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Die Nähe von Schönheit und Grauen

Dahinter liegenden Schrecken und die Schicksale erkennen

So wie die richtig großen Glücksgefühle immer auch einen gewissen Schmerzanteil haben, so ist die vollkommene Schönheit mit einem Anteil Grauen besetzt. Perfektion ist das nicht, Perfektion ist auf Dauer nicht zielführend, weil sie zum Stillstand führt. Das ließe sich als zwiespältig bezeichnen, ist aber wohl eher mit dem Leben als Gesamtheit allen Seins und aller Erscheinungsfaktoren zu erklären. Auch wenn das vielleicht für Extremsituationen der Verzweiflung nicht wirklich tröstlich ist.

Beispiele für diese beinahe unerträgliche Schönheit finden sich in Bildern – seien das in früherer Zeit Gemälde, oder auch Skulpturen, wie die Pietá von Michelangelo in der Peterskirche. Sie rührt einen ob ihrer sanften, nur mit sparsamen Gesten ausgedrückten und doch unermesslichen Traurigkeit über den Tod des Sohnes – und damit der Hoffnung – zu Tränen. Im Zeitalter der Photographie sind es häufig Photos, die eine Situation der existentiellen Krise – positiv wie negativ – in einen ästhetischen Ausdruck bringen. So wie das Pressebild des Jahres 2014, das die Flüchtlinge an der Küste des Mittelmeers in der Dunkelheit zeigt, mit einem diffus strahlenden Mond und den wie Punkten leuchtenden Displays ihrer Smartphones, dem beinahe wichtigsten Reiseutensil, weil es die Kommunikation aber auch die Erinnerung aufrecht erhalten kann. Wie ein Gemälde der Romantik wirkt dieses Bild und erzählt doch eine Geschichte von Verzweiflung, Hoffnung und einer mehr als riskanten Zukunft. Manche Aufnahmen von Brandkatastrophen entfalten eine betörende ästhetische Kraft in ihrem leuchtenden Gelb-rot in vielfältigen Nuancen vor dem finsteren Nachthimmel und den geschwungenen, sich ineinander schlingenden Formen der Flammen. Oder einzelne Bilder der Tsunamikatastrophe in Japan vor fünf Jahren, wo sich die Wassermassen wie eine gewaltige Mauer auftürmen bevor sie über die Wohngebiete hereinbrechen, festgehalten in einem Augenblick höchster Spannung – in Schönheit und mit der unermesslichen Zerstörungskraft.

Die Schönheit der Bilder in der Medizin

Die Schönheit der Bilder hat durch die technischen Entwicklungen der vergangenen Jahre auch in der Medizin faszinierende Ausmaße angenommen. Einen großen Anteil daran haben die bildgebenden Techniken mit ihren dreidimensionalen und farbigen Darstellungen, die radiologische Fachgesellschaften bisweilen bereits in Wettbewerben für das schönste Bild zum Thema machen. Oder auch die elektronenmikroskopischen Vergrößerungen der kleinsten Strukturen. Tödliche Keime oder pathologische Veränderungen werden da zu prachtvollen Gebilden, die den Blick betören.

In der Lyrik hat Rainer Maria Rilke diese Nähe von Schönheit und Grauen in „Ein jeder Engel ist schrecklich“ unübertroffen formuliert:

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der EngelOrdnungen? und gesetzt selbst, es nähmeeiner mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinemstärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichtsals des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich

Abgesehen davon, dass die Linie zwischen Schönheit und Schwulst eine feine ist, birgt dieses enge Miteinander von Schönem und Schrecklichem daher auch ein Risiko in sich. Die Schönheit des Bildes sollte den Blick und das Bewusstsein für den dahinterliegenden Schrecken und die Schicksale nicht verstellen.

Meint Ihre

Verena Kienast

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