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© Burroughs / AP
Schulmädchen räumen 1945 Trümmer vom Hof ihrer Schule. Die Traumata der Generation wirken oft noch lange später weiter.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 23. November 2015

Belastendes Erbe der Kriegsgeneration

Traumata aufgrund schockierender Erlebnisse während bewaffneter Konflikte können transgenerational weitergegeben werden.

Rätselhafte Ängste, ein nicht zu erklärender Druck und eine seltsame Trauer: Auch Jahrzehnte nach dem Kriegsende wirken die Folgen bei vielen Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration nach.

Der Krieg ist dieser Tage allgegenwärtig. Syrien, Irak, Libyen, Jemen, Afghanistan, Ukraine; überall sterben oder fliehen Menschen und werden traumatisiert. Zeitgleich feiert Deutschland und Österreich das Ende seines eigenen Kriegs. Dessen Schrecken wirken jedoch noch 70 Jahre später nach: in jenen, die ihn erlebt haben, ebenso wie in ihren Kindern und Kindeskindern.

Über die oft rätselhaften Traumata der Kriegserben forschen Dr. Gabriele Frick-Baer und Dr. Udo Baer seit vielen Jahren. Jetzt hat das Therapeuten-Ehepaar einen Ratgeber mit dem Titel „Kriegs-Erbe in der Seele“ veröffentlicht, der, wie es im Untertitel heißt, aufzeigt, „was Kindern und Enkeln der Kriegsgeneration wirklich hilft“.

Häufige Reaktion: Rückzug

Wer Krieg erlebt hat, Gewalt, Terror, Hunger und Tod, der reagiert darauf oft mit Rückzug. Das Grauen wird verdrängt und verschwiegen und die verletzte Seele durch eine harte Schale geschützt. Das überträgt sich auch auf die Kinder, die unter dem Schweigen ihrer Eltern ebenso leiden wie unter der emotionalen Kälte, in der sie aufwachsen, sowie unter der Härte und Strenge, in der man sie erzieht. Das Trauma setzt sich fort.

Viele Kinder der Kriegsgeneration empfinden rätselhafte Ängste, einen nicht zu erklärenden Druck und eine seltsame Trauer, die sie immer wieder überfällt, obwohl sie dazu eigentlich keinen Grund sehen. Die Wissenschaft fasst dieses Phänomen unter dem Begriff der transgenerationalen Weitergabe von Kriegstraumata zusammen.

In ihrem Buch schildern die Autoren den Fall einer Frau, die sich ständig ängstigte: Wenn sie in den Nachrichten Kriegsbilder aus Syrien sah oder ihre Tochter zu spät nach Hause kam, mitunter kam die Angst auch buchstäblich „aus dem Nichts“. Ihrer Therapeutin erzählte sie, dass ihre Eltern nie Angst gezeigt, nie über ihre Ängste gesprochen und die Angst der Tochter stets ignoriert hätten. Dennoch sei die Angst latent immer spürbar gewesen.

Vererbtes Trauma als Ursache

Die Therapeutin hakte nach, bis ihre Patientin erzählte, dass die Eltern im Krieg und in den Nachkriegsjahren schwere Traumata erlitten hatten, über die „man“ aber damals nicht redete, weil ja jeder Schlimmes erlebt hatte und von keiner Seite Trost zu erwarten war. Das eigene Trauma hatten die Eltern an die Tochter weitergegeben.

Kinder und Enkel können auf vielfältige Weise unter den Folgen kriegstraumatischer Erfahrungen der Eltern und Großeltern leiden. Frick-Baer und Baer beschreiben beispielsweise Menschen, die unfähig sind zu trauern, deren Schreckhaftigkeit pathologische Züge hat, die keine Schmerzen zeigen, ständig unter Leistungsdruck stehen, vermeintlich ohne Grund in ein schwarzes Loch fallen, sich einsam, schuldig oder heimatlos fühlen, mit ihrem Mann- oder Frausein hadern, keine stabilen Beziehungen eingehen können oder vor einem Karrieresprung plötzlich zurückschrecken.

Die Autoren betonen, dass es im Einzelfall für jedes dieser Probleme spezielle Gründe geben kann, dafür mitunter jedoch auch ein vererbtes Trauma ursächlich ist.

Das Schweigen dominierte

Viele Kinder und Enkel erleben ihre Eltern oder Großeltern als große Schweiger, hart gegen sich und andere, die nichts wegwerfen können, von ihren Kindern verlangen, immer alles aufzuessen, ständig fürchten, dass jemand „verloren“ gehen könnte und sich ansonsten aus allem herraushalten.

Bei näherer Betrachtung sind viele ihrer Eigenarten zwar maßlos, aber vor dem Hintergrund ihrer Biografie durchaus verständlich. Dennoch, so betonen die Autoren, gebe es für die Nachgeborenen viele Gründe, sich vom Verhalten der (Groß-)Eltern abzugrenzen: „Verstehen heißt nicht verzeihen.“ Die Therapeuten schlagen eine Therapie in drei Schritten vor:

1. begreifen, dass das eigene Problem ererbt wurde (die „Meinhaftigkeit“ stärken),

2. das Irritierende an den Eltern oder Großeltern verstehen lernen (durch einfühlsame Fragen)

3.eigene Wege suchen, sich von der Last des ererbten Traumas zu befreien

Symbolischen Rucksack abgeben

Einige Methoden dazu stellen das Ehepaar vor: beispielsweise bewusst beiseitezutreten, fortzugehen, sich wegzudrehen oder einen symbolischen Rucksack zu entleeren.

„Die Kette der Traumaweitergabe muss unterbrochen werden“, erklären sie nachdrücklich, „damit nicht auch noch unsere Kindeskinder unter den Kriegsfolgen leiden müssen.“

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