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Männer trinken am Mars, Frauen auf der Venus

Kein Symposium ohne Gender-Thematik. Blieben einst die Differenzierung von männlichen und weiblichen Attributen bzw. deren Einfluss auf Krankheit und Gesundung unbeachtet, so zeigen immer mehr Studien immer größere Unterschiede. So auch beim Thema Sucht. Aber wie ungleich sind Männer und Frauen beim Suchtverhalten?

„Was ein richtiger Mann ist, muss seinen Rausch haben“ und „Es gibt nichts Unmöglicheres als eine betrunkene Frau“ – mit diesen zwei markigen, der Volksseele entlehnten Aussagen eröffnete Dr. Senta Feselmayer, Psychologin und Psychotherapeutin sowie Leitern der klinisch-psychologischen Diagnostik am Anton-Proksch-Institut in Wien, Kalksburg, ihren Vortrag am Symposium für Jugend, Sucht und Kultur und bestätigte damit, wie tiefgängige Betrachtungsweisen zum Thema Gender und Sucht in unser tägliches Denken eingebrannt sind. „Der Zugang zum Bildungssystem und die damit verbundene vermehrte Erwerbstätigkeit haben eine Akzeleration und Angleichung der Geschlechterrollen bewirkt. Dies führt auch dazu, dass mehr junge Frauen früher und mehr Suchtmittel konsumieren“, so Fe­selmayer zu Hypothesen bezüglich des rapiden zahlenmäßigen Anstiegs suchtkranker Frauen.

Weibliches Geschlecht im Aufholfieber

Erhebungen zufolge veränderte sich bei konstanter Anzahl der Alkoholkranken das Verhältnis Männer zu Frauen von vier zu eins im Jahr 1994 auf drei zu eins im Jahr 2004, also stark zuungunsten der Frauen. Bei einer gleich bleibenden Zahl von 34.000 Alkoholkranken pro Jahr ergibt sich demnach eine Steigerung von fünf Prozent alkoholkranker Frauen in einem Zeitraum von zehn Jahren, erläuterte die Expertin. Auch beim Griff zur Zigarette haben die Frauen die Männer längst eingeholt, Tendenz weiter steigend. Ursache dafür sei nicht nur, dass junge Mädchen früher zu rauchen begännen, sondern auch die aussterbende nichtrauchende Voremanzipationsgeneration, fuhr die Psychologin fort.

Vaterbild, Mutterbild

Familienstrukturen und Partnerschaftsverhalten zeigen bei allen jugendlichen Suchtkranken starke Übereinstimmungen. So erleben junge suchtkranke Männer den Vater meist stereotyp mit eindeutig männlich besetzten Attributen wie stark und rau. Feselmayer betonte, dass positive emotionale Konnotationen, wie warm oder behütend, bei der Befragung vollkommen ausgespart wurden: „Der Vater wird vom jugendlichen Suchtkranken als Mann erlebt, nicht aber als Vater.“ Die Mutter hingegen wird zumeist überidealisiert, dabei stehen positive Attribute im Vordergrund: „Eine reale Mutter kann diesem Idealbild allerdings niemals entsprechen“, so die Expertin. Die Mutter-Sohn-Beziehung wird in der Verhaltensbeobachtung als konfliktvermeidend beschrieben. Junge suchtkranke Frauen berichteten hingegen, sich immer negativ erlebt zu haben, was durch die Person der Mutter sogar noch verstärkt wurde. Die Mutter-Tochter Beziehung in der Verhaltensbeobachtung zeigte sich eskalierend konflikthaft. Weibliche Alkoholkranke leben meist in gegenseitig abwertenden Partnerbeziehungen, während junge alkoholkranke Männer in der Regel zu einer überfürsorglichen Partnerin tendieren.

Existiert die „Suchtfamilie“?

