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Das zermürbende Leiden an sich selbst

Noch bis vor kurzem war die einst als manisch-depressives Irresein bezeichnete psychiatrische Störung ein Stiefkind der Forschung. Neue Untersuchungen geben Aufschluss über den hohen Leidensdruck der Patienten – und wie schwer es auch für ihre Umgebung ist, ihre wechselnden Stimmungslagen zu ertragen.

„Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“, die Zeile aus Klärchens Lied in Goethes Egmont wurde zum Synonym für das Wechselbad der Gefühle, in denen Menschen mit bipolaren Störungen stecken. Phasen von extremer Seelenfinsternis wechseln sich mit Episoden einer Leichtigkeit des Seins ab, in der dann im Kaufrausch schon mal das Konto um sechsstellige Summen überzogen wird. Hin und her gerissen zwischen maßloser Selbstüberschätzung und trostloser Melancholie, setzte etwa Medientycoon Ted Turner, der sich in seiner Autobiografie und in Selbsthilfegruppen zu seiner Krankheit bekannte, in den wechselhaften Zeiten seines Lebens drei Firmen in den Sand, um sich dann wiederum auf die Forbes-Liste der 400 reichsten Amerikaner zu katapultieren. „Was das Krankheitsbild so furchtbar problematisch für die Betroffenen macht“, so Prim. Prof. DDr. Michael Lehofer von der Grazer Sigmund Freud Klinik, „ist unter anderem die Unmöglichkeit, sich durchgehend ihrer Identität sicher sein zu können.“ Diese Unsicherheit der eigenen Person gegenüber besteht allerdings nicht nur in Zeiten der manifesten Krankheit, sondern auch in symptomfreien Intervallen. Und: Auch für die Umgebung, insbesondere für die Partner, ist es schwierig, „die chamäleonähnlichen Veränderungen der psychischen Konstitution des Kranken zu ertragen“ (Lehhofer). So ist nachzuvollziehen, dass die Trennungs- und Scheidungsrate unter Menschen mit bipolarer Störung besonders hoch ist.

Lebenslange Erkrankung

Neu ist das Krankheitsbild nicht, Beschreibungen von sich abwechselnder Manie und Depression gibt es schon im antiken Griechenland. Doch bis vor kurzem lag die Konzentration der Forscher hauptsächlich auf jenen schweren Krankheitsbildern, die eine Aufnahme ins Krankenhaus notwendig machten. In der letzten Zeit wurden jedoch auch die verschiedenen weniger dramatischen Verlaufsformen genauer unter die Lupe genommen und neu klassifiziert. Das führte Prim. Prof. Dr. Christian Simhandl auf der von Update organisierten Pressekonferenz „Bipolare Erkrankungen – eine diagnostische und therapeutische Herausforderung“ Ende März in Wien aus. So unterscheidet man heute, wie der Leiter der sozialpsychiatrischen Abteilung und Tagesklinik am Krankenhaus Neunkirchen erläuterte, vier Ausprägungen der bipolaren Erkrankung von der zyklothymen Störung (siehe Kasten). Allen gemeinsam ist, dass es sich dabei um eine lebenslange Erkrankung handelt, die depressiven Episoden für gewöhnlich länger und häufiger sind und die Intervalle dazwischen mit fortschreitendem Alter kürzer werden.

Hohe Komorbidität

Selten sind die zermürbenden Stimmungsschwankungen nicht: So kommt die Bipolar-I-Erkrankung (Manie und Depression) bei ein bis zwei Prozent der Bevölkerung vor, die Bipolar-II-Erkrankung (Hypomanie und Depression) bei fünf bis zehn Prozent und bipolare Störungen im leichteren (weiteren) Sinne bei 3,2 bis 9,4 Prozent. Auch bei nahezu der Hälfte der so genannten unipolar-depressiven Patienten kommt es im Langzeitverlauf der Erkrankung zum Auftreten von Hypomanien oder Manien, so dass ein Diagnosewechsel auf „bipolare Depression“ und in weiterer Folge auch ein Behandlungswechsel erforderlich wird. Die Komorbidität ist ebenfalls hoch. So leiden laut Untersuchungen des Genfer Psychiaters Prof. Jules Angst 64 Prozent der Patienten mit Bipolar-II-Erkrankung gleichzeitig an Angststörungen, auch die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Suizidversuchen ist gegenüber der Normalbevölkerung erhöht. Im Umstand, dass 45 Prozent Alkoholmissbrauch betreiben und 55 Prozent regelmäßig zu Tabletten greifen, sehen Experten einen deutlichen Hinweis auf die Neigung zur Selbsttherapie der Betroffenen, die sich ihrer Krankheit hilflos ausgeliefert fühlen. Zumal bipolare Störungen, wie Prof. Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH, bei der Pressekonferenz konstatierte, „unterdiagnostiziert und unterbehandelt“ sind. So vergehen in der Regel drei bis zehn Jahre bis zu einer Diagnose, was möglicherweise darauf zurückzuführen ist, dass die klinische Ausprägung von Bipolar-II-Patienten mit Zyklothymie, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Substanzmissbrauch, Borderline- bzw. antisozialer Persönlichkeitsstörung verwechselt werden kann.

Die Stimmung stabilisieren

Die Behandlung, da waren sich die auf der Pressekonferenz anwesenden Psychiater einig, muss medikamentös beginnen, eine Psychotherapie, etwa in Form einer kognitiven Therapie oder eines psychoedukativen Verfahrens sei aber unterstützend sinnvoll. „Es geht darum, die Stimmung zu stabilisieren“, fasste Kasper die Behandlungsgrundsätze zusammen, und dazu sei eine Langzeittherapie notwendig. Die vor kurzem erstellten internationalen Richtlinien für die Behandlung (J Clin Psychiatry 65:4, April 2004) empfehlen Lithium bzw. Lamotrigin als First-line-Therapie, je nachdem, ob die manischen oder die depressiven Phasen stärker ausgeprägt sind.

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