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Geschlechterdebatte in der Psychotherapie

Die Bedeutung der Geschlechtszuge-hörigkeit ist eine potenziell wichtige Variable in der Psychotherapie, wie in einer wachsenden Anzahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen betont wird. Doch auch hier wird nach wie vor mit Stereotypien gearbeitet.

Einige Beispiele aus wissenschaftlichen Arbeiten illustrieren das Vorliegen von Stereotypien in Bezug auf die Geschlechterrolle in der Psychotherapie auf markante Weise. So wird beispielsweise behauptet, dass Therapeutinnen ihre Patienten weniger „entmachten“ (Kaplan, 1985), dass weibliche Patientinnen ein „verstehendes“ und „zuhörendes“ Verhalten der Therapeuten bevorzugen und dass Frauen lieber an einer Beziehung teilnehmen, die durch „Empathiebindung“ und „emotionalen Austausch“ gekennzeichnet sei.
Auf der anderen Seite wiederum wird angemerkt, das männliche Selbstbild sei stärker von „Unabhängigkeitserfahrungen“ und der „Abgrenzung von anderen“ abhängig. Dies sei der Grund dafür, dass Männer Behandlungen bevorzugen, die eine Beziehung bieten, in der sie „emotional Abstand“ und ein „Gefühl von Unabhängigkeit“ bewahren können. Die Konsequenz dieser Mythen ist die Aussage, Frauen bevorzugten „stützende Behandlungen“, was etwa 1996 von Piper behauptet wurde.
Doch diese Bemerkungen sind schlicht und einfach falsch, wie die Erfahrung an der Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie in Wien zeigt. Und noch viel schlimmer: Die Forscher transportieren mit diesen Aussagen Klischees von Geschlechtsrollenstereotypen – Stereotypien, die in keinster Weise durch empirische Untersuchungen belegt sind.

Geringer Frauenanteil

Ein Grund für diese Ansichten mag auch sein, dass der Anteil der Frauen in Bezug auf Publikationshäufigkeit, Fremdzitierungen und der Herausgabe wissenschaftlicher Zeitungen nur sehr gering ist, genauer gesagt, liegt er zwischen acht und 16 Prozent. Was ebenfalls zu beobachten ist: Generell scheint es manchen Autoren in der Psychotherapieforschung nicht wichtig genug zu sein, auf die spezielle Thematik der geschlechtsgebundenen Aspekte einzugehen. Als Beleg dafür gelten Arbeiten von Susanne Davis-Osterkamp. Ergebnisse ihrer Untersuchungen haben gezeigt, dass lediglich 25 Prozent der Arbeiten Geschlechtsvergleiche so angeben, dass sie für eine metaanalytische Untersuchung geeignet sind.

Widersprüchliche Ergebnisse

Doch hat das Geschlecht des Therapeuten nun tatsächlich einen Einfluss auf die Psychotherapie? Leider sind hier keine eindeutigen Resultate vorzulegen, denn die Studien zur Frage der Beziehung zwischen Behandlungsergebnis und Geschlechtszugehörigkeit der Therapeuten zeigen sehr widersprüchliche Ergebnisse.
Einiges spricht dafür, dass weibliche Therapeuten bessere Erfolge nachweisen können: Nach Diagnose geordnet, zeigten 63 Prozent der Angstpatienten nach Psychotherapie bei einer Therapeutin eine Verbesserung an, verglichen mit 46 Prozent bei einem männlichem Therapeuten. Bei Schizophrenie waren die Unterschiede noch markanter: Bei weiblicher psychotherapeutischer Betreuung kam es bei 56 Prozent der Patienten zu einer Verbesserung, verglichen mit 14 Prozent bei einem männlichen Therapeuten. Geht man jedoch vom Lebensstatus des Patienten aus, so gaben 50 Prozent der alleinerziehenden Patienten männlicher Therapeuten an, sich verbessert zu haben, verglichen mit 33 Prozent derjenigen Patienten von weiblichen Therapeuten.
Fazit: Ob Frauen oder Männer gleich gute, schlechtere oder bessere Therapeuten sind, ob man als Frau lieber zu einer Therapeutin oder als Mann besser zu einem Therapeuten gehen sollte oder umgekehrt – diese Fragen können einfach noch nicht schlüssig beantwortet werden. Übrigens: Geschlechterunterschiede kann man auch von Seiten der Patienten finden, die eine Psychotherapie ablehnen. Denn während sowohl Frauen als auch Männer gleichermaßen „Fehler von Seiten des Interviewers“ und „eine Therapie erscheint nicht notwendig“ als Gründe für ihre Ablehnung angeben, nennen Männer auch „sachlich-organisatorische Gründe“, während Frauen von einer „negativen Einstellung zu beziehungsweise Angst vor Psychotherapie“ sprechen.

Einfluss der Lebensereignisse

Nicht wirklich einfacher wird die Sachlage dadurch, dass es neben der Psychotherapie eine Unzahl von Ereignissen im Leben eines Patienten und Prozesse in der Person gibt, die für Veränderungen verantwortlich sein können. Ein Beispiel dafür: Man fühlt sich besser, während man in Therapie ist, weil man sich auch gleichzeitig verliebt hat. Hier muss die Frage gestellt werden, bis zu welchem Ausmaß Veränderungen (zum Beispiel in der psychodynamischen Organisation) der Therapie zuzuschreiben sind – und zu welchem der Veränderung der Lebenssituation. Weitere Forschung auf diesem Gebiet – wenn möglich ohne Stereotypien zu bedienen – wäre daher wünschenswert. n

Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser,
Vorstand der Univ.-Klinik für Tiefenpsychologie und
Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
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