Inwieweit ein Zusammenhang zwischen Traumatisierung und Gewalt bei jugendlichen Süchtigen im Kontext mit suchtkranken Eltern besteht, prüfte Feselmayer selbst 2006 im Rahmen einer Studie am Anton-Proksch-Institut. Von den Untersuchten stammten 79 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer aus einer Alkoholikerfamilie. Des Weiteren berichtete die Hälfte der Patienten über erlebte Vernachlässigung in der Kindheit. 78,4 Prozent der Kinder aus suchtbelasteten Familien mussten bis zum Stichtag Gewalterfahrungen aller Art erdulden, Mädchen dabei häufiger auf sexueller Ebene. Die Folgen von erlebter Gewalt äußern sich je nach Geschlecht unterschiedlich, wusste Feselmayer und zitierte in diesem Zusammenhang die deutsche Traumaforscherin Michaela Huber: „Traumatisierte junge Männer explodieren. Traumatisierte junge Frauen implodieren.“

Frauen sind von der Venus, Männer vom Mars

Laut Feselmayer entwickeln Frauen bei Belastungen eher Depressionen, Somatisierungsstörungen, Essstörungen und Co-Abhängigkeiten. Männer hingegen zeigen häufiger eine Störung des Sozialverhaltens und erklären Misserfolge external. Wesentlich öfter wird in der Kindheit bei Männern im Vergleich zu Frauen eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert. Aus all diesen Fakten ergeben sich zwangsläufig genderspezifische Interventionsmöglichkeiten. Feselmayer: „Töchtern sollte eine Hilfestellung beim Ausstieg aus der Co-Abhängigkeit gegeben werden. Im Rahmen dessen sollte die Selbstwahrnehmung gefördert und der Aufbau bzw. die Stabilisierung des Selbstwertes mithilfe Ressourcenförderung forciert werden. Als erster Schritt reicht oft schon die Enttabuisierung des Themas elterliche Suchterkrankung, um endlich offen über die Sucht der Eltern sprechen zu können.“ Und weiter meinte die Vortragende: „Söhne wiederum werden im Aufbau sozialer Netzwerke außerhalb der Familie unterstützt und bei der Entwicklung kreativer Ressourcen gefördert, ebenso im Erlernen von mehr Empathiefähigkeit und Gefühlsausdruck. Alles Faktoren, die sich positiv auf die Beziehungsfähigkeit auswirken.“

Divergierende Ressourcen

Frauen und Männer verfügen über unterschiedliche Ressourcen: So wird Töchtern mehr Empathie, Zuverlässigkeit, Phantasie und Kreativität nachgesagt, während sich Söhne durch eine hohe Risikobereitschaft, starke Stressbelastbarkeit (und damit verknüpft die Fähigkeit zur Dissoziation) sowie durch eine bessere Abgrenzungsfähigkeit zur elterlichen Suchterkrankung auszeichnen. Feselmayer betonte bei der Frage des Zusammenhangs zwischen Trauma, Gewalt und Zugehörigkeit zu einer Suchtfamilie die Wichtigkeit der Resilienz. Dabei zitiert sie wieder die Traumaforscherin Michaela Klein, die 2006 die Resilienz als die hohe Stressresistenz unter besonders hoher Entwicklungsplastizität beschrieb (Kasten 1). Erfolgreiche Suchtprävention umfasst den Erwerb von Sozial- und Lebenskompetenz sowie Risikokompetenz, betonte Feselmayer. Sozial- und Lebenskompetenz wird durch den Aufbau von Ressourcen (Schutzfaktoren), wie beispielsweise die Entwicklung von Selbstvertrauen, Autonomie, Kommunikations- und Beziehungseignung, Genuss-, Erlebnis- und Konfliktfähigkeit, Frustrationstoleranzentwicklung sowie infolge konstruktiven Umgangs mit den eigenen Bedürfnissen erworben. Risikokom­petenz bedeute die Vermittlung einer kritischen Haltung gegenüber legalen und illegalen Substanzen, den Verzicht auf zwanghaften Konsum in bestimmten Situationen, das Entwickeln von Regeln für einen maßvollen Genuss von legalen Substanzen und eine kritische Reflexion der Risikobereitschaft.

Auch bei Prävention
Geschlecht berücksichtigen

Geschlechtsspezifische Suchtprävention sollte also beim unterschiedlichen Gebrauch von Sub­stanzen sowie den unterschiedlichen Motiven für süchtiges Verhalten zwischen männlichen und weiblichen Suchtkranken ansetzen. „Dabei gilt es, Rollen- und Geschlechtsidentitätsprozesse zu begleiten und zu fördern, sowie Unterschiede in der generellen Risikobereitschaft und beim Thema Gewalt zu berücksichtigen, um ein sensibleres Miteinander zu fördern“, summierte Feselmayer.

Maierhofer, Ärzte Woche 9/2007

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