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Psychiatrie und Psychotherapie 23. November 2005

Hausärzte tragen viel zur Suizid-Prophylaxe bei

Allgemeinmediziner sind deshalb so wichtig bei der Suizidprävention, weil etwa zwei Drittel der Menschen in den vier Wochen vor dem Freitod Kontakt mit Ärzten haben, so die Autoren einer Analyse von 93 Studien. Wird es erschwert, an Waffen oder Gifte zu kommen, senkt dies ebenfalls die Suizidrate. Aufklärungskampagnen in der Bevölkerung nützen aber offenbar wenig.

Laut Gesundheitsministerium liegt Österreich mit rund 1.400 Selbstmorden jährlich im internationalen Spitzenfeld. Die meisten werden im Zusammenhang mit psychischen Krankheiten begangen. Abseits der offiziellen Statistiken sei jedoch eine hohe Dunkelziffer anzunehmen, heißt es in dem soeben erschienen Konsensus-Statement „Suizidalität“ der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie. Nach Autounfällen z.B. könne nicht unmittelbar auf einen Suizid rückgeschlossen werden. In einer unlängst im JAMA erschienenen Analyse haben Suizid­experten insgesamt 93 Studien zu Präventionsprogrammen und Arzneimitteltherapie sowie epidemiologische Studien ausgewertet. In Regionen, in denen Ärzte bei Präventionsprogrammen gezielt über Depressionssymptome und -therapien fortgebildet wurden, sank die Suizidrate deutlich, nämlich in der jeweiligen Region um 20 bis 70 Prozent. Die plausibelste Erklärung dafür: Es wurden vermehrt Patienten mit Depression und Suizidgedanken erkannt und behandelt, so die Autoren. Da etwa 70 Prozent der Menschen, die Suizid begehen, schwer depressiv sind, liegt die Annahme nahe, dass eine antidepressive Therapie auch Suizide verhindert. Dafür gibt es jedoch kaum direkte Belege. So ist die Zahl der Suizide in Studien mit Antidepressiva meist sehr klein – der Unterschied zwischen Placebo und Medikation folglich nicht signifikant. Epidemiologische Studien liefern Hinweise darauf, dass eine Antidepressiva-Therapie Suiziden vorbeugt, berichten die Autoren. So gingen in den USA und Australien die Suizidraten in den Regionen am stärksten zurück, in denen am häufigsten Antidepressiva verschrieben wurden. In einer der analysierten Studien wurde festgestellt, dass die Suizidrate in den Ländern am deutlichsten fiel, in denen die Antidepressiva-Verschreibungen am stärksten zunahmen. Auch die Schulung von Pfarrern und Lehrern konnte die Suizidrate um 40 Prozent senken. Sätze wie „Ich habe keine Lust mehr zu leben“ sollten von Ärzten ernst genommen werden, fordert der Psychiater Prof. Dr. Armin Schmidtke aus Würzburg. Auch ein ungewohnt aggressives Verhalten könne auf eine Suizidgefahr deuten. Solche Menschen sollten direkt auf Suizidgedanken angesprochen werden. Bei konkreten Suizidplänen, etwa wenn jemand schon Tabletten besorgt hat, ist eine Klinikeinweisung nötig, so der Psychiater Prof. Dr. Hans Peter Volz aus Werneck.

Psychotherapie als Nachsorge

Wichtig ist auch die Nachsorge nach einem Suizidversuch – hier gibt es auch Daten zum Nutzen der Psychotherapie. So ließ sich die Rate von erneuten Suizidversuchen in Studien durch kognitive Verhaltenstherapie zum Teil halbieren. Ungünstig ist dagegen, Patienten nach einem Suizidversuch zu schnell aus einer psychiatrischen Klinik nach Hause zu schicken: Bei einem Projekt in Norwegen hatte sich die Suizidrate bei solchen Patienten innerhalb eines Jahres verdreifacht. In Ländern, in denen Menschen der Zugang zu Waffen, Pestiziden oder Barbituraten erschwert wurde, kam es darauf ebenfalls zu einem Rückgang der Suizidrate. Wenig nützen offenbar Aufklärungskampagnen in der Bevölkerung. Die Menschen kennen sich dann zwar mit Depressionen besser aus, eine Auswirkung auf die Suizidrate ließ sich in Studien aber nicht nachweisen.

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