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Verrücktes Bild des „Irrenarztes“

Mit kommendem Jahr soll der „Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin“ Wirklichkeit werden. Die Vernachlässigung des Faches in der Ausbildung von Allgemeinmedizinern sehen die Psychiater allerdings als „Katastrophe“.

Drei Kernanliegen prägen die Aktivitäten der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP): die Volksbildung, die Forcierung des „Trialogs“ Arzt–Patient–Angehörige und die Dezentralisierung der psychiatrischen Versorgung. Prof. Dr. Christoph Stuppäck, Vorstand der Christian-Doppler-Klinik in Salzburg und Präsident der ÖGPP, wird die Geschicke der Gesellschaft noch ein halbes Jahr lenken. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE gibt er Einblick in die neue Aus-bildungsordnung und rückt den Stellenwert der modernen Psychiatrie in Österreich zurecht.

Mit welchen Aktivitäten wollen Sie den angestrebten Zielen näher kommen?
Stuppäck: Im Sinne der „Volksbildung“ wird es beispielsweise bei unserer kommenden Jahrestagung in Salzburg einen Schülerkongress geben. Dabei wollen wir eine sehr junge Zielgruppe mit psychiatrischen Themen konfrontieren: Über die Funktionsweise des Gehirns, das Lernen oder über Gedächtnisstörungen sollen die Schüler an die Problematik unseres Fachgebietes herangeführt werden.
Die Forcierung des Trialogs Arzt-Patient-Angehörige hat mehrere Facetten. Ein Anliegen dabei ist der richtige Kontakt mit Angehörigen psychisch Kranker, was die Qualität der Therapien noch weiter verbessern kann.
Schließlich wollen wir die Dezentralisierung der psychiatrischen Versorgung in unserem Land vorantreiben. Die Vorteile davon liegen einerseits in der Entstigmatisierung der Patienten durch das Fehlen großer „psychiatrischer Anstalten“, andererseits in der besseren Erreichbarkeit. Viele psychisch kranke Personen kommen oft erst nach Jahren zu einer adäquaten Therapie. Eine breite, flächendeckende Verfügbarkeit zuständiger Stellen käme vielen Betroffenen entgegen.

Große Veränderungen stehen auch für das Fach an sich an …
Stuppäck: Eines meiner Hauptziele als Präsident war, die Umstrukturierung des Faches zu etablieren und diesbezügliches Lobbying zu betreiben. Die moderne Psychiatrie muss sich – neben pharmakologischen und anderen biologischen Verfahren – vermehrt der Psychotherapie zuwenden. Diesem Umstand haben wir Rechnung zu tragen.
Als ärztliches Fachgebiet umfasst die moderne Psychiatrie alle Maßnahmen der Erkennung, der nichtoperativen Behandlung, der Prävention, der Rehabilitation und der Begutachtung bei psychischen Krankheiten oder Störungen sowie bei psychischen und sozialen Verhaltensauffälligkeiten. Diesen hohen Ansprüchen muss die Ausbildung gerecht werden. Das Berufsbild des neuen Facharztes für „Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin“ impliziert naturgemäß eine psychotherapeutische Ausbildung als Teil des Curriculums.

Die Ausbildung zum Psychotherapeuten ist nicht unbedingt billig …
Stuppäck: Wenn es Teil der Ausbildung ist, dann muss die ausbil-dende Stelle weitgehend für die Finanzierung verantwortlich sein. Dies kann – neben finanzieller Unterstützung – auch in Form von Zeitausgleich erfolgen. Für die Ausbildungsverantwortlichen werden verschiedene, individuelle Modelle möglich sein.

Wann tritt die neue Regelung in Kraft?
Stuppäck: Stichtag ist der 1. Februar 2007. Mit diesem Datum startet die reformierte Ausbildung, Übergangsfristen wird es nicht geben. Kollegen, die bereits jetzt Facharzt und Psychotherapeut sind, dürfen sich ab diesem Zeitpunkt auch „Facharzt für Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin“ nennen.
Eine weitere Neuerung betrifft die Ausbildungszeiten. Anstatt der bislang vorgeschriebenen vier Jahre sind in der Ausbildung zum Facharzt fünf Jahre Psychiatrie vorgesehen. Die Neustrukturierung der Ausbildung wird dem Wandel, den sich unser Fach in den letzten zehn Jahren unterzogen hat, gerecht. Kein Psychiater, der eine gute Psychiatrie betreibt, kommt einerseits ohne Pharmako-
logie und andererseits ohne Psychotherapie aus.
Die ÖGPP hat zudem eine Ausbildungsakademie ins Leben gerufen, die nun in ihr drittes Jahr geht. Wir versuchen auf diesem Weg günstige Seminare anzubieten, die nicht allzu „populäre“ Themen, wie etwa die Sozialpsy­chiatrie, behandeln.

