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Junge Männer in einem Ausbildungscamp im Gaza-Streifen. In den vergangenen Jahren trifft man dort vermehrt auch europäische Heranwachsende.
 

Der Terrorismus ist verrückt, aber nicht krank

Ob religiöse Attentäter einer Geisteserkrankung anheimgefallen oder verblendet sind, ist keine beiläufig juristische Diskussion, sondern für die Prävention das A und O.

Die sind ja nicht normal, hört man oft, wenn über terroristische Angreifer gesprochen wird. Stimmt, das sind sie in der Tat nicht, aber sie sind selten geisteskrank, zumindest nicht im medizinischen Sinn, sagen die Vertreter der forensischen Psychiatrie und stellen den kleinsten gemeinsamen Nenner des Radikalismus vor.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Ein Sexualstraftäter darf nach vielen Jahren im Gefängnis erstmals von seiner Strafanstalt zur Therapie in einer Psychiatrischen Ambulanz gondeln. Auf der streng vorgeschriebenen Route fährt er in einem fast leeren Zug, als eine ältere Dame einsteigt und sich ausgerechnet neben dem Mann niederlässt. Der ist, wie er später seiner Therapeutin versichern wird, zunächst völlig verunsichert, bis ihm die Zugestiegene zuraunt, wie froh sie sei, ihm, einen seriösen Österreicher, zu begegnen: „Denn wissen Sie, ich habe so eine Furcht vor den Ausländern, die man hier überall antrifft.“

Was für eine passende Anekdote, die Frau Prof. Adelheid Kastner, Leiterin der Forensischen Abteilung in der Linzer Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, gegen Ende einer Pressekonferenz zum Thema „Die Seele des Terrors“ erzählte. Mit dieser Metapher bringt sie alle zuvor dargebrachten Expertenstatements auf den Punkt. Erstens ist die Angst oft irrational und wendet sich zweitens selten in die wahrhaftige Richtung.

Religiöser Wahn und Dschihadismus

Eine demnächst in Wien stattfindende Tagung der Forensischen Psychiatrie (siehe Tipp im Kasten) relativiert das Bild des zugewanderten Terroristen und rückt den „home-grown-terrorism“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Wir müssen uns der Einsicht stellen, dass die meisten Täter in Europa geboren, aufgewachsen und radikalisiert werden. Freilich spielt die Herkunft ihrer Vorväter oft eine beachtliche Rolle, wenngleich auch Konvertiten dem menschenverachtenden Ruf des Dschihadismus folgen. Die forensischen Psychiater treibt weniger die Frage um, welche Ethnien einer menschenverachtenden Strömung folgen, als vielmehr warum sie das tun und ob vielleicht eine Geisteserkrankung, etwa Wahnvorstellungen, ursächlich daran beteiligt sein könnten.

Heidi Kastner stellt psychopathologische Störungen zwar nicht völlig in Abrede, verweist aber darauf, dass sie ab einer gewissen Schwere bei der Ausführung terroristischer Attentate hinderlich sind, da konzertiertes Ränkeschmieden über eine längere Zeit hinweg gefragt ist: „Menschen mit Wahn können durchaus spektakuläre Grausamkeiten durchführen, allerdings sind das Einzelgänger-Aktionen und haben mit dem engeren Begriff Terrorismus wenig zu tun“, sagt Kastner und verweist auf einen klassischen Protagonisten des rechten Terrors, der – entgegen vieler Verschwörungstheorien – den typischen Einzeltäter darstellt: Franz Fuchs, „Briefbomber“ aus Gralla. Der Steirer hat mit dem norwegischen Massenmörder Anders Behring Breivik ein international noch berühmteres Pendant, dem man ebenso wahnhaftes Sendungsbewusstsein attestiert.

Freiheitskampf oder Terrorismus

Aber wenn der konzertierte globale Terrorismus nicht kranken Hirnen entspringt, woher kommt er dann? Gibt es zumindest für den religiös angestifteten Terroristen einen allgemein gültigen Psychotyp? Prof. Dr. Thomas Stompe, Leiter der Ambulanz für Transkulturelle Psychiatrie und migrationsbedingte psychische Störungen an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, AKH Wien, versucht das Phänomen seit Längerem zu fassen, obwohl eine Definition schon aus politischen Gründen schwierig ist. Das weiß man nirgendwo besser als im Nahen Osten, denn gerade dort gilt: Was für den einen ein Terrorist, ist für den anderen ein Freiheitskämpfer. Eine 2002 stattgefundene Konferenz der Organisation der Islamischen Staaten konnte sich zwar auf die Ächtung des Terrorismus einigen, eine gemeinsame Erklärung, was das eigentlich sei, scheiterte allerdings kläglich. Dieses Pferd können freilich auch die Psychiater nicht satteln, sie wollen aber darlegen, was die Übeltäter antreibt.

