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Tabu Alkoholkrankheit

Die Gesellschaftsdroge Alkohol wird in vielen Fällen als Selbstmedikation eingesetzt. Eine Abhängigkeit lässt sich daher ohne die Behandlung der zugrunde liegenden psychischen Störung nicht therapieren.

Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Doz. Dr. Christian Haring, Leiter des Primariat B, Psychiatrisches Krankenhaus, Hall in Tirol, über das ärztliche Management alkoholkranker Personen. Haring erklärte, dass die Aufklärungsarbeit langsam Früchte zeige und langsam eine Entstigmatisierung beobachtbar sei. Daher zeigten die Betroffenen auch weniger Scheu vor professioneller Hilfe.

Eine Alkoholkrankheit wird in vielen Fällen erst spät erkannt…
Haring: Die Alkoholerkrankung ist nach wie vor einer starken Tabuisierung unterworfen. Dementsprechend schwierig ist es in der allgemeinmedizinischen Praxis, die Betroffenen zu identifizieren. Deren Widerstand ist oft massiv und die Gefahr, dass der Arzt einen Patienten, durch Ansprechen des Problems verliert, ist durchaus gegeben. Es ist daher sinnvoll, sich mit dem Wesen solcher Abwehrhaltungen auseinanderzusetzen.

Wo liegen hier die Barrieren?
Haring: Die besondere Schwierigkeit besteht in der Suchtverleugnung. Sei es auf gesellschaftlicher Ebene, wo Alkoholkonsum zum guten Ton gehört, wie auch im privaten Bereich: Familien wollen oft nicht wahrhaben, dass eines ihrer Mitglieder alkoholkrank ist. Schließlich besteht die Furcht, dass so eine Erkenntnis Konsequenzen für das soziale Umfeld oder den Arbeitsplatz haben könnte. Man kann sich daher vorstellen, wie schwierig es für den Klienten ist, offen zu sagen: „Ich bin alkoholsüchtig.“

Wie kann man die Betroffenen aus ihrer beengenden Lage befreien?
Haring: Es hat Signalwirkung, wenn wir feststellen, dass Alkoholismus keine Schuld des Einzelnen ist, sondern eine Krankheit darstellt. Von einer manifesten Alkoholerkrankung sind rund fünf Prozent der Österreicher betroffen. Bei 10 bis 15 Prozent findet sich starker Alkoholkonsum. Diese Patienten zu erkennen und die Gefährdung abzuschätzen, sollte Ziel von Schulungen sein, damit rechtzeitig interveniert werden kann. Ein Alkoholkonsum mit sekundärer psychischer und physischer Abhängigkeit kann durch eine „brief intervention“ günstig beeinflusst werden. Wir bieten in Tirol diesbezügliche Fortbildungen an.

Ab wann gilt eine Person als alkoholkrank?
Haring: Wir können in der Psychiatrie keine klar kategorisierten Definitionen liefern, die Grenzen sind fließend. Nach meiner Ansicht ist das Ausmaß der Erkrankung schwer an Mengenangaben festzumachen, wie es immer wieder versucht wird. Wesentlicher wäre es zu eruieren, wie sich der Konsum gestaltet: Ob etwa eine zwanghafte Störung vorliegt, wenn trotz negativer Effekte, wie psychischer, physischer und sozialer Natur, weiter getrunken werden muss. Wenn man nicht mehr „Nein“ sagen kann. Wenn sich ohne Alkohol Ängste und Entzugssymptome einstellen.

Inwiefern können jugendliche Alkoholexzesse als Prädiktor gewertet werden?
Haring: In vielen Fällen handelt es sich um ein Experimentieren, das noch nicht einer Alkoholerkrankung zugeordnet werden muss. Leider entdeckte die Tourismus- und Freizeitindustrie in den letzten Jahren Jugendliche als Wirtschaftsfaktor und schuf mit Alkopops und „Happy-Hours“ eine breite Angebotspalette. Die Pädiater klagen über einen massiven Anstieg der jugendlichen Alkoholintoxikationen. Hier sind entsprechende Präventionsprogramme sehr hilfreich. Allerdings dürfte erst die Kombination eines übermäßigen Alkoholkonsums mit dem Vorhandensein einer psychischen Störung Wegbereiter für eine Alkoholkrankheit sein.

Welche aktuellen pharmakotherapeutischen Maßnahmen gibt es derzeit?
Haring: Neben dem Einsatz von Antidepressiva und neuen Neuroleptika konnten sich in den letzten Jahren die Anticraving-Substanzen etablieren. Die Behandlung sollte jedoch dem Facharzt überlassen werden. Ich empfehle, Suchtkranke an eine fachkompetente Einrichtung zu überweisen.

Sollen die Betroffenen generell dem Spezialisten vorgestellt werden?
Haring: In den meisten Fällen ist die Alkoholerkrankung mit anderen psychischen Störungen vergesellschaftet. Oftmals liegen ihr schizophrene oder affektive Störungen zugrunde. Der Alkohol wird dabei oft als Selbstmedikation verwendet. Die Diagnose und Therapie dieser dualen Diagnosen bedarf einer fundierten Ausbildung. Die Suche nach der psychischen Erkrankung hinter der Sucht steht im Vordergrund.

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 27/2002

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