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Demenzerkrankungen nehmen zu

Die Betreuung dementer Patienten ist eine langfristige Aufgabe. Der weitaus größte Teil der ärztlichen Versorgung wird durch den Allgemeinmediziner wahr-genommen, dem auch eine entscheidende Rolle in der Früherkennung zukommt.

Schon heute gibt es in Österreich fast 90.000 Demenzpatienten. „Eine Zahl, die sich in den nächsten 25 Jahren zumindest verdoppeln wird. Zum Zeitpunkt der Diagnose kann die weitere Entwicklung der Erkrankung nicht abgeschätzt werden. Fest steht, dass beispielsweise eine Alzheimer Demenz die Lebenserwartung im Schnitt um fünf bis sieben Jahre verkürzt. Ab Diagnosestellung leben Betroffene durchschnittlich noch zwischen drei und zwölf Jahre, wobei der Beeinträchtigungsgrad durch die Erkrankung individuell sehr unterschiedlich sein kann“, beschreibt Prof. Dr. Josef Marksteiner, Universitätsklinik für Psychiatrie, Innsbruck, im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE die Symptomatik und stellt die Neuerungen des aktuellen Konsensus für Demenzerkrankungen vor.

Wie kann eine beginnende Demenz früh-zeitig erkannt werden? Welche Anzeichen sollten durch genauere Untersuchungen abgeklärt werden?
Marksteiner: Demenz ist ein chronischer Prozess, erste diskrete Anzeichen können über längere Zeit vom Patienten kaschiert werden. Zumeist berichten Patienten jedoch von sich aus etwa über ein Nachlassen der Merk- und Konzentrationsfähigkeit. Diese Meldungen sind ernst zu nehmen und mit dem Betroffenen genauer zu besprechen. Konkrete Fragen wie: „Hat Ihr Namensgedächtnis in den letzten zwei Jahren deutlich nachgelassen?“ oder „Sind Sie vergesslicher als vor zwei Jahren?“ können erste Hinweise für eine beginnende Demenzerkrankung liefern. Mehr noch als eine schlechtere Gedächtnisleistung sagen Defizite bei alltäglichen Handlungen aus.
Wenn Menschen zunehmend Schwierigkeiten bei der Verrichtung gewohnter Aufgaben bekommen, sollten die Alarmglocken läuten. Beispiele dafür sind die routinierte Hausfrau, der das Kochen nicht mehr gelingen will, oder der leidenschaftliche Handwerker, der mit seinem Hobby nicht mehr zurechtkommt. Für die Anamnese sollte sich der Untersucher viel Zeit nehmen. Demenzerkrankungen sind keine Blitzdiagnosen, es ist oft besser, den Patienten zwei oder drei Mal zu sehen, um sicherer zu werden.

Können einfache Testverfahren dem Nicht-Psychiater bei Verdachtsmomenten helfen?
Marksteiner: Der Wert zahlreicher Diagnosewerkzeuge wird überschätzt, viele von ihnen sind zu komplex und für die Praxis ungeeignet. Mit dem Mini Mental Status MMSE existiert ein einfaches Screeninginstrument zur Einschätzung der kognitiven Situation, mit dem auch der Verlauf einer Demenzerkrankung gut dokumentiert werden kann. Trotzdem bleibt die Einschätzung durch den Allgemeinmediziner, der seine Patienten lange kennt, das wesentliche diagnostische Kriterium. Für ihn ist es wichtig, die genannten Auffälligkeiten zu erkennen und zu merken: „Halt – hier stimmt kognitiv etwas nicht.“

Welche Diagnostik schließt sich an die Überweisung zum Neurologen bzw. Psychiater an? Wie kann die Versorgung optimiert werden?
Marksteiner: Eine gute Zusammenarbeit zwischen Allgemeinmediziner und Facharzt ist für die Betreuungsqualität entscheidend. Bei Verdacht auf eine kognitive Störung sollte die Abklärung in jedem Fall eine komplette Labor- und bildgebende Untersuchung (CT oder MRT) einschließen. Weiters müssen Risikofaktoren für eine beschleunigte Progredienz der Symptomatik beurteilt werden. Dazu gehören neben vaskulären Einflüssen wie Bluthochdruck und Lipidstoffwechsel frühere Schädel-Hirn-Traumata und der Diabetes mellitus. Letzterer dürfte einen eigenständigen Risikofaktor darstellen – eine präzise Blutzuckereinstellung bringt enorme Vorteile im Verlauf der Demenz.

Ist Demenz noch immer ein Tabuthema?
Marksteiner: Die Erkrankung hat sicherlich eine Enttabuisierung erfahren. Dennoch ist Demenz keine Diagnose zwischen Tür und Angel. Patienten und Angehörige müssen mit behutsamer Information darüber aufgeklärt werden, was sie erwartet. Für den Arzt stellt die Übernahme eines Demenzpatienten eine langfristige Verantwortung dar. Sie erfordert regelmäßigen Kontakt mit dem Betroffenen und seinen Angehörigen. Den Patienten zweimal im Jahr zu sehen genügt nicht. Zudem darf nicht vergessen werden, dass auch von pflegerischer Seite der Versorgungsaufwand sehr hoch und emotional belastend ist.

Welche Neuerungen bringt das aktuelle Update des Demenz-Konsensus der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie?
Marksteiner: Die wichtigsten Änderungen betreffen die medikamentöse Demenztherapie. Hier wird beispielsweise auf Indikationserweiterungen von Antidementiva, aber auch vermehrt auf seltenere Demenzformen wie die Vaskuläre Demenz eingegangen. Wesentlich ist, dass mehr und mehr Evidenzkriterien einfließen, der Konsensus entwickelt sich in Richtung klar wissenschaftlich gesicherter Empfehlungen. Außerdem wird mit der Neuauflage 2006 erstmals auch auf potenzielle neue Ansatzpunkte wie Stammzellen in der Therapie eingegangen.

Dr. Alexander Lindemeier, Ärzte Woche 27/2002

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