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Angst vor Kontrollverlust, Hunger nach Schönheit

Während allerorts vor der Seuche Übergewicht mit all ihren Begleiterkrankungen gewarnt wird, verweigert jede 100. junge Frau das Essen. Die Krankheitseinsicht ist bei Anorexia nervosa oft gering, die Rezidivrate hoch, Selbstmorde sind häufig. Als Therapie der Wahl gilt die Psychotherapie – am besten eingebettet in ein multidisziplinäres Setting.

Die Bilder gingen um die Welt: Mary-Kate Olson, als Kind gemeinsam mit ihrer Zwillingsschwester Ashley Darstellerin der Michelle in der Fernsehserie Full House, vor ihrer Einlieferung in eine Klinik in Utah. Köpergewicht: knapp 40 Kilo. Ein paar Wochen später bestätigte die Pressesprecherin der Starzwillinge: „Mary-Kate hat Magersucht.“

Hungern bis zum Tod

Jede 100. junge Frau unter 22 Jahren hungert sich wie die amerikanische Jungschauspielerin die vermeintlich überschüssigen Kilos vom Leib. Doch nicht nur weil sich manche buchstäblich zu Tode kasteien, endet die Krankheit so oft tödlich. „Die Suizidrate ist unter Anorektikerinnen 200-mal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung“, weiß Prof. Dr. Andreas Karwautz von der Universitäts-klinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalters am Wiener AKH. Schon allein deshalb sind die Betroffenen „schwer gefährdet; mit ein paar guten Ratschlägen ist es nicht getan“.
„Essstörungen sind die psycho-somatischen Frauenkrankheiten unserer Zeit“, postuliert Prof. Dr. Günther Rathner von der Innsbrucker Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie. „Vor 100 Jahren hätten diese Frauen eine Hysterie entwickelt.“
Die Anorexia nervosa gilt im Vergleich zur Bulimie als seltenere, aber schwerere Essstörung und betrifft in 95 Prozent der Fälle Mädchen bzw. junge Frauen. Die Ursachen dafür sind multifaktoriell. Als eine der bedeutendsten sieht Rathner, gleichzeitig Obmann des Netzwerks Essstörungen und Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Essstörungen (ÖGES), jedoch „den geltenden gesellschaftlichen Schlankheitswahn“ an. Zaundürre Models, die über die internationalen Laufstege stöckeln, sind seit den 1960-er Jahren Vorbild für junge Mädchen. Sie befinden sich in einem äußerst vulnerablen Alter, in dem viele mit Autonomiekonflikten kämpfen, mit Problemen, sich von den Eltern abzulösen.
„In der Pubertät genügt bei entsprechend disponierten Menschen oft schon ein geringer Anlass für den Ausbruch einer psychiatrischen Störung“, weiß Karwautz auch aus seiner Erfahrung als Leiter der AKH-Ambulanz für Essstörungen im Kindes- und Jugendalter in Innsbruck. Ein so geringer Anlass kann auch die fortgesetzte Hänselei wegen angeblich zu rundlicher Oberschenkel oder der Andeutung eines Doppelkinns sein.

Schlank sein als Lebensziel

Freilich spielt auch die Persönlichkeit eine Rolle. Ein Hang zu Perfektionismus, der mit der Angst, die Kontrolle zu verlieren, einhergeht, sowie mangelnder Selbstwert veranlassen die Betroffenen zu mitunter zwanghafter Beschäftigung mit dem eigenen, auch bei bereits bestehendem Untergewicht stets als zu üppig empfundenen Äußeren. Gertenschlank zu sein, wird zum einzigen Lebensziel, um das die Gedanken wahnhaft kreisen. „Manchmal“, so Dr. Heidemarie Degendorfer-Reiter vom Institut „sowhat“, „haben wir Patientinnen mit einem BMI von 14, die sich in ihrer Wahrnehmung noch immer als zu dick erleben.“
Der dramatische Gewichtsverlust bleibt nicht ohne somatische Folgen: „Bei vielen der Betroffenen ist eine Osteopenie feststellbar“, sagt die Allgemeinmedizinerin Degen-dorfer, weshalb ihre Patientinnen alle zur Knochendichtemessung überwiesen werden. „Da viele Laxantienabusus betreiben, sind funktionelle Störungen des Darmtraktes keine Seltenheit“, so die Ärztin, „und die Stressbelastung der Krankheit führt in zahlreichen Fällen zu Gastritis.“
Auch eine Vergesellschaftung von Anorexie und Bulimie, der Ess-Brech-Sucht, ist gar nicht selten – und besonders gefährlich. Degendorfer: „Aufgrund einer Hypokaliämie kann es zu lebens-bedrohlichen Herzrhythmusstörungen kommen.“