Sie hatten stets Vorbehalte hinsichtlich der „psychosomatischen Großkliniken“. Hat sich daran etwas geändert?
Stuppäck: Die zwei derzeit bestehenden Häuser muss man nehmen, wie sie sind. Im Idealfall sollen die in Eggenburg von einem Internisten und in Bad Aussee von einem Psychiater geleiteten Kliniken das medizinische Angebot ergänzen. Zwar ist der psychosomatische Ansatz sehr erstrebenswert, ja unverzichtbar, Bedarf besteht zweifelsohne. Der bessere Weg wäre aber, psychosomatische Abteilungen an (Zentral)-Krankenhäusern zu etablieren, wie dies etwa in den Strukturplänen des ÖBIG (= Österreichisches Bundes-Institut für Gesundheitswesen) empfohlen wird.
In welche Richtung sich diese Großkliniken entwickeln, werden wir beobachten. Unsere Sorge liegt nicht zuletzt darin, dass hier finanzielle Mittel gebunden sind, die in der Versorgung psychisch Kranker abgehen. Die Häuser haben für die erste Zeit Sonderverträge mit dem Hauptverband, sind jedoch naturgemäß gezwungen, sehr ökonomisch zu wirtschaften. Da diese Institutionen nunmehr im Gesundheitssystem vorhanden sind, müssen wir meines Erachtens die Kooperation suchen und nicht miteinander rivalisieren.

Wie sind Sie mit der derzeitigen Versorgungsstruktur zufrieden?
Stuppäck: Die Bettenzahl ist – sieht man von der regionalen Verteilung ab – insgesamt zufrieden stellend. Im ambulanten Bereich und in der Rehabilitation herrscht jedoch noch großer Nachholbedarf. Mit der Dezentralisierung kann eine verbesserte Versorgung, vor allem der ländlichen Bevölkerung gewährleistet werden.
In den ÖBIG-Plänen und den Salzburger Gesundheitsplänen ist dies bereits vorgesehen. Dem Ausbau außerstationärer Strukturen sollte hier besonderes Augenmerk geschenkt werden. Dies betrifft auch die Wohn- und Arbeitssituation der Betroffenen nach erfolgter Akutbehandlung.

Wie sehr konnte die Psychiatrie ihr etwas „verrücktes“ Image gerade rücken?
Stuppäck: Der Ruf des Psychiaters geht mit dem des psychisch Kranken einher. Daher wirkt sich jede Antistigma-Kampagne zugunsten der Patienten auch auf das Image des Berufsbildes des Psychiaters aus. Das Klischee des hinter der Psychotherapie-Couch einnickenden Psychiaters ist allerdings in der Bevölkerung und auch bei den Kollegen noch stark verbreitet.
Wir sind heute aber ein modernes Fachgebiet, das sich einer Reihe neuer technischer Innovationen bedient. Die Multidisziplinarität steht im Vordergrund: Psychotherapeuten, speziell ausgebildete Schwestern und Pfleger, Ergo- oder Musiktherapeuten, Sozialarbeiterinnen und eine Reihe benachbarter medizinischer Fachgebiete sind eng mit der Psychiatrie verknüpft.

Der Ruf der Psychiater hat sich in den letzten Jahren durch verstärkte Informationsaktivitäten aber doch gebessert …
Stuppäck: Tatsächlich wird es zunehmend akzeptabler, zu einem Facharzt für Psychiatrie zu gehen. Die Bevölkerung sieht mittlerweile die Notwendigkeit unseres Fachgebietes. Leider ist für manche Kollegen die Psychiatrie ein weitgehend unbekanntes Terrain. Vorurteile sitzen da noch tief, das Bild vom „Irrenarzt“ ist nach wie vor präsent.
Wenn man andererseits bedenkt, dass in der allgemeinmedizinischen Praxis rund die Hälfte aller Patienten primär keine körperlichen Erkrankungen, sondern ursächlich psychische Probleme haben, so ist hier deutlich Aufholbedarf gegeben. Es kann als Katastrophe gewertet werden, dass in der Ausbildung zum Allgemeinmediziner die Psychiatrie lediglich wahlweise zur Neurologie angeboten wird. Dies ist eine längst nicht mehr zeitgemäß und auch äußerst gefährliche Situation.

Welche neuen Entwicklungen sind in den kommenden Jahren zu erwarten?
Stuppäck: Therapeutisch gesehen tut sich in der Pharmakologie stets etwas Neues, in der Psychotherapie sehe ich die Zukunft in störungsspezifischen Ansätzen. Sehr skeptisch bin ich hinsichtlich jener Entwicklungen, die sich der Psychiatrie „auf genetischem Weg“ nähern.
Inwieweit sich – in einem therapeutischen Sinn – Veränderungen des Genmaterials auf psychische Erkrankungen auswirken, ist keineswegs geklärt. Zudem gibt es in unserem Fachgebiet keine monogenetischen Krankheiten, daher würde auch eine diesbezügliche Therapie schwierig bis unmöglich werden. Trotzdem wird die Forschung in diesem Bereich vorangetrieben werden und neue, wesentliche Erkenntnisse bringen.
Bedeutende Fortschritte sind auf dem Gebiet der bildgebenden Diagnostik zu verzeichnen. Mit Modalitäten, etwa der funktionellen Magnetresonanztomographie, erschließen sich völlig neue diagnostische Möglichkeiten.

 Cartoon

Dr. Ronny Teutscher, Ärzte Woche 27/2002

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