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Psychiatrische Erkrankung und Suizidalität

Trotz voller Terminkalender und langer Wartezeiten in der Ordination sollte die Früherkennung von Suizidalität zum Repertoire des Allgemeinmediziners gehören, denn an diesen wenden sich viele Lebensüberdrüssige noch kurz bevor sie handeln.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wächst die Suizidrate weltweit kontinuierlich. „Die Ursachen dafür sind vielfältig“, erklärte Dr. Peter Hofmann, Univ.-Klinik für Psychiatrie der Universität Graz, bei einer Fortbildungsveranstaltung zum Thema „Suizidalität bei psychiatrischen Erkrankungen“ der Wiener Ärztekammer Anfang September 2006 im Siemens-Forum, Wien.
Krisenherde und existenzielle ökonomische Probleme stehen ursächlich im Vordergrund. Allerdings sinkt in Österreich, einem europäischen Trend folgend, seit Mitte der 80-er Jahre die Suizidrate (s. Grafik). In der Europäischen Union begingen im Jahr 2000 etwa 15 von 100.000 Menschen Suizid. In Österreich lag die Rate 2000 bei 19,6/100.000 Einwohner, 2001 bei 18,3/100.000.
Innerhalb Österreichs ist insbesondere in der Steiermark der Tod durch Suizid ein besonderes Problem: 23 von 100.000 Einwohnern töteten sich im Jahr 2000 dort selbst. „Damit lag die Steiermark in der europäischen Statistik gleich hinter den Spitzenreitern Finnland und Ungarn“, sagte Hofmann. Umfangreiche Präventions-Trainingsprogramme sollen nun helfen, diesen traurigen Spitzenplatz zu verlassen.
„Wichtig ist, dass Sie nach Suizidgedanken fragen“, empfahl Hofmann der Kollegenschaft. Doz. Dr. Reinhold Fartacek, Leiter des Sonderauftrages für Suizidprävention an der Christian-Doppler-Klinik der Salzburger Landeskliniken, pflichtete bei: „Das direkte Ansprechen einer Suizidproblematik erhöht das Suizidrisiko nicht, im Gegenteil, es wird von den Patienten als Erleichterung empfunden.“ Insbesondere niedergelassene Allgemeinmediziner tragen in der Suizidprävention eine große Verantwortung.
Studien zufolge suchen mehr als die Hälfte der Menschen, die sich das Leben nehmen wollen, im letzten Monat vor der suizidalen Handlung ihren Hausarzt auf. Kaum einer spricht allerdings über die Suizidabsichten, sondern klagt über somatische Beschwerden.

Noch am Tag der suizidalen Handlung beim Hausarzt

In einer finnischen Studie waren 18 Prozent späterer Suizidenten noch am Tag der suizidalen Handlung bei ihrem Hausarzt, die suizidale Gefährdung kam aber nur bei jedem fünften zur Sprache. Hofmann: „Zentraler Prädiktor ist die Hoffnungslosigkeit. Wenn kein Vertrauen mehr in die eigene Problemlösefähigkeit vorhanden ist, verlieren Menschen den Mut zu kämpfen.“ Suizide sind unter Atheisten auffällig häufiger als unter konfessionell gebundenen Menschen. Andere bekannte Risikofaktoren sind Vereinsamung, länger währende Arbeitslosigkeit, Partnerverlust und Beziehungskrisen. Gehäuft treten Suizide bei jungen Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren oder bei Männern ab 45 Jahren auf. Männer im Alter zwischen 25 und 64 vollenden 3,5-mal häufiger den Suizid als Frauen gleichen Alters, Männer über 64 sogar 4,5-mal häufiger.
Die Schwere suizidaler Gefährdung lässt sich unter anderem an der Ausformung vorhandener Suizidgedanken ablesen (s. Kasten). „Menschen mit konkretem Suizidplan, in der letzten Phase vor dem Suizid, sprechen allerdings nur noch sehr selten darüber“, warnte Hofmann.
Einer der wichtigsten Prädiktoren für ein erhöhtes Suizidrisiko sind Suizidversuche in der Anamnese, insbesondere solche mit „harter Methode“, die hohe Gewaltbereitschaft gegen sich selbst erahnen lassen. Bei solchen Patienten gilt es, jeden Hinweis auf eine Suizidalität besonders ernst zu nehmen. „Sie haben schon einmal eine Grenze überschritten und spielen deshalb in einer anderen Liga“, sagte Fartacek. Allerdings haben nur 20 bis 30 Prozent aller Suizidenten schon vorher einen Suizidversuch unternommen.
Auch Suchterkrankungen erhöhen die Gefährdung. Alkohol enthemmt und spielt bei vielen suizidalen Handlungen eine Rolle. „Die meisten Menschen, die sich umbringen, sind depressiv erkrankt und unbehandelt“, stellte Hofmann fest. Häufigste Symptome einer Depression sind Interessensverlust (bei 96 Prozent der Betroffenen) und Freudlosigkeit, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Angstgefühle, innere Unruhe, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit.
„51 Prozent der Patienten mit Depressionen berichten über Gedanken an den Tod“, so Hofmann. Von Suizidgefahren besonders bedroht sind auch Personen mit bipolarer Störung. Insbesondere zu Beginn der Erkrankung und am Ende von manischen Phasen gilt besondere Vorsicht. Suizidversuche enden bei diesen Patienten sehr häufig letal.
„Etwa 60 Prozent der Patienten mit bipolarer Störung zeigen suizidales Verhalten“, sagte Fartacek. „Diese Patienten neigen generell zu einem sehr risikoreichen Lebensstil. Pflegt ein solcher Patient das Bergsteigen, so verzichtet er in manischen Phasen auf ein Seil, denn er meint, so gut zu klettern, dass er keine Sicherung benötigt. In depressiven Phasen lässt er das Seil auch weg, denn es ist ihm egal, ob er vom Berg stürzt.“
Auch die Schizophrenie erhöht das Suizidrisiko. „Besonders gefährdet sind Patienten mit depressiven Syndromen und zu Beginn der Erkrankung, wenn sie die Tragweite der Krankheit erfassen“, sagte Fartacek. „Später drohen Gefahren während eines akut psychotischen Schubes.“ Angst vor dem Erlebten, befehlende halluzinierte Stimmen, raptusartige Handlungen können zu Selbstverletzungen oder zum Suizid führen. Unerträgliche innere Unruhe, Akathisie, als eine häufige Nebenwirkung der notwendigen neuroleptischen Therapie oder Schlaflosigkeit sind ebenfalls in der Lage, suizidale Handlungen auszulösen.
Schulungen zur Suizidprävention, Zuhören, Sensibilität und Aufmerksamkeit helfen, Suizide zu vermeiden. „Bei etwa 50 Prozent der Selbstmorde wird es jedoch trotz allem sehr schwer sein, sie zu verhindern“, so Fartacek.

 Suizidrate in Österreich 1983-2002 (WHO)
Einem europäischen Trend folgend sinkt die Suizidrate in Österreich seit den 80-er Jahren.

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