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Evolutionäre Psychiatrie

Im Gegensatz zur Mainstream-Psychiatrie und -Psychologie, welche v. a. auf die unmittelbaren Ursachen („proximate causes“) von menschlichem Verhalten fokussieren, stellt die evolutionäre Psychiatrie die Frage nach dem phylogenetischen „Gewordensein“ („ultimate causes“) der verhaltensgenerierenden Systeme. Damit begibt sie sich in Widerspruch zum Tabula-rasa-Modell der menschlichen Psyche, wie es im sozialwissenschaftlichen Standardmodell postuliert wird. Bei diesem Erklärungsansatz werden die vergleichende Verhaltensforschung und die Humanethologie, wie sie von K. Lorenz und I. Eibl-Eibesfeldt inauguriert worden sind, zu wichtigen Grundlagenfächern der Psychiatrie.

Abstract

In contrast to mainstream psychiatry which mainly focuses on the proximate causes of human behavior, evolutionary psychiatry tries to elucidate the ultimate causes of the systems involved in generating specific behavioral patterns. Thus, it is in contradiction to the tabula-rasa model commonly used in social sciences. Using this explanatory approach, it is shown that behavioral sciences like human ethology initiated by K. Lorenz and I. Eibl-Eibesfeldt provide an important scientific basis for modern psychiatry.

Obwohl Charles Darwin seine Evolutionstheorie bereits im Jahre 1859 publiziert hatte, dauerte es lange, bis dieser Erklärungsansatz in Medizin, Psychologie und Psychiatrie ernsthaft etabliert werden konnte. Gescheiterte Versuche, im kriminologischen („Kriminalanthropologie“) und im anthropologischen Bereich („Sozialdarwinismus“) wissenschaftliche Geltung zu erlangen, mögen zum Schwierigkeitsgrad dieses Unterfangens beigetragen haben. Einen neuen Anfang machte ab 1980 die „Darwinian Medicine“, welche ab etwa 1980 v. a. die Abwehrsysteme des Körpers (Fieber, Husten, Diarrhoe etc.) auf ihren evolutionär gewachsenen Nutzwert hin untersuchte.

Später versuchte die „Evolutionspsychologie“, das Verhalten von Menschen über die Ergebnisse von Anpassungsprozessen zu verstehen, aus welchen die kognitiven und behavioralen Mechanismen hervorgehen, welche bei Menschen aller Kulturen wiederzufinden sind. Dabei stützte man sich auf das Grundlagenwerk „Soziobiologie“ von E. O. Wilson, der jegliches tierische und menschliche Sozialverhalten anhand evolutionärer und erbbiologischer Prinzipien erklärte.

Die evolutionäre Psychiatrie setzte sich schließlich mit der Entstehung derjenigen wahrnehmenden, informationsverarbeitenden und steuernden Systeme auseinander, die an der Genese von pathologischem Erleben und Verhalten beteiligt sind. Damit sollte nicht die herkömmliche psychologische resp. psychodynamische Optik, welche auf die unmittelbaren Auslöser fokussiert, abgelöst werden. Vielmehr ergab sich nun ein erweitertes Erklärungsmodell, das drei Ebenen („ultimate level“ – „intermediate level“ – „proximate level“) umfasste (Tab.  1 ).

Somit wurde eine umfassendere Betrachtung von menschlichem Verhalten möglich, welche in angemessener Weise auch die individuell unterschiedlich angelegte Reaktionsbereitschaft mit einbezog. Im Folgenden sollen einige wichtige evolutionstheoretische Konzepte besprochen werden:

Darwins Diktum vom „survival of the fittest“ (nicht: „the strongest“) darf wörtlich genommen werden. Für das Bestehen im Existenzkampf muss „Fitness“ indessen sehr umfassend betrachtet werden, nämlich als die grundlegende Fähigkeit, seine Erbanlagen (Gene) an die nächste Generation weiterzugeben.

