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Psychiatrie und Psychotherapie 6. September 2006

Zu viel Spekulation und zu wenig Diskretion

Die Psychiaterin und Neurologin Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser beleuchtet verschiedene Aspekte zu jenem Fall, der derzeit die Öffentlichkeit weltweit fesselt. Dabei geht sie mit dem spekulativem Sensationsrummel ebenso hart ins Gericht wie mit Fachleuten, die ihrer Geltungslust hemmungslos nachgeben.

Der Fall Natascha Kampusch nimmt nicht nur in der jüngeren Kriminalgeschichte Österreichs einen besonderen Platz ein. Auch das Rauschen im globalen Blätterwald ist gewaltig, und so prägt das „Thema Kampusch“ desgleichen die Schlagzeilen der internationalen Medien. Zweifellos erregen unfassbare Verbrechen und menschliche Grausamkeit unser Interesse und geben uns die Möglichkeit, unserem Voyeurismus ohne große Gewissensbisse nachzugeben. Eine weitere Begleiterscheinung sind die ins Scheinwerferlicht der Medien stürmenden Experten – und jene, die sich als solche verkaufen.
Die ÄRZTE WOCHE bat Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser, Vorstand der Univ.-Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie, AKH-Wien, die Umstände rund um den Kriminalfall und das Phänomen Kampusch zu erörtern. Dabei legte sie dar, warum die Öffentlichkeit so erpicht auf pikante Details ist und erinnerte daran, dass Natascha Kampusch nicht das erste Opfer in Österreich war, das die Strapazen einer jahrelangen Abgeschiedenheit weitab jeglicher sozialer Gemeinschaft erdulden musste.

Sie waren eine der Ersten, die öffentlich vor einem Medienspektakel im Fall Kampusch gewarnt haben. Sind all Ihre Befürchtungen eingetroffen?
Springer-Kremser: Es war voraussehbar, dass dieser Fall das öffentliche Interesse wecken würde. Besonders bitter schmeckt allerdings, dass zunehmend von vielen Seiten wild spekuliert wird. Dabei wurden die allerersten Mutmaßungen längst durch Fakten widerlegt und haben sich mittlerweile als völlig haltlos erwiesen. Die junge Frau bringt offensichtlich trotz ihrer besonderen psychischen Ausnahmesituation so viel Energie auf, viele jener Personen, die glauben, sich an ihrem Geschick beteiligen zu müssen, in ein ähnliches Agieren hineinzutreiben. Genauer gesagt: Im Bereich Psychotherapie und Psychiatrie erlebt man bisweilen, dass Patienten mit einer bestimmten psychopathologischen Struktur Handlungen setzen, die eine zielführende Zusammenarbeit verhindern. Ähnliches ist bei einem Teil des Betreuersystems von Natascha Kampusch beobachtbar; dort wird unglaublich agiert! Wenn dieses Agieren beispielsweise im Rahmen einer Psychotherapie auftritt, ist dies immer zum Schaden des Patienten. Und diese Gefahr besteht bei diesem außergewöhnlichen Fall durchaus, selbst wenn es sich nicht um eine Psychotherapie im engeren Sinn handelt.

