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© Roland Vlach / dpa
Die Freundin des Täters brachte sich in Sicherheit und verständigte Rettung und Polizei. Der Täter schoss sich in den Mund und war auf der Stelle tot.
 

Blutiger Sonntag in Nenzing war „ein klassischer Amoklauf“

Täter fuhr schwer bewaffnet aufs Konzertgelände. Er schoss dort wahllos um sich. Der Psychiater Reinhard Haller spricht von einem „eindeutigen Fall“.

Ein 27-jähriger Mann tötet am 22. Mai in der Nähe von Bludenz zwei Menschen und verletzt mehrere zum Teil schwer. Er war polizeilich kein unbeschriebenes Blatt. Neben acht Vorstrafen gehörte er bis 2013 dem Skinhead-Neonazi-Netzwerk „Blood and Honour“ an. Da der Täter nicht auf seine Partnerin losgegangen ist, sei ein Beziehungsdrama auszuschließen, sagen Experten.

Was am Sonntag, dem 22. Mai, und danach geschah: Die Schüsse feuerte der Mann mit einem serbischen Kalaschnikow-Nachbau ab, im Auto fand die Polizei ein zweites baugleiches Modell. Den rechtsextremen Hintergrund bestätigte die Polizei am Tag nach dem Amoklauf. Aufgefallen war der Mann in den Jahren 2005 bis 2010 häufig. In diese Zeit fielen seine acht rechtskräftigen Verurteilungen wegen Körperverletzung, gefährlicher Drohung und Verstoßes gegen das Waffengesetz. Bei einer Vernehmung von mehreren Neonazis 2004 bei der Polizei – darunter der Täter –war plötzlich eine Gaspistole aufgetaucht, die ihm zugerechnet worden ist, sagte der stellvertretende Leiter des LKA, Stefan Schlosser. Daraufhin habe man ein Waffenverbot verhängt.

Seit 2010 sei der Mann – er arbeitete als Installateur und hatte mit seiner Partnerin ein 17 Monate altes Kind – nicht mehr aufgefallen, sagte Schlosser. Der Bruch mit der „Blood and Honour“-Bewegung erfolgt aber erst 2013. Dass der Mann danach offenbar noch der rechtsextremen Szene nahestand, belegen die bei einer Hausdurchsuchung sichergestellten Gegenstände. In einer in einem Nebenraum abgestellten versperrten Blechkiste fand die Polizei eine abgefeuerte Werfergranate, Kriegsmunition, eine Gaspistole sowie Bücher und Materialien, „die der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind“.Auch bei der Tat in Nenzing war der 27-Jährige aus dem Raum Bludenz schwer bewaffnet. Sämtliche Schüsse gibt er mit einer Zastava M 92 Kaliber 7,62 ab, einem aus Serbien stammenden vollautomatischen Sturmgewehr, das einer Kalaschnikow ähnelt. Ein baugleiches Modell, dessen Magazin allerdings entfernt ist – „vermutlich um es für die Tatwaffe zu verwenden“ – hatte der Mann in seinem Pkw in einer Sporttasche auf dem Rücksitz verstaut.

Die Vorarlberger Polizei-Verantwortlichen zeichneten die Tatnacht minutiös nach. Der 27-Jährige geriet wegen einer „Nichtigkeit“ (Schwendinger) in einen Streit mit seiner Lebenspartnerin, woraufhin er das Fest verließ, einen Firmenwagen bei seinem Arbeitgeber in Nenzing holte und nach Hause fuhr.

Nach zwei bis drei Stunden kehrte er zurück – mit den Kalaschnikow-Imitaten im Auto. Nach einer neuerlichen Auseinandersetzung mit seiner Freundin im Barbereich gingen beide zum am Parkplatz abgestellten Auto des 27-Jährigen. Dort holte er nach einem weiteren Wortgefecht eines der Gewehre aus einer Sporttasche und begann wahllos auf die etwa 80 Meter entfernten Festbesucher zu schließen, die sich im Barbereich befanden. Im Kugelhagel kamen ein 48-jähriger Mann aus Nenzing und ein 33-Jähriger aus Lustenau ums Leben. Weitere zwölf Personen wurden durch Streif-, Steck- und Durchschüsse schwer verletzt.

Seine Freundin, die zunächst neben dem Amokläufer stand, alarmierte Rettung und Einsatzkräfte. Nachdem der 27-Jährige ein Magazin leer geschossen hatte, das laut Schwendinger ungefähr 30 Schüsse fasst, begab er sich wieder zu seinem Fahrzeug, installierte das Magazin der zweiten Waffe und verließ den Parkplatz in Richtung einer Wiese. Dort erschoss er sich.

Laut dem Psychiater Dr. Reinhard Haller spricht bei der Tat in Nenzing alles für einen klassischen Amoklauf. Der Täter sei nicht auf seine Partnerin oder Nebenbuhler losgegangen – er habe wahllos um sich geschossen, um seiner Frustration und Aggression freien Lauf zu lassen, sagte Haller im ORF-Interview. Das seien Anzeichen für einen Amoklauf. Zudem gehe bei einem Amoklauf eine psychische Missbefindlichkeit voraus. Entweder wurde der Täter gekränkt, verärgert oder er habe Angst – bis es zur Explosion und zum Ausbruch kommt.

Auch die Rahmenbedingungen seien typisch für derartige Taten. Der Mann war in einem Zustand der Übermüdung, Alkohol sei bei 90 Prozent der Amokläufe mit im Spiel. Zudem nehmen sich zwei Drittel der Täter nach dem Amoklauf das Leben.

Martin Burger, Ärzte Woche 22/2016

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