„Die Ideologie dahinter ist ein apokalyptisches Religionsverständnis, die den Kampf gegen den Westen als Endzeitkrieg gegen das Böse darstellt und in ihrer Simplizität unglaublich effektiv ist“, sagt Stompe. „Terroristen wollen mithilfe vieler Opfer die öffentliche Aufmerksamkeit an sich reißen, Schrecken säen und die Moral der Mehrheitsbevölkerung aushöhlen“. Die Radikalisierung der Gegner nach jedem Anschlag nimmt man nicht nur billigend in Kauf, sie ist das süße Extra, das die Spaltung der Angegriffenen forciert und nebstbei Splittergruppen am Rande der Gesellschaft in die Arme der Attentäter treibt. Dies ist die gelebte Methode des sogenannten Islamischen Staates (IS), der heute selbst der berüchtigten Al Qaida den Rang abläuft.

„Wenn wir uns auseinander dividieren lassen, haben die Terroristen erreicht, was sie wollen“, unterstreicht Prof. Dr. Johannes Wancata, Professor für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Universität Wien, die Position seines Kollegen. „Die Art, wie unsere Gesellschaft mit dem Terror umgeht, bestimmt, wie viele Täter aus unserer Mitte weiterhin rekrutiert werden. Wenn wir uns verkriechen und es verabsäumen, unser normales Leben weiterzuführen, hat das einen negativen Einfluss auf unsere Psyche. Verunsicherte Menschen stellen ihre Führung in Frage, und angegriffene Gesellschaften neigen dazu, sich aufzusplittern. Die neuen Fraktionen setzen dann rücksichtslos ihre Überzeugungen durch, was die gesellschaftliche Zerstörungskraft des Terrors potenziert.“ Wancata verweist auf den politischen Diskurs in Österreich und Europa, der wesentlich weniger auf Konsens ausgerichtet ist als früher. „Wir müssen darauf achten, dass die Mehrheitsbevölkerung nicht in Extrempositionen abdriftet“, mahnt Wancata.

Die Experten stehen neben der Analyse, wie der Terror unsere Gesellschaft verändert, vor der Frage, wie sich der Zulauf zu fanatischen Gruppierungen stoppen lässt, und insbesondere, warum junge Menschen inmitten unserer Gesellschaft radikalisiert werden. Die Staatsgewalt träumt davon, in den Ergebnissen einer Rasterfahndung nach diversen Attributen zu fischen und so Verdächtige festzumachen. Leider kommt man mit monokausalen Erklärungen nicht weit, was eine deutsche Studie (Krüger et al) aus dem Jahr 1997 belegt: Geringes Bildungsniveau und eine unterdurchschnittliche ökonomische Stellung mag die Skepsis gegenüber Ausländern erhöhen, jedoch schien die Neigung zur mit dem Terrorismus verwandten „Hasskriminalität“ nicht gesteigert. So fand sich in der Untersuchung über ausländerfeindliche Übergriffe in Deutschland kein Zusammenhang zwischen deren regionalen Häufigkeit und dem lokalen Ausbildungsgrad, Durchschnittsgehalt und Arbeitslosenanteil. Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Untersuchung aus Princeton über palästinensische Selbstmordattentäter, die im Vergleich einen besseren ökonomischen Status und eine höhere Schulbildung aufwiesen. Es überrascht, aber in vielen terroristischen Organisationen sind die gesellschaftlichen Eliten stärker repräsentiert.

Der kleinste gemeinsame Nenner

Lassen sich diese leicht angestaubten Studien auf das heutige Österreich umlegen? (Schließlich ist das Hauptrekrutierungsmedium für Terroristen, das Internet, einem rasanten Wandel unterlegen.) Eines vorweg: Groß angelegte Befragungen zu diesem Thema sind naturgemäß kaum möglich, dennoch war die heimische Psychiatrie nicht untätig und stellte sich der Herausforderung. Etwa die Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie DDr. Gabriele Wörgötter, die als gerichtlich beeidete und zertifizierte Sachverständige viele Stunden in Gesprächen mit islamistisch-auffälligen Heranwachsenden verbrachte: „Dabei ist mir aufgefallen, dass trotz deutlich unterschiedlicher Vorgeschichten, sich gewisse Muster bestimmen ließen und bei der Darstellung der Persönlichkeit einige Gemeinsamkeiten auffielen.“ Wörgötter gibt freimütig zu, dass die Probandenzahl ihrer Analyse, die mit ausschließlich männlichen Jugendlichen von 14 bis 16 Jahren im Vergleich mit den Studien anderer Fachbereiche sehr bescheiden anmutet, keine umfassende Aussage erlaubt. Nichtsdestoweniger bieten die Ergebnisse, oder wie Wörgötter sie nennt, der kleinste gemeinsame Nenner des Radikalismus und seine Verlockungen eine bemerkenswerte Diskussionsgrundlage (siehe Kasten 1 und 2).

