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Trump Tower in NYC: „Ein Phallus in jeder Stadt.“
 
Psychiatrie und Psychotherapie 22. November 2016

Wer hat den Größten?

Selbstverliebtheit. Donald Trump pflanzt einen Turm in jede beliebige Stadt. Die US-Wähler haben diesen „grandiosen Narzissten“ nun ins Präsidentenamt gehievt. Einen Mann wohlgemerkt, der sich selbst idealisiert und seine Kontrahenten abwertet, ohne mit der Wimper zu zucken.

Wer hat das gesagt? „Die Leute beneiden mich, weil ich gut aussehe, reich bin und ein großartiger Spieler.“ Es war nicht Donald Trump, sondern Portugals Fußball-Star Cristiano Ronaldo. Beide sind sich ihrer Wirkung sicher. Was sie unterscheidet: Ronaldo ist in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, in seinen Anfangsjahren als Profi war von der harten Schale des „CR 7“, der bei Standardsituationen provozierend breitbeinig dasteht, noch wenig zu merken.

Die Lehrjahre bei Manchester United waren für den Edeltechniker prägend. „Roy Keane hat mich immer angeschrien“, sagt er heute. Das irische Raubein war der dominante Spieler der an Raubeinen nicht eben armen Premier League. Ronaldo hat seine Zuchtmeister von einst längst überflügelt,

„Ich hätte ein wesentlich besseres Gefühl mit einem Herrn Ronaldo zusammenzutreffen als mit einem Herrn Trump.“ Das sagt Dr. Herwig Oberlerchner. Der Kärntner Psychiater beschäftigt sich derzeit besonders intensiv mit einer kaum bekannten Facette des Narzissmus, „dem fragilen Typ, der eher ängstlich, empfindsam, introvertiert ist“. Der Schriftsteller Thomas Bernhard wäre ein Paradebeispiel für einen Menschen, der seine Selbstverliebtheit versteckt und der sich in seine Mitmenschen hineindenkt, um Kränkungen vermeiden“. Trump steht innerhalb des narzisstischen Spektrums für das genaue Gegenteil, im Fachjargon „der grandiose Typ“ genannt.

Oberlerchner: „Menschen wie Trump leiden unter extremer Selbstüberschätzung, treten großspurig auf, es mangelt ihnen an Empathie, und sie neigen zu ausbeuterischem und erpresserischem Verhalten.“

Die Wurzel für Trumps Verhalten dürfte in seiner Jugend liegen. Trump wuchs als Sohn eines Immobilienunternehmers mit bayerischen Wurzeln auf. 1959, nach Klagen über das Verhalten von Donald, meldete ihn sein Vater an der New York Military Academy an, „das war wahrscheinlich eine Zäsur in seinem Leben“, sagt Oberlerchner. Der junge Donald findet sich in der Welt der harten Männer schnell zurecht. Vor diesem Hintergrund wird seine Eigensinszernierung als typisch amerikanischer Mann, der die Frauen wechselt, wie er will, der viel Geld hat und der den amerikanischen Traum lebt, erklärbar. Trump baut Hoteltürme, die man psychoanalytisch als Symbole einer phallischen Omnipotenz deuten könne, sagt Oberlerchner: „In jeder Stadt stellt er einen riesigen Phallus auf.“

Unverblümt, anklagend, forsch

Trump war im Wahlkampf, entgegen seinem Image als Elefant im Porzellanladen, durchaus geschickt, „weil er unverblümt, anklagend, forsch, rücksichtlos Themen angesprochen hat, die viele Menschen sich denken, aber niemals aussprechen würden“. Beispiel: die Lewinsky-Affäre. Trump konzentrierte sich nicht etwa auf den Fehltritt des Ex-Präsidenten Bill Clinton, sondern bezichtigte seine Kontrahentin Hillary, sie könne nicht einmal ihren eigenen Mann befriedigen.

Letztlich bleibt die Persönlichkeit des designierten US-Präsidenten ein Rätsel, vorerst: „Entweder nutzt er seinen Narzissmus in vollem Bewusstsein und sehr geschickt, oder er hat ,geschickte’ Berater.“ Oder beides. „Ich bin überzeugt, dass er kein zögerlicher Präsident sein wird, sondern dass er durchgreift.“

Dass er zupacken könne, habe Trump schon dokumentiert, meint Oberlerchner. „Als er frech und forsch gemeint hat, er dürfe jeder Frau zwischen die Beine greifen, da hat man gemerkt, wie Herr Trump denkt. Er glaubt, dass man Frauen jederzeit benutzen kann, dahinter steht eine massive Selbstwertproblematik, aber auch etwas sehr abwertend Triebhaftes.“ Kurz: Mehr Selbstentblößung geht nicht.

„Sie sieht ziemlich gut aus“

Einen kurzen Blick auf Trumps Frauenbild konnte man im ORF-Auslandsmagazin Weltjournal + werfen. In der Reportage ging es um „den großartigsten Golfplatz der Welt“, ein Bauvorhaben, das Trump mit der ihm eigenen Rücksichtslosigkeit gegen Bedenken von Naturschützern und Anrainern durchboxt. Auftritt Donald Trump. Ort: ein Festzelt in Schottland, Lokalgrößen und TV-Direktoren suchen die Nähe des Tycoons. Eine junge Frau läuft Trump und seiner Entourage über den Weg. Sie ist aus Glasgow, sagt sie. Trump: „Sie sieht ziemlich gut aus. Sie könnte für uns arbeiten im Verkaufs- oder im Personalbereich.“ Die junge Frau bedankt sich artig lächelnd.

Oberlerchner ernüchtert: Trump manipuliere und benutze sein Gegenübe. „Für mein Empfinden ist aber noch schlimmer, dass die eigentlich von ihm gedemütigten und zu Sexualobjekten degradierten Frauen bei der Wahl auch für ihn gestimmt haben.“

Erklärungsversuch: Trump versteckt sich nicht hinter einer „Fassade der Freundlichkeit und des Mitgefühls“, wie es der in Wien tätige Psychiater Raphael M. Bonelli in seinem Buch „Der männliche Narzissmus“ beschreibt (s. S. 5). Letztendlich passen Menschen wie Trump nicht in Schubladen. Die Kategorie Narzissmus sei ein Hilfskonstrukt, um diese Persönlichkeiten handhabbar zu machen. Das sagt Prof. DDr. Michael Lehofer von der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie am LKH Graz Süd-West (Standort Süd). Europäer brauchen diese Kategorien, denn hierzulande wirke Trumps Auftreten beunruhigender als es beim US-Durchschnittsbürger ankomme. Narzisstisches und empathieloses Verhalten eines Politikers sei an sich nichts Überraschendes. Nicht alle Narzissten seien so schillernd wie Trump. Der sich übrigens auch für Fehltritte entschuldigen würde, „irgendwann in einer hoffentlich weit entfernten Zukunft. Wenn ich jemals etwas falsch gemacht habe.“

Martin Křenek-Burger

, Ärzte Woche 47/2016

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