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Antidepressiva und Suizidgefahr

2004 haben sich in Österreich 1.418 Menschen das Leben genommen. Die Alpen­republik rangiert damit in der internationalen Statistik auf Platz drei nach Finnland und Ungarn. In über 90 Prozent der Fälle lag dem Selbstmord eine psychische Erkrankung zugrunde. 50 Prozent der Erkrankten litten an einer behandlungs- bedürftigen Depression.

Neuere Antidepressiva, wie etwa die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), gelten heute als wesentliche Gruppe in der medikamentösen Depressionsbehandlung. Aufgrund einzelner Studienergebnisse, die einen Zusammenhang zwischen antidepressiver Therapie und Suizidideen bzw. Suizidverhalten suggerieren, gerieten diese Therapeutika in Diskussion. Allerdings wurden nur neuere Antidepressiva wie SSRI und SNRI (selektive Serotonin- und Noradrenalin-Reuptake-Inhibitoren) auf eine mögliche Erhöhung des Suizidrisikos untersucht, nicht jedoch ältere Substanzen wie trizyklische Antidepressiva (TZA). „Drei Metaanalysen haben keinen Zusammenhang zwischen der Anwendung von SSRI und einem erhöhten Suizidrisiko gefunden“, fasste der Leiter der klinischen Abteilung für allgemeine Psychiatrie am AKH Wien, Prof. Dr. Siegfried Kasper, auf der Pressekonferenz zur 7. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für biologische Pychiatrie (ÖGBP) Ende November in Wien zusammen. Gerade zu Beginn einer medikamentösen antidepressiven Therapie sei jedoch ein intensives Monitoring der PatientInnen einzuhalten, hielt Kasper weiter fest: „Bei SSRI setzt zuerst eine anregende Wirkung ein, die antidepressive Wirkung tritt dagegen erst mit einer Latenz von zehn bis 14 Tagen auf.“

Multimodales Therapiekonzept

Dies bedeutet nicht nur, dass die PatientInnen in den ersten vier Wochen wenigstens einmal wöchentlich ihren Psychiater aufsuchen sollten, vielmehr ist bei De­pressiven mit Suizidrisiko insgesamt ein multimodales Therapiekonzept erforderlich. Dabei stellen die Diagnostik, die psychotherapeutische Führung sowie die medikamentöse Therapie die Eckpfeiler dar. In einem Konsensus-Papier, das anlässlich der ÖGBP-Tagung vorgestellt wurde, haben die Psychiater Prof. Dr. Siegfried Kasper, Prof. Dr. Hans-Peter Kapfhammer und Prim. Dr. Marion Kalousek den aktuellen Stand des Wissens zum Thema „Suizidalität“ zusammengefasst. „Nicht nur Depressionen führen zu einem deutlich höheren Suizidrisiko“, erläuterte die ärztliche Direktorin des Otto Wagner Spitals in Wien, Prim. Dr. Marion Kalousek, in ihrem Statement. „Auch Suchterkrankungen, Essstörungen sowie soziale Isolation, chronische Erkrankungen und Suizide in der Familienanamnese erhöhen das Risiko für eine suizidale Handlung.“ Während Selbstmorde von der Jugend bis ins höhere Alter etwa gleich häufig auftreten, steigt die Suizidrate ab 70 Jahren stark an. „Von 100.000 über 70-jährigen Frauen suizidieren sich 20“, sagte Kalousek. Noch wesentlich höher ist die Selbstmordrate unter Männern über 70: Hier sind es 180 von 100.000 Männern. Vereinsamung, Depressionen, Alkoholabusus und chronische Erkrankungen sind die wesentlichen Ursachen für einen Suizid im hohen Alter.

Risiko herabsetzen

Antidepressiva können das Suizidrisiko minimieren. Bei unbehandelten Depressionen ist das Risiko für einen Selbstmord um das Dreifache erhöht. „Der Vergleich sämtlicher placebokontrollierter, doppelblinder klinischer Prüfungen von 1983 bis 1997, die zur Registrierung von Antidepressiva in Holland eingereicht wurden, ergibt keinen Unterschied bei den Raten an Suiziden bzw. Suizidversuchen zwischen Placebo und antidepressiv wirkenden Medikamenten“, erläuterte Kalousek weiter. Auch die Toxizität moderner Antidepressiva ist deutlich geringer als die älterer Medikamente. „Trizyklische Antidepressiva können aufgrund ihrer Toxizität sehr wohl auch zum Suizid eingesetzt werden. SSRI und SNRI müssten dagegen in sehr großen Mengen eingenommen werden, um eine Vergiftung auszulösen“, hielt Kasper fest.

Tragfähige Beziehung

Um suizidgefährdete PatientInnen rechtzeitig zu erkennen und eine Krisenintervention einleiten zu können, ist es wichtig, den Grad der Gefährdung so optimal wie möglich einzuschätzen. Je systematischer und realistischer Suizidgedanken sind, desto gefährlicher ist die Situation. Der Aufbau einer tragfähigen Beziehung mit dem Patienten ist die wesentlichste Voraussetzung für das Gelingen des Umgangs mit Suizidalität. Die Suizidalität muss angesprochen, der Patient sollte emotional entlastet werden. „Liegt eine akute Suizidgefährdung vor, sollte der Patient nach Möglichkeit von einem Facharzt für Psychiatrie bzw. an einer spezialisierten Einrichtung betreut werden“, so Kalousek weiter. „Auf keinen Fall sollte sich der Erstbehandler, das ist meist der Hausarzt, scheuen, nach Suizidgedanken zu fragen und die Überweisung zu einem Facharzt in die Wege zu leiten.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 1/2006

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