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Allgemeinmedizin 16. Mai 2006

Stalking-Opfer: Wie kann der Arzt helfen?

Nicht nur Prominente, sondern durchaus auch Lieschen oder Fritzchen Müller können von einem „Stalker“ bedroht werden. In einer aktuellen Studie gab jeder zehnte Befragte an, bereits einmal Verfolgungs-Opfer gewesen zu sein. In jedem dritten Fall wurde der Täter handgreiflich. Die Opfer wenden sich häufig als Erstes an ihren Hausarzt. Wie kann das Gewaltpotenzial eines Täters eingeschätzt werden und welche Maßnahmen können ihn von seinem Ziel abbringen?

Der Begriff „Stalking“ (engl.: auf die Pirsch gehen) bezeichnet ein Verhaltensmuster, das darin besteht, dass ein Täter einen anderen Menschen ausspioniert, verfolgt, belästigt, bedroht oder körperlich attackiert und (selten) sogar tötet. Durch diese Verhaltensweisen fühlt sich das Opfer des Stalkers in Angst versetzt. Der Stalker gewinnt durch seine aufdringlichen Kontaktaufnahmen, die teilweise werbend, aber auch bedrohlich sein können, erheblichen Einfluss auf die Lebensgestaltung des Opfers. Viele Opfer erkranken an körperlichen oder seelischen Leiden, weil sie unter andauernder Angst und Stress stehen. Obwohl dieses Verhalten keineswegs neu ist, ist der innovative Aspekt des in den 90er-Jahren entwickelten Stalkingkonzepts darin zu sehen, dass sowohl psychisch gesunde Täter als auch jene mit unterschiedlichen psychopathologischen Syndromen aufgrund bestimmter Verhaltensweisen als Stalker typologisiert werden. Dies ist im Hinblick auf die Gefahreneinschätzung von großer Bedeutung, da sich immer deutlicher zeigt, dass Stalking nicht selten auch zu offen gewalttätigem Verhalten eskalieren kann. Die Opfer fühlen sich häufig allein gelassen und suchen Hilfe bei Ärzten und Therapeuten, die über das Phänomen deshalb gut informiert sein sollten.

Manifestationsformen

Am häufigsten setzen Stalker die folgenden Methoden ein: Telefonanrufe, Briefe, Fax, E-Mails, SMS, Verfolgen, Auflauern, „In-der-Nähe-Herumtreiben“, Zusenden von Geschenken, Beschädigung von Eigentum, Hausfriedensbruch, Drohungen, aggressive Gewalthandlungen, sexuelle Nötigung und Kontaktaufnahme über Dritte. Da sich Stalking meist über einen Zeitraum von Monaten bis Jahren hinzieht, bedeutet dies für viele Opfer eine chronische und kaum kontrollierbare Stresssituation. Stalking ist zumindest in den Industrienationen offensichtlich ein weit verbreitetes Phänomen. Nach angelsächsischen Studien waren rund vier bis sieben Prozent der Männer und 12 bis 17,5 Prozent der Frauen einmal in ihrem Leben von dem Phänomen betroffen. In einer deutschen Studie zur Prävalenz von Stalking fanden sich ähnliche Häufigkeiten. 11,6 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal in ihrem Leben Opfer eines Stalkers gewesen zu sein. Unter den Stalkingopfern waren 87,2 Prozent Frauen und 12,8 Prozent Männer. Fast ein Drittel der Opfer erlebten in diesem Kontext auch körperliche Gewalt. Das bedeutet, dass man Stalking keineswegs als harmlose Belästigung abtun kann, sondern zumindest in Risikokonstellationen als einen Vorboten von konkreten Gewalthandlungen sehen muss. Bezüglich der Reaktionen von Stalking-Opfern fiel auf, dass Ärzte ein wichtiger Ansprechpartner für die Betroffenen sind, häufiger als beispielsweise Polizei oder Rechtsanwälte.