Wenngleich die von ihr erhobenen Punkte keine empirischen Leuchttürme sind, so könnten sie als Weg-Bojen zumindest helfen, sich dem Problem anzunähern: „Nehmen wir etwa die Ausgrenzung. In einem Fall wurde ein aufgeweckter Junge aufgrund seiner türkischen Abstammung in die Sonderschule geschickt, wo er sozial isoliert wurde und später schambeladen den Anschluss an radikalen Gruppen suchte und fand.“

Keine Krankheit führt zum Terror

Im Übrigen, so die Sachverständige, sollte man sich nicht irritieren lassen, wenn bei Prozessen gegen junge Straftäter im Allgemeinen und islamistische Verdächtige im Besonderen vermehrt psychiatrische Gutachten angefordert werden. Denn während es bei Erwachsenen tatsächlich um die Frage der Zurechnungsfähigkeit gehe, steht bei den Jugendlichen die jugendliche Reife (nach § 4 JGG) im Fokus der Expertisen. Bei Laien entsteht oft der falsche Eindruck, die Gutachten dienen der Beweisführung im Sinne einer psychiatrischen Krankheit.

„Es gibt eben keine Krankheit, die zum Terror führt, und Terroristen sind üblicherweise geistig gesund. Und bei den Jugendlichen ist es oft die Sinnsuche, die sie auffällig werden lässt“, bringt es Wancata auf den Punkt. Freilich sei eine Neuorientierung bei Heranwachsenden etwas völlig Normales, gefährlich werde es aber dort, wo sie hohe Risiken eingehen. Die Jungen lechzen nach Aufgaben in unserer Gesellschaft, die es wiederum nicht verabsäumen sollte, ihnen diesen Wunsch zu erfüllen. Die Radikalisierung erfolgt in einem Alter, in dem Jugendliche als Gegenbewegung zur realen Ohnmacht einen Hang zur Selbstheroisierung entwickeln – eine Parallele zu ähnlichen Phänomenen, wie etwa dem „Schoolshooting“ (Amokläufe an Schulen), erklärt der Leiter der Klinischen Abteilung für Sozialpsychiatrie. Er geht mit seinen Kollegen konform, dass es mitunter die ganz kleinen Zeichen sind, an denen sich eine radikale Entwicklung erkennen lässt: „Es ist schon bemerkenswert, wie selbstsicher die einst so unsicheren jungen Menschen plötzlich werden und beginnen, andere abzuwerten, weil ihnen der ‚wahre Glaube‘ fehlt.“ So eine Überheblichkeit steht häufig am Anfang, noch bevor die Dinge aus dem Ruder laufen. Und am Ende steht die Tat, die alle fassungslos macht.

Tipp: „Terrorismus und Radikalisierung

Am 20. Mai findet im Hörsaalzentrum des AKH Wien die 10. Wiener Frühjahrstagung für Forensische Psychiatrie statt. Im Fokus stehen der radikalisierte Mensch und die Ängste, die er in der Gesellschaft auslöst. Das Forum bietet eine besondere Gelegenheit, sich dem Thema wissenschaftlich anzunähern, gänzlich ohne Hysterie. Weitere Infos und Online-Anmeldung unter www.ce-management.com.

Das Angebot des Radikalismus

• Einfache Wahrheiten

• Gemeinschaftsgefühl

• Klare Identitäten

• Markante Feindbilder

• Machtvolle Rhetorik

• Der Ruf des Abenteuers / Nervenkitzel

• Sinngebung

Gemeinsamkeiten aus der Lebensgeschichte

• Frühe Bindungsstörung

• Fehlende Vaterfigur

• Sozial isoliert

• Gefühl der Heimatlosigkeit (selbst bei in Österreich aufgewachsene Menschen)

• Keine oder nur rudimentäre religiöse Erziehung

• Keiner der Jugendlichen hatte detailliertes Wissen des Korans

Raoul Mazhar, Ärzte Woche 19/2016

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