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Neurologie 20. Oktober 2005

Achtung: Akute Verwechslungsgefahr

Die Symptomatik bei psychischen Erkrankungen überlappt sich häufig und die Patienten sprechen zum Teil auf die gleichen Medikamente gut an. Daher liegen biologische Gemeinsamkeiten nahe. Eine gewissenhafte Differenzialdiagnostik ist aber dennoch notwendig, denn Patienten mit diesen psychischen Leiden benötigen jeweils eine andere Behandlung, raten Experten.

Schon lange ist bekannt, dass psychische Störungen familiär gehäuft auftreten. Daran hat Prof. Avraham Weizman von der Universität Tel Aviv erinnert. Dabei gibt es in Familien nicht nur häufig mehrere Schizophrenie-Patienten, sondern auch überdurchschnittlich oft andere psychische Störungen, etwa bipolare Erkrankungen, so der Spezialist beim Psychiatrie-Kongress in München, im April.

Zwillingsstudien sprechen für genetische Veranlagung

Allein die familiäre Häufung bestimmter psychischer Erkrankungen ist jedoch noch kein ausreichender Beleg für eine genetische Ursache oder genetische Gemeinsamkeiten zwischen verschiedenen psychischen Krankheiten, sagte Weizman. Möglich wäre ja auch, dass Familienmitglieder denselben psychisch belastenden Bedingungen ausgesetzt sind und sich so die familiäre Häufung als Reaktion darauf erklärt. Dabei kämen Erkrankte sogar ihrerseits als krank machende Faktoren für weitere Familienmit-glieder in Frage. Klar für eine genetische Veranlagung sprechen jedoch die Ergebnisse von Zwillingsuntersuchungen und Adoptionsstudien, die den Anteil der Genetik an der Disposition für Schizophrenie, für schizoaffektive und bipolare Störungen auf bis zu 85 Prozent beziffern. In molekularbiologischen Analysen wurden bei Patienten mit Schizophrenie und bei Patienten mit bipolaren Störungen auch schon mehrere typische Genveränderungen lokalisiert, wobei einige dieser Veränderungen bei den beiden Krankheitsformen gleich seien, sagte Weizman. Mit bildgebenden Verfahren können inzwischen auch strukturelle Veränderungen im Gehirn von Patienten mit Schizophrenie nachgewiesen werden.

Gemeinsamkeiten im Gehirn

Gemeinsamkeiten zwischen Schizophrenie und bipolaren Störungen gibt es auch auf Ebene der Neurotransmitter. Sowohl bei Schizophrenie-Kranken als auch bei einem großen Teil der manisch-depressiven Patienten ist eine verstärkte Aktivität des Dopamin-D2-Rezeptors nachweisbar. Entsprechend können Neuroleptika, die solche Rezeptoren blockieren, für beide Patientengruppen nützlich sein. Sowohl bei Patienten mit Schizophrenie als auch bei bipolar Erkrankten lassen sich verminderte Werte des Enzyms GAD67 nachweisen. Dieses Enzym ist für die Synthese von Gamma-Aminobuttersäure (GABA) entscheidend. GABA ist der wichtigste hemmende Neurotransmitter im zentralen Nervensystem. Die überlappende Symptomatik bei bipolaren, depressiven und Schizophrenie-Erkrankungen verleitet in der Praxis nicht selten zu Fehldiagnosen, wie der US-­Psychiater Prof. Rajiv Tandon betont hat. Vor allem bipolare Störungen sind erheblich unterdiagnostiziert und werden in depressiven Episoden häufig als typische Depression und in manischen Phasen als Schizophrenie verkannt.
Die Fehldiagnose einer bipolaren Störung als Depression ist insofern gefährlich, als eine Arzneitherapie ausschließlich mit Antidepressiva hier manische Episoden auslösen und die Langzeitprognose verschlechtern kann. Depressive bipolar erkrankte Patienten brauchen zusätzlich auch eine Therapie mit stimmungsstabilisierenden Medikamenten, wie Lithium oder Antikonvulsiva. Bei depressiven Patienten ist es deshalb immer nötig, per Anamnese manische oder hypomanische Episoden auszuschließen.

Psychosen bei Manie häufig

Patienten mit bipolaren Störungen haben initial häufig eine Serie ausschließlich depressiver Episoden, erklärte Tandon. In der Verlaufskontrolle von depressiven Patienten ist deshalb immer auch auf erste Anzeichen einer Manie zu achten. Bei etwa 50 Prozent aller manischen Episoden von bipolar Erkrankten kämen auch Symptome einer Psychose vor, so Tandon. Bei diesen Patienten bestehe dann bei der Diagnose eine Verwechslungsgefahr mit einer Schizophrenie. Vor allem bei geriatrischen Patienten würden manische Symptome immer wieder einmal auch als Zeichen eines Delirs, einer Demenz oder auch einer agitierten Depression fehlgedeutet.

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