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Zwangsjacke und Gummizelle (Narrenturm 81)

Mit dem Tollhaus, einem eigenen Gebäude für die Versorgung von Geisteskranken, das bald Narrenturm genannt wurde, legte Kaiser Josef II. 1784 den Grundstein für die Psychiatrie in Österreich. Es dauerte jedoch noch mehr als 30 Jahre, bis ein eigener Primararzt für die Kranken bestellt wurde, und noch einmal zwei Jahrzehnte bis zu dem Entschluss, die Irren nicht mehr in Ketten zu halten.

Einmal abgesehen vom Bauwerk an sich, befinden sich unter den tausenden Objekten des pathologisch-anatomischen Bundesmuseums auch Ausstellungsstücke, Utensilien und Dokumente, die Hinweise auf den ursprünglichen Zweck des Gebäudes geben: ein bedauernswerter, mit einer Zwangsjacke ruhiggestellter Irrer im Modell einer Zelle, die dazugehörige Jacke im Original – übrigens die letzte erhaltene aus einem Wiener Spital – und zahlreiche Patientenakten und Krankengeschichten. Auch sie machen darauf aufmerksam, dass der Narrenturm ursprünglich als „Gebäude zur Aufnahme und Heilung von Geisteskranken“ errichtet wurde.
Ein gesellschaftliches Problem wurden die Geisteskranken in Österreich erst in der Zeit der Aufklärung – Vernunft galt nun als das höchste menschliche Gut. Den Grundstein für die Psychiatrie in Österreich legte Kaiser Josef II., selbst ein überzeugter Aufklärer. Mit dem „Tollhaus“ – für das sich bald die Bezeichnung „Narrenturm“ durchsetzte – ließ er bald nach seinem Regierungsantritt 1780 erstmals in Europa ein eigenes Gebäude für die Versorgung von Geisteskranken errichten. Bereits am 16. April 1784 bezog der erste Patient im später berüchtigten Narrenturm seine Zelle.

 Modell einer Zelle
Modell einer Zelle im „Gebäude zur Aufnahme und Heilung von Geisteskranken“.

Foto: Regal/Nanut

Üble Behandlung verboten

Die bis dahin in Gefängnissen untergebrachten Irren kamen somit erstmals in eine Krankenanstalt und wurden auch von einem Primararzt des Allgemeinen Krankenhauses mehr oder weniger medizinisch versorgt.
Die therapeutischen Möglichkeiten waren zwar bescheiden, eine üble Behandlung der Irren – wie sie in England noch Jahrzehnte später gang und gäbe war – war dem Personal jedoch strengstens verboten. Therapeutika wie Bittersalz, Brechweinstein und Chinarinde wurden nur äußerst sparsam eingesetzt, vielmehr zählten kalte Güsse und Eiswasser­klistiere zum therapeuti-schen Rüstzeug.
Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war die Psychiatrie in Wien, wie der Psychiatriehistoriker Helmut Gröger betont, trotz großartiger Leistungen auf anderen Fachgebieten, zumindest „kein Schwerpunkt der Wiener Schule“, wenn nicht sogar, wie es der Gerichtsmediziner Hermann Beer noch 1851 schrieb, „ganz verwahrlost“. In Deutschland, England und Frankreich war die Psychiatrie bereits wesentlich weiter fortgeschritten. So bestellte die Fakultät in Wien erst ab 1817 für den Narrenturm einen eigenen Primararzt.
1839 wurde Michael Viszanik (1792–1872) zum Primararzt des Tollhauses ernannt. Er war es, der die Ketten, mit denen man bis dahin die tobenden Irren im Narrenturm fixiert hatte – wenn auch nicht zur Strafe, sondern nur um die Patienten vor sich selbst und die Mitpatienten vor ihnen zu schützen –, endgültig aus dem Turm entfernte.
Ganze 30 Zentner (3.000 kg) Eisen ließ er aus dem Turm abtransportieren. Bei aktuellen Umbauarbeiten im Turm entdeckte man noch die in die Wände eingelassenen Holzpflöcke, an denen einst die Ketten verankert waren.
Viszanik habilitierte sich mit der Schrift über „Leistungen und Statistik der K.K. Irrenanstalt zu Wien seit seiner Gründung im Jahr 1784 bis zum Jahr 1844.“ Diese Publikation über die Erfolge der Anstalt erschien 1845. Neben Krankengeschichten legte der Arzt in seinem Werk Statistiken vor und beschrieb Einrichtungs- und Gebrauchsgegenstände der Wiener Irrenanstalt.
Ab 1847 hielt Viszanik an der Universität Wien auch eine Vorlesung über die „theoretische und praktische Seelenkunde“. Zwischen 1784 und 1844 wurden immerhin 13.872 Patienten im Narrenturm „behandelt“, genauer betrachtet aber wohl eher „aufbewahrt“.

Unverzichtbare Westchen

Viszanik konnte zwar auf die Ketten verzichten, auf das „Zwangswestchen“ aber noch nicht. Erfunden wurde die Zwangsjacke – ein vorne geschlossenes Hemd aus derbem, reißfestem Stoff mit überlangen geschlossenen Ärmeln, die am Rücken des Patienten verknotet oder mit einem Gurt fixiert werden – vom amerikanischen Psychiatriepionier Benjamin Rush (1746–1813) zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Da durch die Zwangsjacke nur die Bewegungsfreiheit der Arme eingeschränkt war, kam es häufig zu Verletzungen im Kopfbereich, da die tobenden Patienten gegen die Wände rannten und mit dem Kopf dagegen schlugen.
Die Verwahrung in so genannten Tob- oder Gummizellen, heute, weil weniger negativ besetzt, korrekt nur mehr Weichzellen genannt, waren die Antwort der Psychiatrie auf die sich selbst gefährdenden Patienten. Zwangsjacken und Gummizellen sind seit damals fast Synonyme für Irrenanstalten und heute noch das Symbol für eine menschenverachtende, inhumane und barbarische Psychiatrie. Heute werden Zwangsjacken und Gummizellen zumindest in den Industrieländern nicht mehr eingesetzt. Medikamente haben sie vollständig ersetzt.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 1/2007

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