zur Navigation zum Inhalt
 

Auch die Psyche isst mit (Folge 5)

Bei der Betreuung übergewichtiger Patienten kommt die psychologische Seite oft zu kurz. Wer eine gesundheitspsychologische Betreuung will, muss dafür in die eigene Tasche greifen.

„Zunächst gilt es, mit dem leider viel zu oft anzutreffenden Mythos der ‚glücklichen und zufriedenen Dicken’ aufzuräumen“, unterstreicht Mag. Veronika Holzgruber, Klinische und Gesundheitspsychologin sowie Vize-Präsidentin des Berufsverbandes Österreichischer PsychologInnen. In der Realität werden übergewichtige Kinder und Jugendliche oft gemobbt, Erwachsene tragen mit dicken Bäuchen auch eine gehörige Portion Leidensdruck. „Dieser muss allerdings sehr stark sein und sich oft erst in konkreten Gesundheitsproblemen manifestieren, ehe zumindest darüber nachgedacht wird, an der Körperfülle etwas zu ändern“, so Holzgruber.

Probleme „hineinfressen“

Übergewicht kann zwar auch mit genetischen Faktoren zusammenhängen, zentral geht es aber um Verhaltensänderung. Holzgruber: „Übergewicht hat viel mit der emotionalen Disposition einer Person zu tun, also ob jemand alles in sich hineinfrisst oder aus Frust zum Essen greift oder eine Ablenkung von Problemen im Alltag bzw. prekären sozialen Situationen sucht.“
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Zugang zu Informationen zum Thema Ernährung. Darüber hinaus hängt viel davon ab, auf welche Art und Weise versucht wird, nützliches Wissen zu vermitteln. Laut Holzgruber kommen derzeit Maßnahmen im Sinne der Prävention jedenfalls viel zu kurz: „Dabei geht es besonders um das zentrale Thema, wie Menschen mit Spannungen, Belastungen bzw. generell mit Stress umgehen, wie sie negative Erlebnisse ver-arbeiten.“ Oft werde über Essen versucht, eine Kompensation zu erreichen.
Ebenso von Bedeutung ist das Vorbild: Wie wird das „Projekt Ernährung“ in der eigenen Familie gelebt? Auf welche Art und Weise wird mit negativen Aspekten umgegangen? Insofern sind für Holzgruber einerseits Kinder und Jugendliche zentrale Zielgruppen, andererseits aber auch deren Eltern: „Die starke Zunahme der von Adipositas betroffenen Kinder unter acht Jahren ist bedenklich.“
Jemanden bei der Veränderung seines Verhaltens zu begleiten und zu unterstützen, gehört zu den komplexen Aufgaben im Gesundheits- und Sozialbereich. Die Zusammenarbeit von Hausärzten mit Diätologinnen ist für Holzgruber ein zweifellos sinnvoller Weg: „Darüber hinaus sollte aber auch die Gesundheitspsychologie eine Rolle spielen.“ Bedauerlich sei, dass deren Inanspruchnahme Patienten selber finanzieren müssen. Holzgruber kann sich außerdem gut vorstellen, dass Gesundheitspsychologen bei der Konzeption von Projekten und Programmen zur Prävention von Übergewicht bzw. beim Ansprechen und bei der Motivation von Betroffenen eine deutlich stärkere Rolle als bisher spielen könnten.

Für Rückfallprophylaxe fehlen adäquate Angebote

Mankos bei Angeboten für Menschen mit starkem Übergewicht sieht auch Holzgruber. Dies gelte vor allem für jene Personen, bei denen Symptome gerade erst im Entstehen bzw. noch nicht so stark ausgeprägt sind. „Der Hausarzt kann das Thema zwar im Zusammenhang mit der Vorsorgeuntersuchung ansprechen, oft fehlen ihm dann aber Informationen zu Angeboten, auf die er hinweisen kann.“ Genauso biete das klassische Gesundheitssystem praktisch keine Möglichkeiten hinsichtlich Rückfallprophylaxe.

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 44/2006

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben