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Mag. (FH), Mag. Friedrich Zottl Psychotherapeut in Wien
© Jonathan Stutz / fotolia.com
 

Mehr Schatten als Licht

Expertenbericht: Verbrechensopfern stehen Hilfen zu, doch bis zur Bewilligung ist es ein langer Weg.

Wer Opfer eines Verbrechens wird, dem steht per Gesetz eine finanzielle Entschädigung zu. Aber in der Praxis kann es lange dauern, bis man sein Geld sieht.

Seit dem 1. September 1972 gilt das Verbrechensopfergesetz (VOG). Anspruch auf Leistungen haben danach Personen, die Opfer einer mit mehr als sechs Monaten Freiheitsstrafe geahndeten Straftat sind und dabei eine Körperverletzung oder Gesundheitsschädigung erlitten haben. Sofern die Tat den Tod des Opfers verursacht hat, haben auch Hinterbliebene oder jene, die für die Bestattungskosten aufkommen, Anspruch auf eine Entschädigung.

Anspruch auf Heilfürsorge

Das VOG sieht auch den Anspruch auf eine Heilfürsorge vor. Darunter fasst das Gesetz ärztliche Hilfen, Heilmittel, Heilbehelfe, Anstaltspflege, Zahnbehandlung, Maßnahmen zur Festigung der Gesundheit und Kostenübernahme bei Krisenintervention durch klinische Psychologen und Gesundheitspsychologen sowie Psychotherapeuten.

Für Opfer, die nach dem 31. März 2013 eine schwere Körperverletzung erlitten haben, gibt es bei Schmerzen eine Pauschalentschädigung bis zu 8.000 Euro, bei sehr schweren Dauerfolgen bis zu 12.000 Euro.

Der Antrag muss innerhalb von zwei Jahren nach der Tat eingebracht werden, damit Leistungen ab dem Tatzeitpunkt in Anspruch genommen werden können. Auf der Internetseite des Sozialministeriums (www.sozialministeriumservice.at/ site/Renten_&_Entschädigungen/ Verbrechensopfer) können Opfer Anträge herunterladen. Für Psychotherapie gibt es nach Auskunft des Ministeriums keine Antragsfrist.

Ohne Anzeige kein Geld

In der Praxis ist es äußerst zäh, beim Bundessozialministeriumservice Leistungen geltend zu machen. Sehr hilfreich ist eine Gerichtszahl oder zumindest die Kopie des Protokolls der Anzeige (ohne Anzeige ist ein Anspruch nicht geltend zu machen). Das Sozialministeriumservice ermittelt dann, ob eine Leistung nach dem VOG zu erbringen ist. Dazu werden bei der Staatsanwaltschaft die bezugnehmenden Akten angefordert. Das kann im Extremfall bis zu einem Jahr dauern, egal wie oft man interveniert.

Leistungen nach dem VOG setzen nicht unbedingt voraus, dass der Täter oder die Täterin bekannt ist und ein Gerichtsverfahren stattfindet, sondern dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die mit „mehr als sechs Monaten Freiheitsstrafe bedrohte rechtswidrige und vorsätzliche Handlung, die eine Körperverletzung oder Gesundheitsschädigung zur Folge hatte“, vorliegt. Das muss aber geprüft werden und sich anhand der zur Verfügung stehenden Unterlagen rekonstruieren lassen. Die Mitarbeiter beim Sozialministeriumsservice haben nahezu keinen Ermessensspielraum, daher wird meistens das Urteil abgewartet.

Unterstützung vom Weißen Ring

Daraus ergeben sich einige Problemstellungen Was passiert, wenn der Antrag abgelehnt wird? Die vermeintlichen Opfer haben mitunter nicht die Möglichkeit, die bereits geleisteten Behandlungen zu bezahlen. Der Weiße Ring – die österreichische Verbrechensopferhilfe – stellt in eindeutigen Fällen gegebenenfalls eine Vorfinanzierung zur Verfügung. In der Realität heißt das, dass eine Behandlung nach dem VOG erst nach der Abklärung der rechtlichen Voraussetzungen erfolgen dürfte. Dies ist bei einem akuten Trauma ausgeschlossen. Der Aufwand, eine Leistung nach dem VOG zu beantragen, ist erheblich, da Opfer oft nicht imstande sind, Anträge alleine einzubringen.

Die Leistung zu erbringen und zu hoffen, dass irgendwann eine Honorierung erfolgt, ist nicht attraktiv. Ein anderer Ansatz ist es, den Antrag von einem Psychotherapeuten oder einem Sozialarbeiter erledigen zu lassen, der bereits Erfahrungen mit dem Verbrechensopfergesetz und dem Sozialministeriumservice hat. Nach der Anerkennung durch das Sozialministeriumservice ist es für Ärzte einfach, Honorarnoten einzureichen.

Opfer benötigen schnelle Hilfe

Verbrechensopfer haben, neben und den erlittenen Körperverletzungen, massive psychische Probleme, mit den schrecklichen Erlebnissen klar zu kommen. Viele langfristige Psychosomatiken entwickeln sich durch die beim Übergriff erfahrenen Ohnmachtsgefühle. Verbrechensopfer brauchen eine langfristige und intensive Betreuung, um das, was ihnen widerfahren ist, in ihr Leben integrieren zu können. Lange Wartezeiten auf Heilfürsorge konterkarieren die Absicht der Gesetzgebung, Opfern eine optimale Hilfestellung angedeihen zu lassen.

Friedrich Zottl, Ärzte Woche 12/2016

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