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„Böse, geheim & niederträchtig“

Bei der Verdammung der Masturbation, die in arabischen Medien aktuell diskutiert wird, geht es um wesentlich mehr als um Selbstbefriedigung. Es geht um den Machterhalt des Systems. Der Diskurs weist Parallelen mit jenem in Europa des 18. bis frühen 20. Jahrhunderts auf.

Der „Kreuzzug gegen Masturbation“, der in Europa jahrhundertelang geführt wurde, findet in ähnlicher Weise in der arabischen Welt statt. Offenbar soll damit auch ein befürchteter destabilisierender Effekt durch Einflüsse aus der westlichen Welt auf das eigene gesellschaftliche Ideal abgewehrt werden, stellt der Wiener Orientalist Dr. Lorenz Nigst in einer Untersuchung aktueller arabischer Literatur zu diesem Thema fest. Erschienen ist die Untersuchung Ende vergangenen Jahres in der „Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes“.

Masturbation – grundsätzlich für Männer und Frauen gleichermaßen – ist „schlecht“ und wird in der betreffenden Literatur, die sich in ihrer Argumentation gerne religiöser Texte bedient, dementsprechend bezeichnet: Als böse, geheime, niederträchtige oder teuflische Gewohnheit. Das Verhältnis zwischen der „bösen Gewohnheit“ und der Religion ist dabei reziprok: Wird die Masturbation nicht ausgerottet, so könnte die Religion zerfallen, die ernsthafte und demütige Ausübung der Religion kann ihrerseits die Praxis der Masturbation eliminieren. Zahlreiche gesundheitliche Folgeschäden werden in den untersuchten Texten angeführt, um die Verwerflichkeit der sexuellen Selbstbefriedigung, zu unterstreichen. Eine Argumentation, die, so Nigst, erst in der neueren Literatur aufzutreten scheint.

Die Liste der vermeintlichen Schäden reicht von der psychischen über die physische bis zur religiösen und gesamtgesellschaftlichen Ebene. Ein paar Beispiele: Das Masturbieren gefährdet das eheliche Sexualleben, weil Männer und Frauen im Masturbieren größeres Vergnügen empfinden könnten. Als Folge davon kann es zur Scheidung kommen. Die familiären Pflichten werden vernachlässigt, weil das Verlangen nach dem Masturbieren alles andere überwiegt. Sie werden aufgrund ihrer „schlechten Gewohnheit“ willens- und entscheidungsschwach, sie fühlen sich verachtungswürdig und depressiv.

Die Texte, in denen Krankheit und Siechtum als Folge des Masturbierens – vor allem für Männer – vorhergesagt werden, sind äußerst zahlreich, wie Nigst feststellt. Sie nennen Lähmung oder Tod, Kurzatmigkeit, Zittern der Beine – besonders des linken Beins – und pathologisches Untergewicht als mögliche Folgen. Besonders schädlich wirkt sich das Masturbieren auf die männlichen Geschlechtsorgane aus, was manche Texte sehr detailliert beschreiben. Masturbation kann zu Impotenz, einer schwachen Erektion, vorzeitiger Ejakulation, einem schmerzhaften, gebeugten Rücken, schmerzenden Gelenken und Knien und zu einer Schwächung des Nervensystems und der Muskeln führen.

Die Bedeutung dieser Thematik in aktuellen arabischen Texten zeigt sich in deren Befund der Masturbation als „Zeitkrankheit“. Damit wird die Angelegenheit Bestandteil einer viel breiteren Diskussion, in der es um sozio-kulturelle Veränderungen – oft speziell in den konservativ geprägten Golfstaaten – und Einflüsse geht, die die eigene Vision der Gesellschaft gefährden. Hier spielt auch der islamische Begriff der „fitra“, der vorbestimmten Natur des Menschen hinein, der sowohl seine Sexualität, aber auch seine Geschlechts- und seine Religionszugehörigkeit umfasst. Nur deren Beibehaltung kann nach Ansicht konservativ-islamischer Autoren verhindern, dass die islamische Identität zusammenbricht. Die Versuchungen der modernen Zeit und nicht zuletzt der westlich ausschweifenden Gesellschaften stellen aus dieser Sicht eine beträchtliche Gefahr dar.

Gesellschaftspolitisches Engagement als „Heilung“

Ziemlich politisch wird es denn auch bei den Empfehlungen, wie der Drang zum Masturbieren unterdrückt bzw. bekämpft werden könne. Einfachere Maßnahmen beschränken sich auf das Senken des Blicks. Darüber hinaus helfen eine intensivere Beschäftigung mit der Religion, Gedanken an die Armen und Waisen, an die Kranken und die Toten oder das Engagement im Wohltätigkeitsbereich.

Speziell jüngere Männer werden ermahnt, an politische Angelegenheiten zu denken, um ihren Drang zur Masturbation zu unterdrücken, sie sollen daran denken, dass die Al-Aqsa Moschee in fremder Hand ist und dass ihre Mütter und Schwestern in Palästina, Irak oder sonst wo vergewaltigt werden, während deren Ehemänner, Brüder und Väter hilflos zusehen müssen. „Und wo bist Du?! Du masturbierst, erfreust Dich an Musik und läufst Deinen Wünschen hinterher als ob Du ohne Verstand wärst!“ In Ihrem Kern sind die empfohlenen Mittel also genau so, wie die gewünschte Gesellschaft sein soll.

Ein beträchtlicher Teil der in der aktuellen arabischen Diskussion herangezogenen Argumentation findet sich bereits im europäischen Diskurs des 18. und 19. Jahrhunderts. Nachweisbar ist dabei eine explizite Referenz auf Fourniers „De l’onanism“ aus dem Jahr 1883. Aber das dürfte zahlreichen heutigen Autoren nicht bewusst sein.

Quelle: Lorenz M. Nigst: When the Left Leg Shakes: Some Observations about Contemporary Arabic Anti-Masturbation Literature, in: Wiener Zeitschrift für die Kunde vom Morgenland, Band 105, 2015.

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