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Psychiatrie und Psychotherapie 20. November 2015

Zeuge des Terrors von Paris

Andreas Bohrer erlebte die Nacht der Anschläge in einer Pariser Bar. Er blieb ganz ruhig. Anfangs.

Der Springer-Verlagsmitarbeiter und seine Lebensgefährtin stürzten sich in der Nacht von Freitag auf Samstag ins Nachtleben der Metropole. Um 23 Uhr endete der entspannte Abend, als Menschen in Panik an ihrem Lokal vorbeiliefen.

Schwein gehabt. Was soll sich Andreas Bohrer anderes denken, nach dem was er erlebt hat. „Ich habe Schwein gehabt.“ Und das gleich doppelt. Erstens weil Bohrer und seine Lebensgefährtin während ihres privaten Paris-Wochenendes ausnahmsweise nicht bei einer Cousine gewohnt haben, und zweitens, weil sich Bohrer und seine Frau für eine Bar entschieden hatten, die, wie die Wohnung außerhalb der Gefahrenzone lag. „Das ist alles unangenehm nahe irgendwie“, meint der Verlagsmitarbeiter bei Springer. Auch weil Bohrer die Anschlagsorte wie den Konzertsaal Bataclan und das Restaurant Le Petit Cambodge schon öfters frequentiert hat. Nur eben nicht in dieser Nacht vom Freitag den 13. Auf Samstag den 14. November.

Der Abend hatte angenehm begonnen. Nach einem guten Essen wollte man um 23 Uhr noch auf einen Absacker. Doch aus dem gemütlichen Tagesausklang wird nichts. Denn auf den Straßen ereignet sich Eigenartiges. „Plötzlich haben sich die Menschen nach Hause bewegt, in einer Bar in Paris um 23 Uhr ist das seltsam, um diese Uhrzeit fängt das Nachtleben normalerweise erst an.“ Das Paar geht in eine andere Bar in die Rue Bergère. Dort erhält Bohrers Lebensgefährtin einen Anruf ihrer Tochter, die wissen will, wo die beiden steckten, und, als sie ihr antworten, in der Nähe von Les Halles, in Panik verfällt: „Seid ihr wahnsinnig, ihr müsst sofort weg, da wird geschossen.“

Im TV laufen bereits die ersten Berichte über die Anschlagserie.

Bohrer beschreibt sich selbst als rationalen Menschen, er will der Sache auf den Grund gehen: „Ich bin jemand, der sehr sachlich ist, ich hasse Panik, die schaltet das Hirn aus, ganz ruhig habe ich gesagt, jetzt checken wir vor Ort, was da ist, in weiterer Folge ist die Hektik draußen immer ärger geworden, Einsatzfahrzeuge sind in irrem Tempo vorbeigefahren und du hast gemerkt, da entsteht ein Chaos. Dann, ich bilde mir das sicher nicht ein, habe ich auch Schüsse gehört.“

300 Meter war das Paar von einem der Anschlagsorte entfernt. Der Barbesitzer schließt das Lokal, Bohrer weiß nicht wohin.

Sie umgehen den Strom der Flüchtenden über Nebenstraßen, sie wollen zurück in ihre Wohnung. Doch die liegt hinter einer Straßensperre. Der Beamte lässt sie nicht durch, was passiert ist, wisse er auch nicht. Er sei aus Reims, „Madame, je ne sais pas“ – Madame, ich weiß es nicht, sagt er zur Bohrers Lebensgefährtin.

Mit dem Taxi fahren sie in das Hotel, in dem ihre Freunde untergebracht sind. Dort bedarf es einiger Überredungskunst, den Rezeptionisten zu einem Preisnachlass zu überreden. Schließlich einigt man sich wegen der Notlage des Paars auf 170 Euro statt 200. „Die Zahnbürsten haben wir gratis bekommen.“

Am nächsten Tag waren die Pariser Cafés zwar offen, aber niemand nippte an seinem Café au lait, die Menschen sind mit ernster Miene unterwegs. „Da war ein Mief des Desasters.“

Verdächtiger am Flughafen

Die beiden sind mittlerweile wohlbehalten wieder in Wien gelandet, doch selbst der Abflug hielt noch Überraschungen bereit. Bohrer, gleichermaßen erschreckt wie fasziniert: „Ich saß am Gate und habe etwas gelesen. Ich bemerkte eine Bewegung, die ich nicht zuordnen konnte, da waren vier Sonderbeamte, die einen Typen ‚neutralisierten‘, die haben den in einer abenteuerlichen Choreografie umgerissen, mit Kabelbindern gefesselt, den Mund verklebt. Dann ist ein Fünfter mit einem Rollstuhl gekommen, die haben den Verdächtigen draufgesetzt, dann sind sie mit dem schnell weg, haben ihn in einen neutralen SUV eingeladen. Das Ganze hat nicht einmal eine Minute gedauert, die umstehenden Leute haben das teilweise gar nicht bemerkt und ich habe so etwas in einer perfekten Choreografie noch nie gesehen.“

Martin Burger, Ärzte Woche 47/2015

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