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Menschen mit großen Ängsten haben in Tulln die Chance diese zu überwinden.

 

Diana Beier, Ergotherapeutin an der Abteilung für Erwachsenenpsychiatrie, Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Univ.-Klinik Tulln
(c) privat

 

 
Psychiatrie und Psychotherapie 30. September 2016

Die Therapie von Angst

Am Universitätsklinikum Tulln wird die Behandlung von Patienten mit Betätigungsproblemen aufgrund einer Angstsymptomatik anhand des Canadian Occupational Performance Measures bewertet und optimiert.

Die psychiatrische Tagesklinik der Universitätsklinik Tulln ist in die Abteilung für Erwachsenenpsychiatrie integriert und verfügt seit neun Jahren über eine teilstationäre Einrichtung für Menschen mit Erkrankungen aus psychiatrischen Formenkreisen an. Die Tagesklinik verfügt über 13 Plätze und bietet den Betroffenen innerhalb der Aufenthaltsdauer von zwölf Wochen ein individuelles, strukturiertes und breit gefächertes therapeutisches Umfeld.

Das ergotherapeutische Team beschäftigt sich seit Anfang 2015 intensiv mit der Erhebung und Auswertung von Betätigungsproblemen im Alltag, mit besonderem Fokus auf die Auswirkung und Relevanz von Angstsymptomatik. Zur Beurteilung wird das Canadian Occupational Performance Measure (COPM) verwendet. Das COPM ist eine evidenzbasierte diagnoseunabhängige Bewertungsmöglichkeit in Form eines teilstandardisierten Interviews. Es unterstützt die Selbstwahrnehmung hinsichtlich Betätigungsprobleme des täglichen Lebens und damit, die klientenzentrierte Festlegung von Schwerpunkten und Zielen in der Ergotherapie.

COPM flächendeckend eingesetzt

Die Beurteilung ermöglicht eine voneinander unabhängige Darstellung der Veränderungen in Bezug auf Performanz und Zufriedenheit aus subjektiver Sicht der Klienten. Die Erhebung der Zahlenwerte dient der Befundung, Therapieplanung und Qualitätssicherung. Das COPM wurde von Law und Kollegen in den 1980er-Jahren entwickelt, das Team der Tagesklinik arbeitet mit der übersetzten Version vier.

In der psychiatrischen Tagesklinik der Universitätsklinik Tulln wird das COPM flächendeckend mit allen Patienten durchgeführt. Ziel ist die Erhebung von individuellen und momentan bedeutungsvollen Betätigungen (siehe Tab. 1) und damit verbundene Ängste sichtbar zu machen. Die Erstbefundung erfolgt in einem einstündigen Gespräch in den ersten zwei Behandlungswochen. Diese Ersterhebung empfinden viele Patienten als belastend, da Betätigungen genannt und beschrieben werden, die vor der Erkrankung selbstverständlich waren und nun nicht mehr wie gewohnt bewältigt werden können.

Der Ablauf einer COPM

Der Ablauf der Erstbefundung des COPM gliedert sich in folgende Schritte:

- Schritt 1: Zunächst werden neben Betätigungen, die nur eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich sind, auch Ressourcen erfasst, um im therapeutischen Prozess Brücken zwischen den vorhandenen Kompetenzinseln bauen zu können.

- Schritt 2: Hier werden mit den Befragten aus allen genannten Betätigungen bis zu fünf im Vordergrund stehende Betätigungs-Performanz-Belange herausgearbeitet.

- Schritt 3: Für diese angegebenen Belange wird nun die Performanz beurteilt, dass heißt, wie gut deren Ausführung aktuell gelingt. Außerdem wird als eigener Punkt ermittelt, wie zufrieden der Klient mit der aktuellen Performanz ist.

Die Bewertung erfolgt anhand einer Skala von 1 bis 10. Eine 1 steht für eine sehr schlechte Performanz beziehungsweise überhaupt nicht zufrieden. Eine 10 bedeutet eine sehr gute Performanz oder das der Patient sehr zufrieden ist. Die erneute Befundung am Ende des Aufenthaltes dient der Evaluierung des Therapieprozesses und dem sichtbar machen von erreichten Veränderungen und Zielen. Für viele Patienten verdeutlichen die Zahlenwerte das Ausmaß der Veränderungen während des Aufenthaltes.

COPM als Orientierung

Bisher gesammelte Daten zeigen, dass man das COPM als erste Orientierung bei der Definition von Zielen ansehen kann. Es unterstützt sowohl die Patienten als auch das multiprofessionelle Team bei der Wahl der Interventionen.

Anhand einer Fallvignette soll die Relevanz des COPM für die Therapieangebote und die damit verbundene Unterstützung bei der Bewältigung von Ängsten dargestellt werden.

Therapie nach Suizidversuch

Eine 35 Jahre alte Patientin wird nach einem Aufenthalt auf der Erwachsenenpsychiatrie nach einem Suizidversuch in die Tagesklinik aufgenommen. Hierorts war sie bereits im selben Frühjahr. Die Patientin beschreibt im Rahmen der COPM-Erstbefundung massive Einschränkungen im Alltag durch ihr zwanghaftes Putzen und ihre Ängste, die sich seit dem letzten Aufenthalt entwickelt oder verstärkt haben.