Für das Bestehen im Existenzkampf muss die „Fitness“ betrachtet werden

Somit beinhaltet die „Gesamt-Fitness“ einerseits die „reproductive fitness“, welche die Fortpflanzungsfähigkeit ihres Trägers bezeichnet. Dazu kommt jedoch die „inclusive fitness“, was bedeutet, dass ein Individuum auch durch Unterstützung seiner Blutsverwandten einem Teil der eigenen Gene zur Fortpflanzung verhelfen kann, was früher der „Arterhaltung“ subsumiert wurde. Damit wird der Überlebenswert der Kooperation betont, die ihrerseits eine evolutionäre Entwicklung durchlaufen hat. So werden heute drei Formen des kooperativen Altruismus, also des innerartlichen Sozialverhaltens, unterschieden:

  • Nepotistischer Altruismus: Dieser beschränkt sich auf die Unterstützung von Blutsverwandten.
  • Parochialer Altruismus (von Parochie = Pfarrei): Hier wird die Kooperation auf „Brüder und Schwestern im Geiste“ ausgedehnt, was die Bildung größerer und stärkerer Überlebenseinheiten ermöglicht.
  • Reziproker Altruismus: Hier wird mit jedem anderen kooperativen Individuum kooperiert, was im Prinzip weltweit möglich ist.

Von großer Bedeutung ist auch das elterliche Investment und die daraus sich ergebende sexuelle Selektion. Es liegt auf der Hand, dass weibliche Individuen bei der Fortpflanzung wesentlich höhere Risiken und Investitionen (vgl. Schwangerschaft etc.) auf sich nehmen als männliche. In diesem Sinne ist vonseiten dieses Geschlechts eine höhere Selektivität bei der Partnerwahl zu erwarten, was beim Menschen eindrücklich bestätigt werden konnte. So umfasst der Wunschkatalog der Männer im Wesentlichen bloß Jugend, Schönheit und Treue, währenddem Frauen auch auf langfristig zum Tragen kommende Qualitäten wie charakterliche Reife, hoher Sozialstatus, ergiebige Ressourcen u. v. a. m. achten. Dies auch im Hinblick auf die lange soziale Lernphase (Jugend) des Nachwuchses, in welcher dieser einer abgesicherten sozialen Nische bedarf.

Ebenfalls von Belang sind die sog. „Eltern-Nachkommen-Konflikte“, von denen der wohl offensichtlichste, nämlich der Konflikt um das Abstillen, paradigmatisch ist: Es ist bekannt, dass langes Stillen eine erneute Schwangerschaft der Mutter vereiteln kann, wodurch das Interesse der Mutter an einer weiteren Verbreitung ihrer Gene durchkreuzt wird.

Frauen nehmen bei der Fortpflanzung höhere Risiken auf sich als Männer

Wichtig ist auch die Betrachtung der „Umwelt der evolutionären Angepasstheit“: Hier ist zu berücksichtigen, dass der H. sapiens über 99 % seiner Entstehungsgeschichte unter steinzeitlichen Verhältnissen (Pleistozän) in Kleingruppen als Jäger und Sammler verbracht hat. Die numerische Obergrenze solcher Kleinverbände soll sich im Rahmen von 150 Individuen bewegt haben (Dunbar’s Number).

Zur evolutionären Grundausstattung

Eine hoch bedeutsame Rolle bei der Verhaltensregulierung spielen bei Mensch und Tier die Emotionen. Für diese können vier evolutionäre Axiome formuliert werden:

  1. Sie wurden entwickelt zur raschen Erkennung biologisch wichtiger Ereignisse.
  2. Sie fördern die Selektion, Organisation und Priorisierung des Informationsstromes.
  3. Sie sind leicht interpretierbar (von innen und außen).
  4. Sie beeinflussen das Verhalten in adaptivem Sinne.

Bei den stärker instinktiv gesteuerten Tieren liefern Emotionen die stärksten Steuerungsimpulse für das jeweilige Verhalten. Beim Menschen ist eine Abkoppelung des Verhaltens von der Emotionalität möglich, wenn die Kosten für ein stimmungskongruentes Verhalten zu hoch zu werden drohen. Wenn nun die Angst als psychiatrisch hochrelevante Emotion unter diesem Aspekt betrachtet wird, so wird deutlich, dass diese ein Warnsystem bildet, welches aktiviert wird, wenn hochprioritäre biologische Ziele gefährdet sind, sei es nun das physische Überleben, die körperliche Integrität, die soziale Integration, der eigene Rangstatus oder der Erhalt wichtiger Beziehungen.

Emotionen spielen bei der Verhaltensregulierung eine bedeutsame Rolle

Da Männer und Frauen unterschiedlichen Selektionsdrücken ausgesetzt waren, darf es nicht überraschen, dass typische Frauenängste (vor Vereinsamung, Misserfolg bei der Reproduktion u. ä.) von typischen Männerängsten (welche sich v. a. um Status- und Ressourcenverlust drehen) deutlich zu unterscheiden sind.

Wenn es um die Depression geht, so existieren hier verschiedene Erklärungsmodelle, welche dementsprechend unterschiedliche Depressionstypen erfassen:

So kann die Herbst-/Winterdepression in evolutionärer Sicht zumindest in Teilen als Rudiment des Winterschlafes interpretiert werden. Das Grundmuster der reaktiven Depression kann dagegen auf die Niederlage im sozialen Rangkampf unserer tierischen Vorfahren zurückgeführt werden, wobei ein Rückzugs-/Konservierungsverhalten als ursprünglich nützliche Verhaltensschablone zur Schonung der eigenen Ressourcen im Hintergrund steht. Die frühkindliche Deprivation mit der konsekutiven Sensitivierung der Stressachse reduziert die Belastbarkeit eines Individuums für die Zukunft und bereitet dysfunktionale Reaktionsmuster depressiver Art vor.

Noch strittig ist, ob die Suizidalität, welche ab einem gewissen Schweregrad von Depressivität nahezu obligatorisch auftritt, eine humanspezifische Weiterentwicklung des „psychogenen Todes“ ist, der bei Tieren in Situationen der Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit gut verbürgt ist. Als gesichert gilt, dass ein morbusunabhängiges, präsuizidales Syndrom mit eigenständigem Erbgang besteht, zumal hier bei monozygoten Zwillingen eine erhöhte Konkordanz gegenüber dizygoten Zwillingen festgestellt worden ist.

Als historische Belege könnten die ritualisierten Suizide der alten Menschen in Stammesgemeinschaften (zur Entlastung der jungen Generation) und die kollektiven Suizide in geschlossenen Gruppen (z. B. radikalen Sekten) angesehen werden. Auch heute noch gilt, dass unverheiratete und kinderlose Frauen höhere Suizidraten aufweisen als ihre stärker gebundenen Geschlechtsgenossinnen.

Ein weiteres einleuchtendes Beispiel liefert die „Anorexia nervosa“, deren geschätzte Prävalenz zwischen 0,5 und 3,7 % beträgt und die entgegen anderslautenden Meinungen auch in Drittweltländern vorkommt, wo jedoch die Pathoplastik gewöhnlich eine andere ist (eher religiös-asketische Ideale statt Schönheitsideale). Auch hier ist eine höhere Konkordanz bei monozygoten als bei dizygoten Zwillingen festgestellt worden. Das biologisch Bedeutsame daran ist die Einstellung der reproduktiven Funktion, wenn das Gewicht unter einen bestimmten „Triggerpoint“ fällt, wodurch dann der Umwelt eine sexuelle Unreife signalisiert und die Fortpflanzung wirksam aufgeschoben wird. In Zeiten der Nahrungsknappheit mag diese Strategie das Überleben der jungen Mutter und damit allfälliger späterer Kinder gesichert haben. Außerdem kann im Sinne des „nepotistischen Altruismus“ (vgl. „inclusive fitness“) die Fortpflanzung der Mutter durch die Tochter unterstützt werden (sog. „Helferin am Nest“).

Schwieriger zu erklären ist die phylogenetische Entstehung der Schizophrenie, für die bis heute kein allgemein anerkanntes Erklärungsmodell existiert, zumal auch im Tierreich keine Vorläufer zu entdecken sind (mit psychotomimetischen Substanzen lassen sich höchstens sinnlose motorische Stereotypien und andere katatone Symptome auslösen).

Persönlichkeitsstörung und Psychosomatik

In evolutionär-psychiatrischer Sicht empfiehlt es sich, Persönlichkeitsstörungen nicht nur als unterschiedlich ausgeprägte individuelle Fehlentwicklungen in Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt zu betrachten. Vielmehr drängt sich hier eine Betrachtungsweise auf, welche diese Störungen als Ausdruck grundlegender Lebensstrategien sieht, die jedoch aufgrund ihrer überstarken Rigidität maladaptiv werden:

Fasst man die Störungen des Cluster A ins Auge (paranoid, schizoid, schizotypisch), so dominiert hier als vorwiegendes biosoziales Ziel die Feindgewärtigung und die Vermeidung sozialer Risiken, was diese Individuen in verstärktem Maße für Wahnbildung anfällig macht.

Anders beim Cluster B (dissozial, narzisstisch etc.): Hier steht im Vordergrund die rücksichtslose Stillung eigener Bedürfnisse, wobei auch Täuschung, Manipulation und Ausbeutung gängige Taktiken sind, was diese Individuen jedoch verstärkt für Sucht und Delinquenz anfällig macht.

Im sog. Cluster C (selbstunsicher, vermeidend, zwanghaft) dominieren die Strategien des Rückzugs, der Vermeidung, daneben der Ritualisierung zur Angstabwehr, weshalb diese Individuen v. a. Dingen für Angst- und Zwangsstörungen anfällig sind.

Wenn es nun schließlich noch um die weit verbreiteten somatoformen Störungen geht, so sind diese auch unter dem Aspekt des abnormen Krankheitsverhaltens zu verstehen. Ein umrissenes Krankheitsbild besteht hier im Grunde nicht, da die klinischen Erscheinungsbilder mit über 30 Symptomen äußerst vielgestaltig sind. Sie kommen bei Frauen doppelt so häufig vor, wobei die Prävalenz bis zu 2 % betragen kann. Unter genetischem Aspekt interessiert die Tatsache, dass 10–20 % der Verwandten 1. Grades ähnliche Symptome zeigen und dass männliche Verwandte gehäuft eine antisoziale Persönlichkeitsstörung sowie Substanzmissbrauch aufweisen. Die Vermutung einer genetischen Grundlage wird gestärkt durch den Nachweis einer Konkordanz, die bei monozygoten Zwillingen höher als bei dizygoten ist. Fasst man noch die Tatsache ins Auge, dass diese Störungsbilder bei den Artgenossen „care taking behavior“ auslösen und nicht selten präsentiert werden, wenn es um Erlangung einer Rente geht, so stellt sich zumindest im Sinne einer Hypothese die Frage, ob darin eine Low-Risk-Strategie im Überlebenskampf zu sehen ist, umso mehr, als diese Störung sehr stark mit einem niedrigen Sozialstatus und sozioökonomischen Schwierigkeiten korreliert ist.

Fazit für die Praxis

  • Die evolutionäre Psychiatrie liefert viele Belege dafür, dass sich die neuronalen Grundlagen der menschlichen Psyche und ihrer Störungen nach denselben evolutionären Prinzipien entwickelt haben wie die strukturellen Merkmale anderer Organismen.
  • Gleichwohl reicht dieser Erklärungsansatz zum Verständnis der Ätiopathogenese der meisten psychischen Störungsbilder nicht aus, da die biologische Evolution des Zentralnervensystems beim Menschen durch die kulturelle Evolution überlagert wurde, welche ihre eigenen Anforderungen stellte und ihren spezifischen Selektionsdruck auf den Homo sapiens ausübte.
  • Damit muss von einer Doppelnatur des menschlichen Bewusstseins ausgegangen werden, welches sowohl ein natürliches Fundament als auch eine kulturelle Prägung aufweist.
  • Darüber, wie auch über eine Reihe weiterer brennender Fragen auf diesem Gebiet, werden die Bücher aber auch in Zukunft noch lange nicht geschlossen sein.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

T. Knecht gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine Studien an Menschen oder Tieren.

Tab. 1: Erklärungsmodell – 3 Ebenen
Aktualgenese: „proximate level“Ontogenese: „intermediate level“Phylogenese: „ultimate level“
Unmittelbare Auslösefaktoren Lern- und Erfahrungsgeschichte Entstehung der verhaltensgenerierenden Systeme
Führt zur aktuellen Reaktion Führt zur individuellen Disposition Führt auf genetischem Weg zur individuellen Konstitution

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