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Nächtliches Erwachen ist ganz normal – das Problem beginnt, wenn man sich darüber ärgert.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 14. September 2015

Gestörter Schlaf – schlechter Tag

Der subjektive Eindruck der Schlafqualität kann täuschen, aber anhaltende Schlafstörungen gefährden die Gesundheit.

Ausreichend zu schlafen, ist für manche Menschen ein echtes Geschenk. Entweder schlafen sie erst spät ein oder nicht richtig durch. Doch keineswegs jeder, der sagt, er schlafe zu kurz, hat eine behandlungsbedürftige Störung. Tatsächliche Schlafstörungen sind allerdings mit einem erhöhten Gesundheitsrisiko verbunden.

Der Schlaf-Wach-Rhythmus folgt einem circadianen Muster: Er wiederholt sich kontinuierlich nach etwa 24 Stunden. Der körpereigene Rhythmus wird dabei mit dem äußeren Hell-Dunkel-Rhythmus durch das Tageslicht synchronisiert. Wesentlich daran beteiligt ist das Neurohormon Melatonin, das bei Dunkelheit in der Epiphyse gebildet wird. Die Konzentration an Melatonin steigt in der Nacht um das Zehnfache an, wobei das Maximum gegen drei Uhr morgens erreicht wird. Auch im Lauf der Jahreszeiten schwankt die Ausschüttung von Melatonin: Im Winter wird mehr gebildet, im Sommer weniger.

Neben Melatonin folgen weitere körpereigene Botenstoffe dem Schlafrhythmus. Das Wachstumshormon Somatotropin wird im REM-Schlaf freigesetzt und steuert Regenerationsprozesse. Das Nebennierenrindenhormon Cortisol wird gegen Morgen freigesetzt und vermittelt den Aktivitätsschub für den Tag.

Probleme mit dem Schlaf

Probleme mit dem Schlaf sind nach Selbsteinschätzung häufig, behandlungsbedürftig sind etwa zehn bis 20 Prozent. Da Schlafstörungen, wenn sie nicht behandelt werden, zu unterschiedlichsten psychischen und physischen Problemen führen können, ist eine sorgfältige Abklärung notwendig. Unfälle, Depressionen, bis zu einer erhöhten Selbstmordneigung, aber auch kardiovaskuläre Erkrankungen und Diabetes können eine Folge von Schlafstörungen sein bzw. diese zusätzlich verschlechtern. Die entscheidende Frage für die Diagnose lautet: „Fühle ich mich tagsüber überwiegend fit?“ Die Störung muss dann behandelt werden, wenn der Alltag durch Müdigkeit beeinträchtigt ist und die Schlafstörungen mindestens dreimal in der Woche einen Monat lang auftreten.

Subjektive Schlafqualität

Laut dem Regensburger Schlafforscher Jürgen Zulley wird jeder Mensch durchschnittlich 28 Mal pro Nacht wach, Wachphasen unter drei Minuten werden jedoch vergessen. Nächtliches Erwachen ist also ganz normal. Das Problem beginnt erst, wenn man nicht mehr einschlafen kann und sich darüber ärgert. Bewusste Wachphasen ereignen sich etwa ein- bis viermal pro Nacht. Wer noch häufiger längere Zeit wachliegt, empfindet seinen Schlaf meist als gestört.

Königsweg Entspannung

Viele Menschen leiden zwar nicht an einer Schlafstörung im engeren klinischen Sinn, sie sind jedoch mit ihrem Schlaf unzufrieden, was diesem weiter schadet. Entspannung ist der Königsweg zu einem erholsamen Schlaf, egal, wie die Entspannung erreicht wird, ob über autogenes Training, Yoga oder andere Methoden. Wer sich all diese Erkenntnisse bewusst macht, bleibt gelassener und kann dadurch den Kreislauf aus Sorgen und Wachsein durchbrechen. Denn kommen zum Wachliegen Grübeleien hinzu, verstärkt sich die falsche Wahrnehmung bezüglich der Schlafqualität.

