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Auf der Suche nach dem Sitz der Seele

„Freuds Entwurf ist nach wie vor das umfassendste und intellektuell befriedigendste Bild des Geistes“, sagt der Nobelpreisträger und Neurowissenschafter Eric Kandel. Ein Resümee zum 150. Geburtstag des Nervenarztes und Begründers der Psychoanalyse.

Im Februar 1908 hielt Dr. Eduard Hitschmann in der Versammlung der Psychoanalytiker, damals als „Mittwoch-Abend-Gesellschaft“ bezeichnet, einen Vortrag zum Thema „Frigidität des Weibes“. Dazu bemerkte Sigmund Freud in der Diskussion: „… die Anästhesie (Anm.: „Frigidität“) der Frau sei wesentlich als ein Kulturprodukt zu betrachten, als eine Folge der Erziehungseinflüsse: von Seiten des Mannes (ungeeignete Sexualobjekte) und direkt als Folge der Erziehung. Eine große Zahl der anästhetischen Frauen seien zu gut erzogene junge Mädchen. Die Sexualverdrängung hat dabei ihre Absichten nicht nur erreicht, sondern bei weitem mehr, als sie beabsichtigte. Die Anästhesie gehe im Lauf der Jahre zurück. Ein zweiter Gesichtspunkt betreffe die Untreue. Gesteht man der Frau geschlechtliche Befriedigung zu, so darf man die Forderung der ehelichen Treue nicht zu hoch anspannen. Ein anderer Weg, um der Neurose zu entgehen und sich den Kulturforderungen zu unterwerfen, sei die Verderbung des Charakters. Alle Verschrobenheiten und Verdrehtheiten der Leute sind Neurosenersatz. Es seien drei Wege zu wählen: entweder der der Neurose, oder der der Verletzung der Vorschriften (Untreu, etc.) oder der der Tugend und Verschrobenheit. Eine große Anzahl von Menschen wähle diesen dritten Weg. – Anmutige und reizende Frauen erwerben und bewahren diese Vorzüge nur durch sexuelle Freiheit ...“(1) Mit dieser Bemerkung eröffnete Freud einen Diskurs, der in Kontrast zu allen Weiblichkeitstheorien seiner Zeit stand. Im Hinblick auf die derzeit fatalen Neigungen zur Medikalisierung und Kommerzialisierung von weiblicher Sexualität ist diese Bemerkung von brennender Aktualität.

Katharinas Geschichte

In der Krankengeschichte Katharina wird das Zwiegespräch zwischen Freud und Katharina, einer Wirtstochter in einer Bergwirtschaft, wiedergegeben: die Inhalte der Anamneseerhebung, die diagnostischen und deutenden Interventionen Freuds, seine eigenen Überlegungen dazu und Katharinas Reaktionen darauf. Zeitlos ist der Stil der Anamneseerhebung: Freud fragt nach, bis er glaubt zu verstehen, worunter Katharina leidet. Er lässt sich die Beschwerden, die körperlichen Symptome im Detail beschreiben; Anamneseerhebung und psychotherapeutische Interventionen scheinen miteinander vernetzt, was vielleicht die unglaubliche Geschlossenheit dieses Textes ausmacht. Katharina würde heute nach den geläufigen Diagnoseschemata ICD-10, DSM-IV als „Somatisierungsstörung“ oder als „psychosomatisch“ diagnostiziert werden. Freuds Stil der Anamneseerhebung ist von aktuellem didaktischen Wert. Er kritisiert und urteilt nicht, sondern nimmt alles hin, wie es angeboten wird, und forscht nur nach seinem Sinn. Das gilt sowohl für banale Daten, wie z.B. Krankheitsgeschichte, vorangegangene Untersuchungen und Ähnliches, als auch für peinliche Intimitäten und aufregende reale Tatbestände.

