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Psychiatrie und Psychotherapie 23. November 2015

Die Schmerzen danach

Selbst nach schwerer Traumatisierung durch Folter oder Vergewaltigung liegt das PTBS-Risiko bei 50 Prozent.

600.000 Österreicher sind einmal im Leben von traumatischen Ereignissen betroffen. Sowohl in der International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems 10 (ICD-10) als auch im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders IV (DSM-IV) werden im Traumakriterium Ereignisse gefasst, die eine „außergewöhnliche Belastung mit katastrophalem Ausmaß“ (ICD-10) oder eine „Konfrontation mit tatsächlichem oder drohendem Tod, ernsthafter Verletzung oder sexueller Gewalt“ (DSM-IV) darstellen.

Eine häufig gebrauchte Einteilung traumatischer Ereignisse findet sich bei Maercker (2009). Bei dieser Einteilung werden zum einem die Dauer/Wiederholung der traumatischen Erfahrungen (einmalig/kurzfristig vs. mehrfach/langfristig) und zum anderen die Verursachung (akzidentielle vs. interpersonelle Traumata) unterschieden. Interpersonelle Traumata sind absichtlich von Menschen verursachte Ereignisse, während akzidentielle Traumata nicht absichtlich verursacht sind. Das Erleben eines traumatischen Ereignisses ist nicht zwangsläufig mit der Entwicklung einer PTBS verbunden. Selbst nach schwersten Traumatisierungen, wie Vergewaltigung oder Folter, liegt das Risiko eine PTBS zu entwickeln bei etwa 50 Prozent. Bei anderen Traumata liegt das Risiko zum Teil deutlich niedriger. Nach derzeitigem Forschungsstand ist davon auszugehen, dass interpersonelle Traumata und langfristige oder wiederholte Traumata zu stärkeren Beeinträchtigungen führen als kurzfristige/einmalige und akzidentielle Traumata. Darüber hinaus wird Traumazeugenschaft als Ursache für PTBS in Betracht gezogen. Obwohl diese relativ häufig ist, führt sie deutlich seltener zur PTBS als selbst erfahrene Traumatisierungen.

Oft sind mehrere Traumata

Die Häufigkeit traumatischer Erfahrungen variiert über verschiedene Studien deutlich. Über alle Altersgruppen hinweg geben in deutschen Bevölkerungsstudien meist 20 bis 30 Prozent der Befragten an, mindestens ein Trauma erlebt zu haben, wobei höhere Werte in der älteren Bevölkerung gefunden werden. Eine Studie von Spitzer et al. identifizierte einen deutlich höheren Anteil von 54,6 Prozent der Bevölkerung mit mindestens einem traumatischen Ereignis. Ein relativ großer Anteil der Personen mit traumatischen Erfahrungen berichtet mehr als ein Trauma. In der Studie von Maercker et al. berichten 24,6 Prozent mindestens ein traumatisches Ereignis, fast die Hälfte davon (49,7 %) mehrere Ereignisse. Studien zeigten, dass mit steigender Zahl traumatischer Erfahrungen, die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eine PTBS steigt.

Ziel der hier vorgestellten Analysen ist es, die Bedeutung von Art und Anzahl traumatischer Erfahrungen für das Auftreten von partieller PTBS und PTBS anhand einer repräsentativen Untersuchung der deutschen Bevölkerung zu untersuchen.

Von 2510 Befragten gaben 599 Personen (23,8 %) mindestens ein traumatisches Ereignis an. 100 Personen gaben an, direkter Zeuge eines Traumas gewesen zu sein. 196 Personen berichten von interpersonellen Traumata. Dazu zählen Kriegshandlungen (n=50), Ausbombung (n=39), körperliche Gewalt (n=28), Vergewaltigung (n=9), sexueller Missbrauch im Kindesalter (n=15), Heimatvertreibung (n=51), Gefangenschaft/Geiselnahme (n=4). 145 Personen berichten von akzidentiellen Traumatisierungen: Naturkatastrophen (n=4), Unfälle (n=77), schwere Erkrankungen (n=64).Mit steigender Zahl traumatischer Erfahrungen steigt die Wahrscheinlichkeit für eine partielle PTBS oder PTBS. Weniger eindeutig sind die Befunde zur Art der Traumatisierung. Interpersonelle und akzidentielle Traumatisierungen haben einen ähnlich engen Zusammenhang mit PTBS. Die partielle PTBS ist bei akzidentiellen Traumatisierungen sogar häufiger. Geht man davon aus, dass akzidentielle Traumatisierungen als weniger folgenschwer betrachtet werden, ist der Befund, dass bei diesen mehr partielle PTBS auftritt als bei interpersonellen Traumatisierungen als erwartungskonform zu betrachten. Die Ergebnisse zeigen, dass Traumazeugenschaft zu (partieller) PTBS führen kann und unterstreichen die Rolle als mögliches traumatisches Ereignis in den diagnostischen Kriterien.

Der Originalartikel „Traumatisierung und posttraumatische Belastungsstörungen“ ist erschienen in „Der Nervenarzt“ 7/2015, DOI 10.1007/s00115-014-4235-z, © Springer Verlag.

Martin Burger, Ärzte Woche 48/2015

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