Auch wenn die meisten Menschen ihre Schlafprobleme überschätzen, können länger anhaltende Schlafstörungen die Gesundheit beeinträchtigen, zu Übergewicht, Gedächtnislücken und nachlassenden kognitiven Leistungen führen. In den vergangenen Jahren wurden zunehmend Zusammenhänge von suizidalen Gedanken und Verhaltensweisen mit Schlafstörungen beobachtet. Diese Assoziation lässt sich möglicherweise durch eine verminderte serotonerge Aktivität bzw. ein Serotonindefizit-Syndrom erklären, berichten Norra et al. Demnach sei also Serotonin für die Verbindung von Schlafstörung und Suizidalität mit verantwortlich ist. Chronorhythmologisch interessant sei, dass Suizidversuche und Selbstverletzungen eher abends stattfinden, vollendete Suizide dagegen in den Morgenstunden. Eine unverhältnismäßig hohe Inzidenz gebe es zwischen 2:00 und 3:00 Uhr morgens bezogen auf alle, über einen 24-Stunden-Rhythmus potenziell stündlich wachen Individuen. Offen bleibe, inwieweit andere Zeitgeber von Bedeutung sind, ebenso potenzielle Einflüsse von Melatonin oder zirkadianen Genen.

Im ersten Schritt bei der Behandlung von Schlafstörungen ist es wichtig, den Patienten zu beruhigen und ihm einfache Regeln für die Schlafhygiene zu vermitteln. In einem zweiten Schritt können verschiedene Methoden zur Entspannung angeregt werden. Bei schwereren Störungen haben sich kognitiv-verhaltenstherapeutische Methoden zur kurz- und langfristigen Therapie von Schlafstörungen bewährt. Erst wenn alle nicht medikamentösen Wege ausgeschöpft sind, soll eine medikamentöse Therapie erwogen werden. Häufig helfen pflanzliche Arzneimittel zur Behandlung der nervösen Unruhe, um den Stress abzubauen und die Schlafbereitschaft zu erhöhen. Eine eindeutige Indikation für den Einsatz von Schlafmitteln sind akute Schlafstörungen, die durch körperliche oder seelische Traumata hervorgerufen werden.

Wege in den Schlaf

Angenehme Bedingungen, wie ein dunkler, kühler, ruhiger Raum, sind zum Schlafen ideal. Dennoch sollte jeder erst Schlafen gehen, wenn er wirklich müde ist, und aufstehen und sich ablenken, wenn sich der Schlaf nicht einstellt. Coffeinhaltige Getränke kurz vor dem Schlafengehen und regelmäßiger Alkoholkonsum können die Schlafqualität ebenfalls beeinträchtigen.

Z-Substanzen. Zopiclon, Zolpidem und Zaleplon: auch als Nicht-Benzodiazepin-Rezeptoragonisten bezeichnet – stimulieren, ebenso wie Benzodiazepine, die Wirkung des Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure (GABA) an GABA-A-Rezeptoren. Benzodiazepine und Z-Substanzen binden an etwas unterschiedlichen Stellen des Rezeptors, doch in ihrer Wirksamkeit als Schlafmittel unterscheiden sie sich nicht.

Das Schlafhormon Melatonin ist in retardierter Form auf dem Markt und als Arzneimittel zugelassen für Patienten ab 55 Jahre. Die Tabletten sollten ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen eingenommen werden. Außerdem ist ein Abstand von ein bis zwei Stunden zum Essen einzuhalten, da die Resorption von Melatonin bei leerem Magen deutlich besser ist.

Die Aminosäure L-Tryptophan wird im Körper in den Botenstoff Serotonin umgewandelt und gilt als „natürliches Antidepressivum“, das auch den Schlaf fördert.

Als einzige synthetische Wirkstoffe, die rezeptfrei erhältlich sind, stehen für die Behandlung von Schlafstörungen H1-Antihistaminika zur Verfügung, deren anticholinerge Nebenwirkungen vorwiegend bei älteren Patienten auftreten.

Eine gern genutzte Alternative bei Schlafproblemen sind pflanzliche Arzneimittel. Einer ihrer Vorteile ist, dass sie nicht zu einem Hang-over-Effekt führen. Darüber hinaus haben sie in der Regel kaum Nebenwirkungen. An pflanzlichen Arzneimitteln stehen vor allem Baldrian, Hopfen, Passionsblume und Melisse sowie Lavendel zur Verfügung. Auch homöopathische Mittel werden als Alternative zu pharmakologischen Präparaten gerne eingesetzt.

Schlaf betrifft uns alle

Zu irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens hat fast jeder einmal Probleme mit seinem Schlaf. Der Trend in der Gesellschaft geht derzeit eher in Richtung zu wenig Schlaf, da viele meinen, sich Schlaf nicht mehr leisten zu können oder zu wollen. Schlafmangel und Schlafstörungen verursachen oft folgenreiche Probleme.

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Quelle: Ch. Norra, N. Bremshey: Die Bedeutung von Schlafstörungen für die Prävention von Suizidalität, in: Somnologie 2015 • 19:105–115

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