Ihre Angst und Ekelgefühle zwingen sie, außerhalb ihrer eigenen Wohnung, weiße Baumwollhandschuhe zu tragen sowie sich sehr häufig die Hände zu waschen und desinfizieren zu müssen. Zudem kann sie momentan nur unter großer Belastung einkaufen gehen, meidet überfüllte Geschäfte und geht, wenn möglich, in Begleitung außer Haus.

Im Lebensbereich Freizeit erlebt die Patientin durch ihre Ängste (Angst im Dunkeln, Sicherheit der Kinder) häufig Anspannung und meidet dadurch bestimmte Situationen, was wiederum kombiniert mit ihrer Angst vor körperlichen Berührungen, eine soziale Isolationssituation herbeigeführt hat. Des Weiteren ist durch die Angst- und Zwangssymptomatik der bereits geplante Wiedereinstieg ins Arbeitsleben derzeit nicht vorstellbar.

Durch die Erhebung konnten folgende fünf betätigungsorientierte Ziele identifiziert und den verschiedenen Lebensbereichen zugeordnet werden.

- Selbstversorgung: Selbstständig Einkaufen gehen und Ansprüche an Hygiene und Sauberkeit regulieren

- Produktivität: Arbeitswiedereinstieg planen

- Freizeit: Selbstständiges Spazierengehen mit dem Hund und soziale Kontakte wieder aufnehmen

Bei der Bewertung ergab sich bei der Performanz der Patientin ein Durchschnittswert von 3, der davon unabhängige Wert hinsichtlich der empfundenen Zufriedenheit lag durchschnittlich bei 3,6.

Schrittweises Herantasten

Ergotherapeutische Interventionen, die sich an die Zielformulierung anschlossen, waren unter anderem:

- Einkaufstraining

- Das Ausarbeiten eines Schritt-für-Schritt-Plans zum Ablegen der Handschuhe beziehungsweise das Erarbeiten von Copingstrategien für den Alltag

- Einbindung ins handwerkliche Gestalten mit steigender Anforderung der taktilen Reize

- Planung und Umsetzung eines Ausflugs nach Wien mit Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel

- Expositionstraining mit verschiedenen Materialien in der Interaktionsgruppe

Innerhalb des regulären Therapieprogrammes der Tagesklinik konnte die Patientin durch Sozialkontakte in unterschiedlichen Gruppensettings weiter an ihren Zielen arbeiten und diese nach und nach in ihren Alltag integrieren. Zusätzlich erhielt sie psychologische Einzelgespräche, in denen es um gezielte verhaltenstherapeutische Interventionen hinsichtlich ihrer Angst- und Zwangsstörung ging. Durch die klare Zieldefinition zu Beginn des Prozesses und die intensive Vernetzung im Team war es möglich, auf verschiedenen Ebenen die Motivation für weitere intensive Verhaltenstherapien zu erarbeiten und diese anzubahnen.

Am Ende ihres Aufenthalts wurden von der Patientin die genannten Betätigungen erneut in Bezug auf Performanz und Zufriedenheit bewertet. Die Werte zeigten die subjektiv empfundenen und beschriebenen Veränderungen an. Der Performanz-Wert stieg von vorerst 3 auf 8,2. Bei der Zufriedenheit stieg der Wert von 3,6 zu Beginn des Aufenthalts auf 9. In der Reflexion konnte mit der Patientin bearbeitet werden, woran sie die Veränderungen erkennt und welche Auswirkungen diese auf ihre persönliche Alltagsbewältigung haben.

Auch Behandler profitieren davon

Von den Erkenntnissen, die durch die Befunderhebung anhand des COPM gewonnen werden konnten, profitiert das gesamte Team. Es hilft vor allem die Nennung von übergeordneten Performanz-Problemen, die keinem Lebensbereich zugeordnet werden können bzw. keiner konkreten Betätigung entsprechen. Durch die frühzeitige Erarbeitung kann bei der Zieldefinition und Therapieplanung noch genauer auf die individuellen Bedürfnisse eingegangen werden. Des Weiteren wiesen Betätigungen, die von den Patienten in der Erstbefundung genannt wurden, mehrfach auf dahinter stehende Angststörungen hin, die sich auf die Alltagsbewältigung auswirken. Ressourcen, die neben den Alltagsproblemen im COPM miterhoben werden, fließen ebenso in die Zielformulierung ein. Tabelle 2 listet übergeordnete Performanz-Probleme und Betätigungen auf, bei denen eine Mehrfachnennung vorliegt und soll die Bandbreite der betroffenen Aktivitäten aufzeigen.

Transparenz verbessert die Therapie

Von der Anwendung einer standardisierten Beurteilung profitieren sowohl die Patienten als auch das multiprofessionelle Team durch eine erhöhte Transparenz der Veränderungen im therapeutischen Prozess.

Das Verständnis über die Interventionen und deren Relevanz sowie die verbesserte Reflexionsmöglichkeit beschreiben viele Patienten als unterstützend. Besonders die Aspekte, die im tagesklinischen Umfeld relevant sind und die den persönlichen Alltag betreffen, werden zu Beginn des Aufenthalts erhoben und können so von Anfang an in die therapeutischen Interventionen integriert werden.

Der Originalartikel „Angstbewältigung – Erhebungs- und Interventionsmöglichkeiten bei Alltagsproblemen an einer psychiatrischen Tagesklinik“ ist erschienen in „psychopraxis. neuropraxis“ 9/2016, doi 10.1007/s00739-016-0331-0, © Springer Verlag

Diana Beier, Julia Mader, Gerald Grundschober und Martin Aigner/PK

, Ärzte Woche 40/2016

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