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Allgemeinmedizin 18. Mai 2006

Das kauf‘ ich dir nicht ab!

Die Kaufsucht ist keineswegs ein seltenes Phänomen. Vielmehr steigt die Prävalenz mit den Verführungen der Konsumgesellschaft signifikant an. Eine Therapie ist gut möglich, schwierig ist es, die Sucht zeitig aufzudecken.

Das Verlangen, eine ausgedehnte Einkaufstour zu unternehmen, wird gemeinhin von Männern belächelt und als typisch weibliche Eigenschaft bezeichnet. Tatsächlich kann die Begehr zum Zwang werden und betrifft oft, aber nicht ausschließlich Frauen. Prof. Dr. Michael Musalek, Ärztlicher Leiter des Anton-Proksch-Institutes in Wien-Kalksburg, erklärte am 9. Mai im Casino Baden die Mechanismen der Kaufsucht (Oniomanie) und medizinische sowie psychologische Strategien, ihr zu begegnen. Der Zwang zum Erwerb von Sachen, die man gar nicht (mehr) braucht, wird als Sucht schon seit Jahrzehnten diskutiert, jedoch erst in den letzten Jahren wissenschaftlich beleuchtet und klassifiziert. Problematisch bei substanzunabhängigen Süchten sei es, sie mengenmäßig festzumachen, so Musalek. Daher seien die Grenzen zwischen manifester Sucht und Gefährdung fließend und nur schwer feststellbar. „Für die Therapie ist diese Frage aber fast unerheblich, denn auch den Gefährdeten hilft eine Behandlung“, so Musalek, der auf die steigende Prävalenzrate der letzten Jahre verwies. Für Österreich ermittelte eine Gallup-Untersuchung 2005 eine deutliche Gefährdung für rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung und eine starke Gefährdung für 7,7 Prozent. Musalek: „Diese Zahlen alarmieren und machen uns bewusst, dass in einer konsumorientierten Gesellschaft die Kaufsucht immer mehr zum Thema wird. Je mehr ein Suchtmittel verfügbar ist, umso eher kommt es zum Missbrauch. Eine besondere Falle für Kauf-süchtige ist das Bestellen im Internet sowie TV-Shopping. Dort verführen niedrige Hemmschwellen, dem Zwang kann rund um die Uhr nachgegangen werden.“

Das große Schweigen

Die größte Herausforderung ist, die Abhängigkeit überhaupt zu erkennen, da sie sich schleichend ankündigt und der Kontrollverlust still vonstatten geht. Kaum jemand wundert sich über die häufigen Einkäufe, schließlich werde nur eine alltägliche Aufgabe erfüllt. „Es ist eine Sucht, die häufig am Arzt vorbeigeht. Interessanterweise sind es vorwiegend die Freunde, die den ersten Verdacht schöpfen“, erklärt Musalek. Er appelliert an die Allgemein-mediziner, bei Argwohn einfach nachzufragen: „Die Wahrscheinlichkeit, auf einen Kaufsüchtigen zu treffen, ist nicht so gering, wie allgemein angenommen wird.“ Man müsse den Oniomanen helfen, bevor der finanzielle Ruin drohe. Musalek bezeichnete die Kauf-sucht als Impulskontrollstörung (ICD-10/F63) und erteilt Speku-lationen, sie in die Nähe von Zwangsstörungen anzusiedeln, eine Abfuhr. Charakteristisch sind wiederholte Handlungen ohne vernünftige Motivation. Die Betroffenen berichten von unkontrollierbaren Impulsen. Der Kaufhandlung selbst geht eine Anspannung voraus, die während der Einkaufstour einer kurzfristigen Erleichterung weicht. Außerdem steht die Oniomanie in enger Verbindung mit dem affektiven Spektrum und einem breiten Gefolge von Komorbiditäten, wie beispielsweise Depressionen und Angststörungen bis hin zur Persönlichkeitsstörung. Die Chancen, der überbordenden Kaufeslust mithilfe von modernen psychiatrischen und psychologischen Maßnahmen beizukommen, stehen mittlerweile gut. Die Therapie selbst ruht laut Musalek auf drei festen Säulen: (Psycho-)Pharmakologie, Psychotherapie sowie supportive Soziotherapie. Im Rahmen der pharmakologischen Behandlung lassen sich die gängigen Präparate der Suchtbehandlung wirksam einsetzen. Im Vordergrund steht dabei die affektive Stabilisierung, meinte Musalek abschließend.

Link: http://www.api.or.at

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