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Kurzdepressionen bergen eine hohe Suizidgefahr

Die rezidivierende kurze depressive Störung (RKD) ist häufig, wird aber oft nicht erkannt. Insgesamt ist diese Krankheit „ein vernachlässigtes Forschungsgebiet“.

Bisherige Erkenntnisse zum RKD präsentierte Prof. Dr. Jules Angst, ehemals Forschungsdirektor an der Züricher Uniklinik Burghölzli, auf dem 5th International Forum on Mood and Anxiety Disorders vergangene Woche in Wien. Dabei gibt es durchaus Anlass, sich der affektiven Störung auch im klinischen Bereich vermehrt anzunehmen, denn es handelt sich nicht bloß um Schwankungen auf dem Barometer der Launen, wie sie jeder kennt. Gekennzeichnet ist das Leiden durch alle Kernsymptome der Depression, die mild bis schwer sein können: gedrückte Stimmung und Antriebslosigkeit, bleierne Müdigkeit und mangelndes Interesse an jedweder Tätigkeit. Die Konzen-tration lässt nach, Schuldgefühle nagen, der Selbstwert sinkt auf ein Minimum, es kommt zu Schlafstörungen und Appetitmangel.
Doch anders als bei der so genannten Major Depression, die mindestens zwei Wochen anhält, dauert das Tief nur zwei bis vier Tage an. Dann pendelt sich die Stimmung wieder auf ein normales Niveau ein, manche Betroffene rutschen in hypomanische Episoden, die dann rasch wieder in eine Depression übergehen. „Zuweilen binnen einer Stunde“, so Prof. Dr. Hans Lovdahl, Uniklinik Oslo. Laut Definition kehren diese Schwankungen einmal pro Monat wieder. Die Störung ist gar nicht selten. Mit fünf bis zehn Prozent wird die Prävalenz angegeben, Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Besonders gravierend: Die Suizidgefahr ist hoch, zudem kommt es oft auch zu Alkoholmissbrauch, Panikattacken, Angst- und Zwangsstörungen. „Die Patienten suchen vor allem Hilfe beim Hausarzt“, so Angst, der im Jahr 1985 mit der „Zürich Studie“ die erste größere Untersuchung zu dieser Krankheit durchgeführt hat. Doch die Dia-gnose ist meist schwierig, denn das Leiden ähnelt anderen affek-tiven Störungen.
„Die Pathophysiologie der rezidivierenden kurzen depressiven Störung (RKD) ist noch nicht bekannt“, sagte. Zwar wurde die „periodische Melancholie“ schon Mitte des 19. Jahrhunderts erstmals beschrieben, doch die WHO klassifizierte das Leiden erst 1994 als ein zu den unterschwelligen psychiatrischen Störungen gehörendes eigenständiges Krankheitsbild.

Große Suizidgefahr

Nach dem derzeitigen Stand des Wissens können die depressiven Episoden durch leichte psychosoziale Stressoren getriggert werden, bei Frauen besteht jedoch kein Zusammenhang mit dem Menstruationszyklus. Angenommen wird, dass sich die RKD genetisch nicht von der klassischen Depression unterscheidet, an der rund 40 Prozent der Patienten gleichzeitig leiden. Der ähnliche Zeitverlauf wie bei Migräne führte zu der Hypothese, dass beide Krankheitsbilder in die Familie von kurzzeitigen, rezidivierenden selbstlimitierenden Syndromen gehören, die mit einer Störung der Monoamine einhergehen.
Das mittlere Erkrankungsalter liegt bei 28 Jahren, Krankenstände und Trennungen vom Partner sind unter den Patienten häufig, viele Betroffene meinen auch, dass die regelmäßig wiederkehrenden Stimmungstiefs auf körperliche oder soziale Probleme zurückzuführen sind. Oft treten gleichzeitig Panikattacken oder saisonale depressive Störungen auf. Das gravierendste Problem: Die schlagartig einsetzenden Depressionsepisoden sind oft mit Todesgedanken verbunden. So gaben in der von Prof. Dr. Jules Angst an der Klinik Burhölzli durchgeführten Zürich-Studie 13 Prozent Suizidversuche an. Lag gleichzeitig eine Major Depression vor, so stieg die Zahl gar auf 23 Prozent.
„Ich habe unlängst von einem Fall gehört, in dem der Betroffene den ganzen Tag über völlig unauffällig agiert hat, dann nach Hause ging und sich erhängte“, so Prof. Dr. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH, über die Gefahr der plötzlich auftretenden Kurzzeitdepressionen. Den Weg zum Psychiater finden nur die wenigsten, überhaupt nehmen nur rund zwei Drittel professionelle Hilfe in Anspruch. Beobachtet wurde, dass viele der Betroffenen zur Selbstmedikation greifen: in Form von Alkohol. Der kann jedoch die Gefahr eines impulsiven Suizidversuchs verstärken.
Die Schwierigkeit der Diagnose liegt darin, dass der behandelnde Arzt nicht direkt mit den Symptomen konfrontiert ist, da sie zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits wieder verschwunden sind. Bei Verdacht auf eine remittierende Kurzzeitdepression empfiehlt Kasper die Anwendung eines Stimmungstagebuchs über drei Monate, in dem Frauen auch Beginn und Dauer der Menstruation festhalten. Denn bei der Diagnose gilt es, ähnliche Krankheitsbilder, wie etwa die prämenstruelle dysphorische Störung, auszuschließen.Über die Wirkung von Psychotherapie gibt es bisher keine Untersuchungen. Was die pharmakologische Behandlung betrifft, so wurden einige Studien durchgeführt, die jedoch, wenn sie dem klassischen zweiarmigen, doppelblinden, placebokontrollierten Design folgten, keinen Therapieerfolg zeigten. Inzwischen herrscht in der Fachwelt jedoch die Meinung vor, dass bei der rezidivierenden Kurzzeit-Depression aufgrund der rasch schwankenden Symptomatik ein anderes Studiendesign – etwa Einzelfallanalysen – und ein längerer Beobachtungszeitraum gewählt werden sollte.
Unter anderem von der Abteilung für Allgemeine Psychiatrie am Wiener AKH durchgeführte Anwendungsbeobachtungen mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern und niedrig dosierten atypischen Antipsychotika zeigen jedenfalls positive Ergebnisse. Eine medikamentöse Behandlung mit nebenwirkungsarmen Substanzen sei laut Kasper deshalb sinnvoll, auch die Compliance sei gut.

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