Stalker-Typologien

Stalker kommen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen. Etwa 80 Prozent sind männlich. Das Durchschnittsalter zwischen 30 und 40 Jahren ist im Vergleich zu anderen Straftätern eher höher. Viele Stalker sind arbeitslos oder haben aufgrund des sehr zeitaufwendigen Stalkingverhaltens sogar ihre Arbeitsstelle verloren. Auffällig ist ebenfalls, dass Stalker oft gescheiterte Beziehungen hatten. Es ist davon auszugehen, dass es eine Gruppe gibt, die psychiatrisch erheblich erkrankt ist und bei der das Stalkingverhalten Symptom und Ausdruck ihrer psychischen Erkrankung ist. Allerdings ist der vermutlich größere Teil der Stalker zwar psychisch auffällig, aber nicht so gestört, dass er für sein Verhalten nicht strafrechtlich verantwortlich gemacht werden könnte. Eine der am weitesten verbreiteten Stalkertypologien, die Aussagen über den Verlauf und die Gefährlichkeit bei bestimmten Stalkingkonstellationen anstrebt, unterscheidet fünf Typen (Tab.1).

Was bewirkt Stalking?

Grundsätzlich kann jeder Mensch Opfer eines Stalkers werden. Die Auswirkungen von Stalking sind allerdings abhängig von Art und Ausmaß des Stalkings, der Persönlichkeitsstruktur und den Ressourcen der Betroffenen. Es ist aber davon auszugehen, dass Stalking für viele Opfer eine chronische Stresssituation darstellt, der sie sich kaum entziehen können. Da die Situation oft unvermittelt für die Opfer auftritt, kann sie psychotraumatisch wirken und körperliche sowie seelische Krankheitszustände auslösen. Die Betroffenen zeigen oft erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen und entwickeln Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, Depression, generalisierten Angststörung oder anderer psychischer Störungen. In einer Studie waren Stalking-Opfer in ihrem aktuellen psychischen Befinden gegenüber Unbeteiligten signifikant beeinträchtigt. Mehr als die Hälfte der Opfer, aber nur 27 Prozent der Nichtbetroffenen wiesen in einer WHO-Skala zum psychischen Wohlbefinden kritische Werte auf, die einer depressiven Verstimmung nahe kam. Im Patient Health Questionnaire (PHQ-D) hatten die Stalking-Opfer in allen untersuchten Skalen aus den Bereichen Depressivität, somatische Symptome, Angstsymptome und allgemeine Stressbelastung signifikant höhere Ausprägungen. Da bisher nur Querschnittsstudien vorliegen, können diese Ergebnisse nicht kausal interpretiert werden. Es sind zumindest zwei alternative Erklärungen möglich. Einerseits kann die chronische Traumatisierung durch Stalking möglicherweise ursächlich psychische Krankheiten auslösen oder unterhalten. Andererseits ist auch denkbar, dass psychisch erkrankte oder vulnerable Menschen häufiger Opfer von Stalkern werden – ein Phänomen, das für andere Bereiche der Kriminalität bereits bekannt ist. In jedem Fall muss psychisch erkrankten Stalking-Opfern umfassende Hilfe gewährleistet werden.

Therapeutische Maßnahmen

Es ist davon auszugehen, dass Ärzte künftig häufiger mit dem Thema konfrontiert werden. Im Hinblick auf die Betreuung von Betroffenen ist zu betonen, dass sich Ärzte als Koordinatoren eines weiter gespannten Hilfsnetzes verstehen sollten. Dabei sind folgende Regeln zu beachten:
• An erster Stelle steht eine Risikoanalyse, wobei die Gefahr für das Opfer bei Ex-Partner-Stalking besonders hoch ist (siehe Tab.1).
• Stalkingopfer sollten darin bestärkt werden, frühzeitig sowohl die Polizei als auch rechtliche Hilfsmittel heranzuziehen. Dabei sollten die Bestimmungen der neuen gesetzlichen Bestimmungen konsequent genutzt werden.
• Das Stalkingopfer sollte über einige wichtige Verhaltensmaßnahmen informiert werden (Tab. 2).

Zwar sind die Möglichkeiten, durch eigenes Verhalten Einfluss auf den Stalker zu nehmen, begrenzt. Es kann aber nicht genug betont werden, dass die Opfer konsequent alle Kontaktangebote des Stalkers ignorieren müssen, um nicht durch eine intermittierende Verstärkung das Stalker-Verhalten zu bekräftigen. Die Betreuung von Stalkingopfern orientiert sich ansonsten an den Behandlungsrichtlinien von psychischen Störungen. Sinnvoll erscheint die Vermittlung von Stalkingopfern in eine Selbsthilfegruppe. Hier kann der Arzt auch als Initiator fungieren.

 Tab.1: Stalker-typologie

 Tab.2: Verhaltensregeln für Stalking-Betroffene

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