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Morbus Parkinson jenseits motorischer Symptome

Laut einer paneuropäischen soziologischen Studie erleben über 80 Prozent der Parkinson-Patienten depressive Symptome. Diese werden teilweise belastender empfunden als die klassische motorische Symptomatik. Allerdings besteht diesbezüglich ein Kommunikationsdefizit zwischen Ärzten und Patienten. Kaum die Hälfte der Betroffenen spricht das Thema von sich aus beim behandelnden Arzt an.

In den letzten Jahren hat sich die theoretische Lebenserwartung nahezu verdoppelt. Mehr ältere Menschen bedeuten aber gleichzeitig mehr „alterstypische“ Erkrankungen, mit denen unsere Gesellschaft sowie unser Gesundheitssystem erst lernen müssten umzugehen. Das betonte Mary Baker, Präsidentin der „European Parkinson`s Disease Association“ (EPDA), in ihrem Vortrag „The Hidden Face of Parkinson´s disease“ Mitte Juni in Amsterdam.

Bestmögliche Lebensqualität trotz Parkinson

Grundsätzliches Anliegen der EPDA: die Förderung des Dialogs zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Aktuell im Mittelpunkt der Bemühungen steht bestmögliche Lebensqualität trotz Parkinson-Erkrankung, auch bezüglich Interaktion im sozialen Umfeld. Für Angehörige und Pflegepersonen wird der Umgang mit niedergeschlagener Stimmung und überwiegend negativen Gedanken oft zum wesentlichen Teil des Alltags mit einem an Parkinson erkrankten Menschen. Depressive Symptome, Ängste, kognitive Beeinträchtigung oder Schlafstörungen werden mehr und mehr als Teilbereich der Parkinson-Symptomatik verstanden, und nicht mehr nur als reaktive Prozesse, etwa auf die Last der Erkrankung.
Dennoch finden diese Beeinträchtigungen bisher in Diagnostik und therapeutischen Ansätzen eher wenig Aufmerksamkeit. „Wir haben bisher eben keine Möglichkeit, Parkinson zu heilen. Es stellt sich also vorrangig die Frage nach bestmöglichen Strategien, dem Patienten das Leben mit der Erkrankung zu erleichtern“, so der Neurologe Dr. Ray Chaudhuri (University Hospital, Lewisham and King´s College Hospital, London, UK). Beobachtung von Patienten und Berichte von Angehörigen gaben Anlass, die Häufigkeit von depressiven Symptomen und den diesbezüglichen therapeutischen Umgang in der Praxis in fünf europäischen Ländern (Großbritannien, Italien, Deutschland, Frankreich, Spanien) zu hinterfragen. Es wurden einerseits Patienten mit der Diagnose Parkinson, die bereits unter Therapie waren, andererseits Parkinson erfahrene Neurologen (in Großbritannien auch Geriatriker) befragt. Insgesamt 500 Ärzte sowie 500 Patienten waren an der Studie beteiligt. „Belastung durch depressive Symptomatik sowie negativer Einfluss auf die Lebensqualität wurden sowohl von den Patienten als auch von den Ärzten unmittelbar folgend auf die Beeinträchtigungen durch die Motorsymptome angegeben“, berichtete Dr. Richard Millard (Healthcare Research). „Allerdings gab etwa die Hälfte der Ärzte an, es sei oft schwierig, depressive Symptome zu erkennen; gleichzeitig gab auch fast die Hälfte der Patienten an, nie, nur selten, oder nur ausnahmsweise mit ihrem Arzt über ihre Stimmungslage zu sprechen.“

Negative Gefühle werden nicht gern formuliert

Ärzte nehmen zu oft an, dass die Motorsymptome den Patienten viel mehr beunruhigen, und scheinen deshalb vorrangig auf diese einzugehen. Ein weiterer Faktor scheint schlicht und einfach das oft unklare Vokabular zu sein, mit dem der betroffene Mensch seine Stimmung zum Ausdruck zu bringen versucht. Patienten scheuen sich, ihre negativen Gedanken zu formulieren, wollen manchmal nur ungern zugeben, dass sie sich träge, niedergeschlagen und hoffnungslos fühlen. Mary Baker machte zudem auf einen weiteren Aspekt aufmerksam: „Bei einer durchschnittlichen Konsultation von 12 Minuten bleibt – man muss die langsamen Bewegungen eines Parkinson-Patienten und die eingeschränkte Fähigkeit zum mimischen Ausdruck bedenken – kaum Zeit für entsprechende Einfühlung. Fragt der Arzt nur: ,Fühlen sie sich depressiv?‘ wird der Patient sehr wahrscheinlich mit nein antworten. Nimmt sich der Arzt hingegen wirklich Zeit für ein Gespräch, etwa über Familie, Sorgen, Zukunftsängste, wird sich der Patient viel eher öffnen können.“
Bleibt noch die Frage, welche Möglichkeiten aktuell bestehen, dem Parkinson-Patienten speziell die depressive Symptomatik zu erleichtern und damit vor allem seine Lebensqualität, auch im Hinblick auf eventuelle Nebenwirkungen oder mögliche Folgeerscheinungen eines theoretischen medikamentösen Ansatzes, überwiegend positiv zu beeinflussen.
Diesbezüglich untersuchte eine aktuelle Studie den Dopaminagonisten Pramipexol (Sifrol®), der bereits breite Anwendung in der Therapie der motorischen Symptome bei Morbus Parkinson findet, auf seine Effekte bezüglich Stimmungslage, im Vergleich zum SSRI Sertralin. Besonders weil es deutliche Hinweise gäbe, dass eine depressive Symptomatik dem Auftreten von motorischen Symptomen auch oftmals vorausgeht, stelle sich die Frage nach möglichen Alternativen zu üblichen antidepressiven Substanzen, gab Prof. Dr. Paolo Barone (Universität von Neapel, Italien) zu bedenken.

Pramipexol verbessert die Stimmungslage signifikant

In die Studie wurden Levodopa behandelte Patienten mit Major Depression, aber ohne motorische Langzeitkomplikationen inkludiert. In den beiden Vergleichsgruppen konnte für die Patienten eine signifikante Verbesserung der Stimmungslage erreicht werden. „Diese Ergebnisse geben Hoffnung, dass Dopaminagonisten eine mögliche Alternative zu klassischen Antidepressiva für die Therapie von Depressionen bei Morbus Parkinson sind“, so Barone. Zusammenfassend sollen depressive Symptome bei Parkinson-Patienten in erster Linie wahrgenommen, hinterfragt und künftig immer mehr in die therapeutischen Überlegungen miteinbezogen werden.

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