Hohe Depressionsrate

Bis zu 70 Prozent der Anorektikerinnen leiden an Depressionen, die wahrscheinlich ebenfalls eine Auswirkung des permanenten Nahrungsmangels darstellen. So verweist Karwautz auf amerikanische Studien in den 1940-er und 50-er Jahren, bei denen gesunde Rekruten drei Wochen lang freiwillig auf Nulldiät gesetzt wurden. „Sie wurden reihenweise depressiv“, so Karwautz, „horteten Essen und berichteten von Zwangsgedanken, ganz wie Anorektiker.“ Stützpfeiler der Therapie sei es denn auch, dass die Patienten „aus dem Hungerzustand herauskommen. Sonst ist es ein absoluter Kunstfehler.“
Doch zur Gewichtszunahme ist eine Erhöhung der Kalorienmenge laut Degendorfer mitunter gar nicht ausreichend: „Manche der Patientinnen betreiben so extensiv Sport, dass wir ein regelrechtes Bewegungsverbot aussprechen müssen. Sie dürfen dann höchstens ihre Alltagswege langsamen Schrittes zurücklegen.“
Konsens besteht in der Behandlung der Anorexie darüber, dass Psychotherapie die Methode der Wahl ist. „Seit 50 Jahren ist vieles versucht worden, doch eine Wirksamkeit ist nur für die Psycho-
therapie erwiesen“, so der Psychologe und Psychotherapeut Rathner. „Die Behandlungswirklichkeit sieht allerdings anders aus“, beklagt er, Antidepressiva zu verschreiben sei gängig. Dabei hat erst unlängst wieder eine Studie im JAMA gezeigt, dass etwa Fluoxetin nicht zu einer schnelleren Genesung beiträgt und auch die Rezidivrate nicht senken kann. „Antidepressiva oder auch Neuroleptika, die dabei helfen können, den Patienten aus dem wahnhaften Denken heraus zu holen, sollten nur im klinischen Setting in Einzelfällen gegeben werden“, mahnt Karwautz.
Grundsätzlich sollte die Therapie multidisziplinär sein. „Für den Allgemeinmediziner kann die Behandlung einer Anorektikerin zu einer wahrhaft heroischen Herausforderung werden“, sagt Karwautz. Denn das für anorexiegefährdete Mädchen charakteristische mangelnde Selbstwertgefühl setzt einen schwer zu durchbrechenden Teufelskreis aus pathologischen Bewältigungsstrategien in Gang: Gelingt der Versuch, die Selbstkontrolle durch Gewichtskontrolle wiederzugewinnen, nicht, dann bleibt die Angst vor dem Kontrollverlust weiter bestehen. Das „Idealgewicht“ wird immer niedriger angesetzt, die Patientinnen nehmen weiter ab und verlieren zunehmend Kontakt zu ihrer Umwelt. Sie werden als Folge des Hungerns unkonzentriert, reizbar, immer ängstlicher, worauf sie als Methode zur Angstreduktion ihr Zielgewicht noch weiter hinunter setzen. Die Krankheitseinsicht ist bei all dem gering.

Rechtzeitige Überweisung

Im Institut „sowhat“ findet begleitend immer eine allgemeinmedizinische Betreuung statt. Schon bei der Erstordination wird laut Degendorfer eine ausführliche Anamnese plus Status erhoben, Blutbild, Leber-, Nieren-, Schilddrüsen- und Eisenwerte werden bestimmt. Karwautz empfiehlt niedergelassenen Ärzten, die bei einer Patientin Anorexie vermuten, eine schnelle Überweisung an Beratungseinrichtungen oder Spezialambulanzen, wo sich Ärzte, Psychotherapeuten und Diätexperten um die Betroffenen kümmern. Um die überwiegend jungen Mädchen und Frauen wieder zu einem normalen Essverhalten zu bringen, muss man sich allerdings auf einen langen Weg gefasst machen – laut Karwautz durchschnittlich sechs Jahre.

 Therapieangebote

1 Walsh BT et al.: Fluoxetine after weight restoration in anorexia nervosa: a randomized controlled trial. JAMA 2006; 295(22): 2605-12.

Weblinks:
- Netzwerk Essstörungen
- Österreichische Gesellschaft für Essstörungen (ÖGES)
- sowhat
- Spezialambulanz AKH Wien

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