusultra erheben, Menschen – vor allem weibliche – beeinflussen können, habe die so genannte Fidschi-Studie eindrucksvoll gezeigt, betonte Orbach. Auf der Inselgruppe im Südwestpazifik gab es Fernsehen erst 1995. Innerhalb von drei Jahren, so das Resultat einer Untersuchung von der Harvard-Universität, entwickelten zwölf Prozent der heranwachsenden Mädchen Symptome von Bulimie – einer bis dahin auf der Insel völlig unbekannten Erkrankung. „Es gelingt uns tatsächlich, Unsicherheit über das eigene Erscheinungsbild und Körperhass zu einem wesentlichen Exportartikel der westlichen Welt zu machen“, kritisierte Orbach. „Mädchen und Frauen beschäftigen sich heute ein Leben lang mit der Frage, ob ihre Körpermaße den Idealbildern entsprechen – von Fünfjährigen, die ihren Popidolen nacheifern, über junge Mütter bis hin zu immer mehr älteren Frauen“, beobachtet Orbach. Besondere Sorge bereitet ihr die Tatsache, dass problematisches Essverhalten häufig von Müttern an ihre Kinder weitergegeben wird. „Ein Extrem ist hier sicher der zuletzt unter Prominenten zu beobachtende Trend, sich in der 36. Schwangerschaftswoche einem Kaiserschnitt zu unterziehen, um weniger zuzunehmen und rascher wieder schlank zu werden“, kritisierte die Psychotherapeutin.

Verwirrte Appetitkonzepte

Aber auch in weniger ausgeprägten Formen störe die ständige Beschäftigung einer jungen Mutter mit ihrem Gewicht die Entwicklung eines natürlichen Ernährungsverhaltens beim Nachwuchs, „Kinder wachsen von Anfang an mit völlig verwirrten Konzepten von Appetit und dessen Befriedigung heran“. Ist eins der Kinder dann an ­Anorexie oder Bulimie erkrankt, wird für gewöhnlich in der Familie lange darüber geschwiegen, auch wenn sich die Zeichen nicht mehr verheimlichen lassen. Mangelnde Information sei eine Ursache dafür, so Dr. Bärbel Wardetzki, auf Essstörungen spezialisierte Psychotherapeutin in München. Über weitere Referate auf der Wiener Essstörungsenquete wird die ÄRZTE WOCHE in den kommenden Ausgaben berichten.

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