Eine im Juni veröffentlichte Studie der Universität Zürich legte offen, dass Gewaltopfer überwiegend negativ auf ihre Medienberichte reagieren. Die Autoren kommen zum Schluss, dass „Menschen, denen es ohnehin schon schlecht geht, öffentliche Meldungen weiteren Schaden zufügen“. Sie raten daher, dass die Geschädigten die Berichte nicht aktuell verfolgen, sondern etwas Zeit verstreichen lassen sollten. Was bedeuten die ständige Medienpräsenz und die medialen Spekulationen für die Psychohygiene der Opfer und welche Rolle spielt dieser Faktor im Fall Kampusch?
Springer-Kremser: Ich denke, dass man diese Situationen nicht verallgemeinern kann. Diese Gefahren müssen von Fall zu Fall abgewogen werden. Wenn die betroffene Person den dringenden Wunsch verspürt, sich zu informieren, so kann man dies als Therapeut nicht verbieten. Diese Menschen sind schließlich nicht entmündigt. Aber wenn Frau Kampusch, wie aus ihrem Umfeld zu hören ist, die Berichterstattung ihres Falles mit Interesse verfolgt und tatsächlich eine festgestellte psychische Labi-lität vorliegt, so kann man ihr nur eine Begleitung anbieten. Also daneben sitzen und für eine Diskussion zur Verfügung stehen. Einfach darüber sprechen, wie all diese Dinge wahrgenommen werden. Leider drängt sich das Gefühl auf, dass die junge Frau ununterbrochen bevormundet wird. Mit Bedauern stelle ich fest, dass zu viele Menschen glauben, das Recht zu haben, sie – natürlich nur zu ihrem „Vorteil“ – zu entmündigen. Was besonders nachdenklich macht, ist, dass die über die Me-dien transportierte manische Abwehr der Betroffenen irgendwann zusammenbrechen muss. Dann wird diese junge Frau begreifen, dass der Mann, zu dem sie eine enge Beziehung – welcher Qualität auch immer – aufbauen musste, sich umbrachte, weil sie an die Öffentlichkeit getreten ist. Was dieser Gedanke dann anrichtet, ist derzeit noch völlig offen. Aus der psychoanalytischen Trauma-Lehre wissen wir, dass meist nachträglich, d.h. Monate bis Jahre später, psychische und psychosomatische Probleme auftreten können.

Woher kommt die übersteigerte Klatschsucht der Öffentlichkeit, die von den Medien auch noch verstärkt wird? Bedienen die Journalisten bloß die Bedürfnisse ihres Publikums oder wecken sie bewusst einen kollektiven Voyeurismus?
Springer-Kremser: Es ist doch so, dass tragische Schicksale von jeher nicht unbedingt die Schokoladenseite der Menschen hervorholten, sondern eher den bei uns allen vorhandenen Sadismus. Das heißt, man schaut mit Lust zu, wie es jemandem schlecht geht. Solche medial groß aufbereiteten Geschichten kann man daher als Ventil für unsere Freude an der Grausamkeit betrachten. Aber eines muss den Journalisten gesagt werden: Man sollte nicht so tun, als ob dieser Fall so einzigartig wäre. Es gab kaum eine Medienöffentlichkeit für jene Menschen, die zwischen 1938 und 1945 mit fürchterlichen Todesängsten in schrecklichen Verstecken ausharren mussten. Aber dass dieses Thema und diese Zeit bei uns nicht gerne diskutiert werden, ist ja nicht neu.

Heißt das, dass die teilweise skurrile Berichterstattung nur den Journalisten angekreidet werden muss?
Springer-Kremser: Nein, nicht allein! Die Verantwortung dafür liegt ebenfalls bei so genannten Experten, beispielsweise bei einem Gerichtspsychiater, der seine Spekulationen, die in der Nähe des Kaffeesudlesens anzusiedeln sind, wo nur irgend möglich als wissenschaftliche Erkenntnisse präsentiert. Dies schadet allen Beteiligten – vor allem jenen Betreuern, die professionell an diesem Fall arbeiten möchten. Eine derartige Vorgangsweise kann nur mehr als übelstes Bedienen des öffentlichen Voyeurismus bezeichnet werden. Das ist nichts Anderes als eine implizierte Aufforderung an die Medien, zu spekulieren.

Wie groß ist die Gefahr, dass Natascha Kampusch nach der Geiselhaft der Medien auch als „Kaspar Hauser light“ von der Wissenschaft missbraucht wird?
Springer-Kremser: Der Missbrauch durch die so genannte Wissenschaft läuft doch schon längst.

Was kann der außergewöhnliche Ausgang im Fall Kampusch bei Eltern anderer vermisster Kinder auslösen? Ist nicht zu befürchten, dass sie nun einer vermehrten emotionalen Belastung ausgesetzt sind?
Springer-Kremser: Eltern, deren Kinder als abgängig gelten, geht es ohnehin so schlecht, dass man sich eine Leidenssteigerung kaum vorstellen kann. Wie weit sich diese Geschehnisse auswirken, darüber kann nur spekuliert werden.

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 36/2006

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