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Psychiatrie und Psychotherapie 1. September 2016

Stationäre Versorgung. Ärztlicher Personalbedarf in der Psychiatrie

Die Gesellschaft nimmt gegenwärtig in Kauf, dass psychiatrisch schwerkranke Menschen aus Personalmangel  nicht State of the Art behandelt werden.

Die Aufgaben einer modernen Psychiatrie sind mit denen der kustodialen Psychiatrie  in  zentralen  Großkrankenanstalten  vor  1980  nicht  zu  vergleichen.  Psychotherapie und Soziotherapie sind hoch  wirksame  Therapien,  die  jedoch   sehr  personalintensiv  sind.  Die  durch   die  Psychiatrie  Personalverordnung   bereit  gestellten  Personalressourcen  sind heutigen Qualitätsanforderungen nicht mehr gewachsen, sodass der erhebliche Therapiefortschritt der letzten  Jahrzehnte nicht bei den schwerstkranken Menschen der Versorgungspsychiatrie ankommt.  Nach  den  Statistiken  des  Österreichischen Gesundheitsministeriums arbeiten bezogen auf 100 Betten in psychiatrischen  Abteilungen  nur  etwa  40   %  soviel  Ärztinnen  und  Ärzte  verglichen  mit  anderen  medizinischen  Fachabteilungen. Diese personelle Benachteiligung der Psychiatrie, die übrigens eine Vernachlässigung psychisch  Kranker auch nach 1945 bedeutet, wird  leider kaum thematisiert. Auch im Strategieplan „Psychische Gesundheit“ des  Hauptverbandes  der  Sozialversicherungsträger  von  2011  finden  sich  keine Hinweise auf die Notwendigkeit von Verbesserungen  der  Personalsituation   der Psychiatrien.  Wenn  an  Psychiatrien  viel  weniger   Ärzte  und  Ärztinnen  als  an  anderen  medizinischen  Abteilungen  arbeiten,  ist  auch  die  Wahrscheinlichkeit  eines   Gespräches  mit  einem  Arzt  an  psychiatrischen  Abteilungen  notgedrungen   viel geringer als an internen, chirurgischen, HNO, Haut , Augen etc. Abteilungen.  Die  heutige  Versorgungspsychiatrie  ist  daher  gegen  den  Wunsch  der  Patienten  und  der  Ärzte  und  Pflegepersonen eine vorwiegend psychopharmakologische. Wir und unsere Patienten  erwarten  aber  zu  Recht  und   durch alle klinischen Behandlungsleitfäden gedeckt auch Beziehungsarbeit,  Gespräche  und  spezifisches  psychotherapeutisches Herangehen.  Die  Gesellschaft  nimmt  schon  viel  zu lange in Kauf, dass Patientinnen und  Patienten der Psychiatrie aus Personalmangel nicht „State-of-the-Art“ behandelt werden. So hätte z. B. jeder Patient  oder jede Patientin Anspruch auf eine  diagnostische Exploration durch einen  Facharzt/einer Fachärztin in den Tagen  nach der Aufnahme, um die Diagnose  zu hinterfragen oder zu festigen. Auch  der  Basisbedarf  an  Beziehungsarbeit  und der spezifische psychotherapeutische Bedarf in Gruppentherapien und Einzeltherapien für alle Diagnosegruppen  F1  bis  F6  des  ICD-10  sind  gegenwärtig nicht gedeckt.  Es  stimmt  positiv,  dass  die  Patientenanwaltschaft  und  die  Volksanwaltschaften  mit  deren  Menschenrechts kommissionen  sich  zunehmend  zu  Interessenvertretungen  unserer  stigmatisierten  und  benachteiligten  Patienten  entwickeln  und  hoffentlich   den  Druck  weiter  aufrechterhalten,  psychisch kranken Menschen eine faire und menschliche Behandlung nach  „State-of-the-Art“ zu ermöglichen.

Bericht: Univ.-Prof.  Prim. DDr. Peter Fischer, Psychiatrische Abteilung des Donauspitals Wien

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