Sexueller Missbrauch

PatientInnen, die unter primär als körperlich empfundenen Störungen leiden, wollen lange bei den Qualitäten der körperlichen Beschwerden verharren, und erst allmählich, gemeinsam mit den PatientInnen, ist ein Zusammenhang mit affektiven Reaktionen herzustellen. Wir kennen das von Patientinnen der psychosomatischen Frauenambulanz, einer Liaisoneinrichtung der Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie an den Frauenkliniken. Genau dieses Vorgehen Freuds ist in der Krankengeschichte nachvollziehbar, daher ist diese Krankengeschichte für den Unterricht von Medizinstudenten so wertvoll. Einen wichtigen Hinweis auf den Umgang mit kindlichen Leidensgeschichten bei Fällen von sexuellem Missbrauch, Inzest und deren mögliche familiäre Konsequenzen liefert die Krankengeschichte ebenfalls: die Tatsache, dass durch das „Ruchbarwerden“ eines sexuellen Missbrauches in der Familie dem Kind die Schuld am Zerbrechen der Familie zugeschoben wird, oder die Ausbeutung des Opfers zu ökonomischen Zwecken. In der Epikrise zu Katharina, die er über 20 Jahre später verfasste, spricht Freud von „traumatischen Erlebnissen“. Es wird das Konzept des Traumas vorweggenommen, das ein äußeres Ereignis mit dessen spezifischen Folgen für die innere Realität verknüpft.

Das Konzept des Todestriebs

Nach mehreren früheren theoretischen Ansätzen, welche die fundamentalsten Motivationen des menschlichen Verhaltens betrafen, entwickelte Freud die duale Theorie des Lebenstriebes und des Todestriebes, klinisch ausgedrückt eine Theorie der Sexualität im weiten Sinn als Lebenstrieb und der Aggression im weiten Sinn als Todestrieb. Freud behauptete, dass die fundamentale Ursache unbewusster Konflikte, so wie auch die unbewusste Motivierung menschlichen Verhaltens, von diesen zwei Grundströmungen Sexualtrieb und Todes­trieb stammt. Und während die Libido, die Energie des Sexualtriebes, die wichtigste Motivation für Anhänglichkeit, Liebe, Altruismus, Kreativität darstellt, zielt der Todes­trieb auf Zerstörung und auf die physische und psychische Vernichtung alles Lebendigen ab.

Unbezwungener Zwang

Mit dieser Theorie erklärte Freud klinische Erscheinungsbilder wie schwere masochistische, also selbstzerstörerische Einstellung, Suizidalität bei schweren Depressionen, Drogenabhängigkeit, aber auch negative therapeutische Reaktionen in psychoanalytischen Behandlungen; auch das Phänomen des Wiederholungszwanges, welcher PatiententInnen immer wieder innerlich zwingt, schmerzhafte und selbstzerstörerische Symptome trotz allen Verstehens und trotz aller Erklärungen zu wiederholen. Ein Beispiel dafür sind schwere Zwangsvorstellungen, welche eine Patientin dazu brachten, ins grelle Sonnenlicht zu schauen, womit sie ihre Sehkraft zerstörte; obwohl sie es selbst als unsinnig empfand, konnte sie nicht ablassen. Mit welcher Behandlung auch immer – Psychopharmaka, Verhaltensmodifikation, psychoanalytische Therapie –, für derart schwere Zwangskrankheiten gilt nach wie vor Freunds Satz aus 1926: „Der Zwang ist noch nicht bezwungen.“ Aktuell wird die Freudsche Theorie des Todestriebes einerseits im neurobiologischen und neuropsychologischen Forschungsgebiet von der Affekttheorie beeinflusst und andererseits von der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie, welche die wichtigste psychoanalytische Entwicklung in den letzten 40 Jahren darstellt. Im Jahr 1895 versuchte Freud im „Entwurf einer Psychologie“ den psychischen Apparat in Begriffen des damaligen Wissensstandes der Hirnphysiologie darzustellen. Aber 1931 schreibt er, „… es ist ein unerschütterliches Resultat der Forschung, dass die seelische Tätigkeit an die Funktion des Gehirns gebunden ist, wie an kein anderes Organ. Aber alle Versuche, eine Lokalisation der seelischen Vorgänge zu erraten … sind gründlich gescheitert.“ Vielleicht wäre er mit den heutigen neurowissenschaftlichen Forschungsmethoden wie PET und fMRI in diesem Bemühen der Verknüpfung von innerseelischen mit neurophysiologischen Vorgängen erfolgreicher?

1) Aus: Hermann Nunberg, Ernst Federn: Protokolle II der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1908-1910. S. Fischer, 1977.
2) Aus: Sigmund Freud: Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. In: Studienausgabe, Band 5: Sexualleben. S. Fischer, 1989.

 Das Wartezimmer in der Ordination Sigmund Freuds.

Das Wartezimmer in der Ordination Sigmund Freuds.

Foto: Wolfgang Regal

O. Univ.-Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser,
Universitätsklinik für Tiefenpsychologie und
Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
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