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Psychiatrie und Psychotherapie 15. September 2015

Depressionen bei onkologischen Patienten

Depressionen sind bei Menschen mit Krebserkrankungen, ebenso wie bei anderen chronisch Kranken, häufiger als  in der Durchschnittsbevölkerung. Da eine Depression einen negativen Einfluss auf Behandlung und Prognose onkologischer Patienten hat, sollte ein routinemäßiges Depressionsscreening und gegebenenfalls die Gabe eines  Antidepressivums wie auch das Angebot einer psychotherapeutischen Unterstützung Bestandteil jedes Therapieplanes bei onkologischen Patienten sein. Darüber sprachen wir mit Ao. Univ.-Prof. Dr. Nicole Praschak-Rieder, leitende Oberärztin an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien. 

Was sind die Besonderheiten einer antidepressiven Therapie bei onkologischen  Patienten?
Univ.-Prof. Dr. N. Praschak-Rieder:  Das Management einer depressiven Erkrankung bei onkologischen Patienten  unterscheidet sich nicht grundsätzlich  von dem anderer depressiver Patienten  und beruht im Wesentlichen auf Pharmakotherapie, stützender Psychotherapie und gegebenenfalls auch anderen  adjuvanten therapeutischen Maßnahmen. Die Pharmakotherapie mit Antidepressiva darf keinesfalls als Alternative oder Ergänzung zur Psychotherapie  gesehen werden, sondern hat vielmehr  einen eigenen Stellenwert. Bei Vorliegen einer Depression ist der Einsatz  von Antidepressiva State oft the Art. Jeder Therapie sollte aber eine möglichst  exakte Diagnose vorangehen. Im klinischen Alltag bewährt es sich, folgende  zwei Fragen zu stellen:  „Gab es während der letzten 4 Wochen, eine Zeit,  in der Sie sich fast jeden Tag nahezu  durchgängig niedergeschlagen oder  traurig gefühlt haben?“  Wenn ja:  „Wie   lange hielt dies an?“  Die zweite Frage  sollte  lauten: „ Haben Sie während der  letzten 4 Wochen Freude oder Interesse an fast allen Aktivitäten verloren,  die Ihnen normalerweise Freude bereiten?“  Wenn ja:  „Wie lange hielt dies  an?“
Wenn beide Fragen mit „ja“ beantwortet werden und die Symptome mindestens 2 Wochen angehalten haben, kann man mit hoher Treffsicherheit eine Depression diagnostizieren. Die Sensitivität liegt hier bei etwa  96 %.

Was ist Ihrer Meinung nach bei der Therapie mit Antidepressiva bei onkologischen  Patienten besonders zu beachten?
Univ.-Prof. Dr. N. Praschak-Rieder: Praktisch alle Antidepressiva sind, vereinfacht gesprochen, Substanzen die  die Konzentration der Neurotransmitter Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im synaptischen Spalt erhöhen  und damit über verschiedene Wege  eine gestörte Signalübertragung wieder in ein Gleichgewicht bringen. Antidepressiva wirken antriebssteigernd,  stimmungsaufhellend, angstlösend  und antisuizidal. Auch die zugrunde  liegenden Biorhythmusstörungen wie  Ein- und Durchschlafstörungen, vorzeitiges Erwachen, Tagesschwankungen  der Stimmung bessern sich. Den dual  wirksamen Antidepressiva (SNRI, v.  a.  Duloxetin, Milnacipran) wird auch eine  gute schmerzsenkende Komponente  zugeschrieben, die man in der Onkologie nutzen kann. Von entscheidender Bedeutung  ist aber das Interaktionspotential von  Antidepressiva mit Chemotherapeutika und anderen in der Onkologie eingesetzten Medikamenten. Hier gilt der  einfache Grundsatz, je weniger mögliche Interaktion, desto besser!

Was sind die „Go and No goes“ bei den  Antidepressiva im Hinblick auf onkologische Patienten?
Univ.-Prof. Dr. N. Praschak-Rieder: Beginnen wir bei der umfangreichen Liste der „No goes“, bei deren Ausschluss  die Liste der „Goes“ leider recht kurz ist:  Aufgrund ihrer ausgeprägten Interaktionsproblematik sind die Trizyklischen  Antidepressiva (Amytryptilin), einige  SSRI, wie zum Beispiel Paroxetin, Fluoxetin und Flufoxamin sowie das Johanniskraut (Hypericum) zu meiden. Zu beachten ist auch, dass praktisch alle SSRI  die QTc-verlängernde Wirkung vieler  onkologischer Medikamente verstärken und sexuelle Nebenwirkungen  recht häufig sind, die sowohl Männer  als auch Frauen betreffen. Duloxetin  wiederum kann zu einem Anstieg der  Leberenzyme führen, was man bei onkologischen Patienten doch speziell beachten sollte. Das geringste Interaktionsrisiko weisen Mirtazapin, Milnacipran und Sertalin auf, die im Rahmen einer onkologischen Therapie aus den oben angeführ - ten Gründen bevorzugt werden sollten,  mit einer gewissen Präferenz für Milnacipran, da es als einziges Antidepressivum  nicht über das Cytochrom-System verstoffwechselt wird und zudem schmerzdämpfende Eigenschaften aufweist. Mit interaktionsarmen Psychopharmaka ist man nicht nur bei der aktuellen onkologischen Therapie auf der  sicheren Seite, man sollte nicht vergessen, dass fast im Monatstakt neue  Krebsmedikamente mit unterschiedlichsten Wirkprinzipien zugelassen und  eingesetzt werden, die antidepressive Therapie aber nicht abrupt beendet  oder verändert werden soll.

Vielen Dank für das Gespräch!

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